Frage: Wer weiß, wo Günter Wallraff gerade ist? Antwort: Keine Ahnung, aber man sollte sich den neuen Pabst aus Polen mal ganz genau ansehen. - So witzelte man schon Ende der 70er Jahre über den Verkleidungskünstler, Maskeraden-Spezialist und Scharadenschauspieler unter den Reportern. Wie kein anderer hat Günter Wallraff in den letzten fast 40 Jahren mit seinen Reportagen die politische Gegenkultur zur herrschenden Meinungsmacht geprägt. Vielfältig in seinen Themen, aber einmalig in seinem Stil: "Er dringt in die Situation, über die er schreiben möchte, ein, unterwirft sich ihr und teilt seine Erfahrungen und Ermittlungen in einer Sprache mit, die jede "Überhöhung" vermeidet, sich nicht einmal des Jargons bedient, der ja als poetisch empfunden werden könnte." So empfand es Heinrich Böll 1970 in einem Vorwort zu Günter Wallraffs "13 unerwünschte Reportagen".
In dem Buch "Ich - der andere", anlässlich des 60. Geburtstages von Günter Wallraff am 1. Oktober 2002 als "Jubiläumsband" erschienen, sind Auszüge aus den besten Reportagen versammelt: Als "Hans Esser" schaut er für uns hinter die Kulissen der "Bild"-Zeitung, als Türke "Ali" lebt er den Titel des späteren Buches: "Ganz unten". Peinlichkeiten gibt es aus dem Melitta-Werk, aus dem Gerling-Konzern, dem Stahlwerk oder aus der Bundeswehr zu vermelden.
Aber nicht immer schreibt Günter Wallraff seine Schelmenstücke, nein, manchmal riskiert er sogar sein Leben. Das Buch nennt hierfür zwei Beispiele: 1996 machte er an einem geheimen Ort ein Interview mit dem Anführer der militanten Kurdenpartei PKK in der Türkei, Abdullah Öcalan. Günter Wallraff setzte sich für einen von der PKK verfolgten Kurden ein, später schrieb er ein kritisches Buch mit dem Titel: "PKK - die Diktatur des Abdullah Öcalan". Wie man weiß, genügt ein solches Buch in diesem politischen Kontext, um das eigene Leben zu gefährden, man denke nur an die "Satanischen Verse" von Salman Rushdie.
Noch konkreter setzte Günter Wallraff 1974 sein Leben aufs Spiel: Aus Protest gegen die Militärregierung in Griechenland kettete er sich auf dem Platz der Verfassung in Athen an einen Lichtmast und verteilte Flugblätter. Er wurde ins Gefängnis gebracht und dabei schwer verletzt. Hätte er nicht Kontakte bis in die deutsche Botschaft gebracht, die sein Schicksal zu einer öffentlichen Sache machen konnten, hätte er dieses Abenteuer vielleicht nicht überlebt. Nach seiner Freilassung wurde er in Griechenland als Held gefeiert, der durch seine Aktion das negative Bild, dass viele Griechen von Deutschland hatten, ein wenig revidierte.
Aber hinter dieser starken und mutig aktionistischen Seite gibt es bei Günter Wallraff auch andere Töne, wie ein Tagebucheintrag von 1960 zeigt: "Ich bin mein eigener Maskenbildner. Locke meinem Wesen immer neue Masken hervor. Ich warte darauf, die Maske zu finden, die sich mit meinem ursprünglichen Gesicht deckt. Ich glaube, sie längst schon unbemerkt getragen zu haben. Oder sie niemals zu finden, da sich mein Gesicht der jeweiligen Maske anpasst. Weiter werde ich mir unermüdlich Masken aufsetzen, mich suchen und in einem vor mir verbergen, wenn ich mich gefunden habe, werde ich mich verlassen."
"Ich - der andere" ist das Beste von Günter Wallraff: Ein Muss für alle, die ihn noch nicht kennen, und für die, die ihre Erinnerung auffrischen wollen!