Hitchcocks Filme erinnern mich immer mehr an literarische Genies. Ich wage zu behaupten, dass Hitchcock das Genre Film gar nicht mal so hochgeschätzt hat, wie stets angenommen wird. Er war, meiner Ansicht nach, einer der kritischsten und aufklärerischsten Filmkünstler, der zu seinem eigenen Medium, dem bewegten Bild, eine kritische, reflektierende Distanz hatte. Und er ist beseelt von dem Wunsch, den Zuschauer zur Reflexion über seine (des Zuschauers) eigene Haltung und Seh- und Gefühlserfahrung zu bewegen. Er hat diese Absicht nie offen ausgesprochen, vielmehr hat er den Zuschauer, geringschätzig, mit einer "Orgel" verglichen, auf der er jede Gefühlstaste nach Belieben anzuschlagen und dementsprechende Gefühlsreaktionen hervorzurufen wüsste. Aber dies ist wohl darauf zurückzurufen, dass er sehr früh die Erfahrung machte, dass der Zuschauer ein sensationslüsterner und absolut skrupelloser Genießer fremden Leids ist. Aus dem Orgelvergleich spricht viel Verachtung für die medial beliebig manipulierbare Masse, die nur allzu gern hinters Licht geführt und betrogen werden möchte. Es ist nicht weit hergeholt zu sagen, dass Hitchcock die Kamera, die Unverschämtheit, Aufdringlichkeit und das Wollüstig-Schnüffelnde des Kamera-Auges geradezu verabscheut hat (in einem seiner frühesten Filme, "Easy Virtue", wird diese Aversion zum ersten Mal sehr deutlich angesprochen).
Auch in "I Confess", den man selbstredend in der Originalsprache anschauen sollte (Hitchcocks Filme sind unübersetzbar, schon allein aus Gründen der Sprachenvielfalt und Sprachenkonfrontation in seinen Filmen, wie auch in diesem Film; jede Synchronisation ist verheerend), auch in diesem Film wird, wie in Balzacs Romanen, ein Teil des menschlichen Universums in all seinen Details beleuchtet. Dabei erweist sich Hitchcock, wie Balzac, als ein Meister in der Kunst des Schweigens. Nicht nur, dass dieser Film vom Thema her schon von Schweigen schlechthin handelt (an anderer Stelle allerdings auch sehr wohl von Reden und Enthüllen); Hitchcock lässt die Gestalten seiner Filme niemals alles dem Zuschauer auf dem Tablett servieren; das hebt ihn auf die gleiche Stufe, auf der auch Balzac und andere Genies stehen.
Es gibt erstaunlicherweise die Annahme, dass bei Hitchcock Sprache und Dialoge eine völlig untergeordnete Rolle spielten. Man betrachte einmal, wie intelligent, charmant und voller Witz und hintergründiger Ironie schon allein die Dialoge in Hitchcocks Filmen sind und so auch in "I Confess". Ein guter Film lebt immer und sogar in erster Linie von guten Dialogen, die nicht schablonenhaft und nach dem gewohnten "Blabla" klingen (wovon die allabendlich ausgestrahlten Fließbandkrimis im Fernsehen, ganz dem Zeitgeschmack verhaftet, voll sind). Wenn ein Film nur das Sehen allein anspricht, wird er nicht überleben (Stummfilme ausgenommen); er muss auch den Intellekt genauso wie die Tiefenschichten des menschlichen Herzens ansprechen und den Zuschauer zum Nachdenken, Zweifeln, Forschen, Ergründen bewegen. "Nachdenken, zweifeln, forschen, ergründen, mitempfinden"? Aber was würde passieren, wenn das Fernsehen es sich einfallen ließe, zum Nachdenken, Zweifeln, Forschen, Ergründen und Mitempfinden zu bewegen? Dann hätten wir ja intelligente, hinterfragende Zuschauer, die auch noch mitempfänden und unbequem werden könnten, d.h. wir hätten schon wieder die Aufklärung, dieses Übel, dessen Ausrottung die Politiker so viel Schweiß und Zungenarbeit gekostet hat - und immer noch kostet.
Doch zurück zu "I Confess". Hitchcock zeigt auf unnachahmliche Weise, wie zwei völlig unterschiedliche Lebensläufe, nämlich das von Otto Keller und seiner Frau Alma (beide Deutsche Auswanderer, die im Film in den emotional entscheidenden Situationen tatsächlich auch auf Deutsch reden, so vor allem Alma) und das von Pater Logan und Ruth Grandfort in der für den Film nur beiläufigen Figur Vilettes aneinander gekettet werden, und wie der Polizeikommissar und der Staatsanwalt (Letzterer ein guter Freund der Familie von Ruth), versuchen, diesen Knoten, ganz und gar geleitet von ihren eigenen Projektionen und unterbewussten Wünschen, zu lösen. Hitchcock zeigt (ähnlich wie in "The Paradine Case") wie skrupellos ein Anwalt von der Macht, die ihm die Justiz und die Unpersönlichkeit des Gerichtssaals verleihen, Gebrauch macht, um ganz persönliche und lustvolle Neugierde zu befriedigen.
Genau wie jeder andere Film von Hitchcock, und zwar wirklich wie JEDER andere Film von Hitchcock (die angeblich "schlechten" wie die bekanntlich guten mit inbegriffen), ist "I Confess" unerschöpflich. Wer "I Confess" anschaut, sollte auch, zum Vergleich, den erwähnten "The Paradine Case" anschauen. Letztlich erschließen sich die Schönheiten in den Filmen Hitchcocks nur dann, wenn man sich diese Filme mehrmals anschaut (und zwar in der Originalsprache) und wenn man sich möglichst mit allen seinen Filmen auseinandersetzt.
Es ist dies das Geheimnis Hitchcocks: seine Filme bereiten sowohl dem Einmalseher als auch dem "Tatort"- und "Verbotene Liebe"-Geschädigten als auch dem Filmforscher als auch dem Philosophen Genuss und geben ihnen allen Grund, seine Filme immer wieder und immer wieder anzuschauen und jedesmal als etwas Neues zu erleben.