Für Historiker ist Oswald von Wolkenstein ein Glücksfall. Sein Leben ist in mehr als tausend Dokumenten bezeugt und er selbst scheint eine ausgesprochen extrovertierte Natur gewesen zu sein. Das lässt sich an den ungefähr 130 Liedern aus seiner Hand ablesen, die uns heute bekannt sind. Fast das ganze musikalische Spektrum seiner Zeit, sofern es die Liedkunst betrifft ist darin ausgeschöpft, vom Sauf- bis zum Busslied. Im deutschsprachigen Raum war er einer der Pioniere der Polyphonie. Dazu war Oswald von Wolkenstein noch eine wichtige Erscheinung sowohl in der Reichs-, als auch in der Tiroler Landespolitik der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts und ist fast in der ganzen damals bekannten Welt herumgekommen. Seine Erlebnisse und seine politischen Ansichten, aber längst nicht nur diese, spiegeln seine Lieder.
All das begünstigt einen Autor wie Dieter Kühn, der es unternommen hat, eine Biografie des Sängers zu schreiben. In dieses biografische Werk fließt vieles mit ein. Wirtschaftliche Gegebenheiten, die Lebensumstände der Reichen und Armen, Reisegewohnheiten und -möglichkeiten; diese und ähnliche Fakten verdichten sich zu einer Kulturgeschichte des Spätmittelalters, in deren Zentrum die Figur Oswalds von Wolkenstein steht. "Ich Wolkenstein" ist der erste der Mittelalter-Erzählungen Kühns. Die Faszination, die der Sänger auf den Autor ausgeübt hat (wie er sie auch auf den Leser ausübt) hat Kühn offenbar veranlasst, das Mittelalter in seinem Werk noch zu vertiefen. Aber auf eine solche Materialfülle wie bei Oswald hat er weder bei Wolfram von Eschenbach, noch bei Neidhart, noch bei Gottfried von Strassburg zurückgreifen können.
Wie in allen Mittelalter-Erzählungen Kühns sind die Übersetzungen von Teilen des Werks auch in "Ich Wolkenstein" ein wichtiger Bestandteil. Es ist eine besondere Mischung aus gebundener und ungebundener Sprache, die Kühn für jene hält, die dem Original am ehesten gerecht wird. Im Hinblick darauf, dass jede Übersetzung nur versuchen kann, einem Aspekt des Originals gerecht zu werden, sind Kühns Übersetzungen zumindest als gelungen zu bezeichnen.
In die Biografie Oswalds hineingewebt ist auch ein Teil der Biografie des Autors. Immer wieder erzählt Kühn von seinen Recherchen an den verschiedenen Schauplätzen von Oswalds Dasein, von seinen eigenen Erlebnissen und Eindrücken. Damit versteht er es, den Leser an seine Seite zu stellen und gleichsam mit ihm die Faszination des Spätmittelalters rund um Oswald von Wolkenstein zu entdecken.