Aus der Amazon.de-Redaktion
Zwei Focus-Redakteure, Werner Siefer und Christian Weber, zeigen in ihrem Buch Ich. Wie wir uns selbst erfinden, dass unser Selbst eine komplexe und zerbrechliche Konstruktion ist -- ganz entgegen der intuitiven Annahme, das Ich sei das unzerstörbare Gravitationszentrum unserer Persönlichkeit. Nur ein kleiner Hirnschlag und alles ist anders. Wie bei Thommy McHugh. Der 51-jährige Bauarbeiter, Ex-Sträfling und Heroinsüchtiger saß auf dem Klo, als er den stechenden Kopfschmerz spürte. Im Kernspintomografen der Notfallaufnahme des Fazakerley Hospitals in Liverpool entdeckten die Ärzte eine geplatzte Arterie. Sie hatte zwei Blutgerinnsel in seinem Vorderhirn verursacht, nichts Besonderes, klinischer Alltag, aber doch eine Revolution für sein Ich: Zwei Wochen nach der Notoperation fing der jähzornige Schläger plötzlich an, zu malen. Heute stellt er in Galerien aus.
Nach der Lektüre des Buches ist nichts mehr wie es einmal war. Man kann nicht so tun, als wäre nichts passiert. Es ist etwas passiert. Das Ich ist beschädigt. Und man ist gefordert, Konsequenzen zu ziehen -- Konsequenzen, die das Leben aber nicht schwerer, sondern um vieles leichter machen: Wenn es keinen unumstößlichen und unverwüstlichen Ich-Kern gibt, muss der Mensch nicht mehr nach seinem wahren Selbst suchen. Der Mensch kann, in eigener Freiheit bestimmen, wer er ist und was aus ihm werden soll. Und er kann, da er weiß, dass er endlich ist, sein einziges Leben leben. Deswegen: Lesen und genießen! Hier und jetzt! -- Heike Littger
Pressestimmen
14.03.2006 / Süddeutsche Zeitung: Arm ab, Mitte gefunden "Viele Passagen sind geradezu vorbildlich, erklären gut und kommen ohne flott-anbiedernd populärwissenschaftlichen Jargon aus; solide Recherche verbindet sich mit einer angenehm lesbaren und angenehm nüchternen, doch nie langweiligen Darstellung."
30.03.2006 / DIE ZEIT: Alles erfunden "Siefer und Weber sind vorzügliche Wissenschaftsjournalisten, die das schwierige Material der Hirn- und Verhaltensforschung gut lesbar aufbereitet haben, sodass man rufen möchte: Kauft dieses Buch, es wird euch ein Stück weiser machen!"
15.04.2006 / Der Spiegel: Ich "Demontage des Mythos vom angeborenen Charakter."
13.05.2006 / Literarische Welt: Ein Ich, was ist das? "Werner Siefer und Christian Weber schaffen höchst vergnüglich das Selbst ab ... Die beiden Wissenschaftsjournalisten verstehen die Kunst, leicht lesbar und dennoch nicht oberflächlich zu schreiben. Sie vermitteln einen zuverlässigen Überblick über die aktuelle Bewußtseins- und Kognitionsforschung. Ihr Buch enthält alles, was man wissen muß, um als interessierter Laie mitreden zu können."
Süddeutsche Zeitung, 14.03.2006
Der Spiegel, 15.04.2006
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auszug aus Ich Wie wir uns selbst erfinden von Werner Siefer, Christian Weber. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Wissenschaftler in Windeln
Babys entdecken die Welt und sich selbst
Isabella hat ein kleines, hübsches Mondgesicht. Auf ihrem winzigen Körper sitzt ein etwas zu großes Köpfchen, in dessen Gesicht sich pralle runde Pausbäckchen wölben. Jeder Augenaufschlag scheint das sieben Monate alte Mädchen Mühen zu kosten, und so wackelt sie unkoordiniert, statt sich kontrolliert zu bewegen. Isabella erweckt so nicht den Eindruck, auch nur irgendetwas zu kapieren, was um sie herum passiert, wären da nicht ihre wachen Augen und die einem Fernsehstudio ähnelnde Umgebung Das Kind sitzt vor einem Videoschirm mit einem Eye-Tracker, wie er zum Beispiel Marktforschern dient, die Wirkung ihrer Werbefilme zu diagnostizieren. Das Gerät hält fest, wie sich die Augen des niedlichen Saugnapfs in jedem Moment bewegen. Mehrere Kameras in dem dezent mit taubenblauen Vorhängen ausgekleideten Raum übertragen außerdem das wirr wirkende Hampeln des Babys ins Nebenzimmer. Dort, abgetrennt durch einen halbdurchsichtigen Spiegel und schallisoliert, ist eine Art Regie aufgebaut!
: mehrere Bildschirme, ein Pult mit Reglern, Aufzeichnungsgeräte, ein helfender Techniker, der dafür sorgt, dass dies alles funktioniert.
"Schau mal!", fordert die Stimme aus dem Lautsprecher die in Windeln verpacke Probandin auf. Doch das wäre gar nicht nötig gewesen. Ganz gespannt ist der kleine Körper im Kindersitz plötzlich, als Isabella den eingespielten Videofilm verfolgt; ihre Augen sind blau, klar, wach, lebendig und voller Neugier. Die Mutter hockt unterdessen auf einem Stuhl daneben und passt auf, dass es dem Kind gut geht. "Schau mal!", ruft die Anweisung vom Band erneut und leitet so vor dem immer noch konzentriert blickenden Säugling den zweiten Durchlauf derselben Szene ein: Zwei erwachsene Frauen, die mit einem kleinen grünen Modellauto aus Plastik spielen, indem sie es einfach auf dem weißen Tisch entlangschieben. Am Steuer des Autos sitzt ein gelber Bär. Das geht ein paarmal so, bis sich Isabella langweilt. Das ist daran zu erkennen, dass sie der Vorführung nicht mehr folgt und sich Neuem zuwendet.
Zwei andere kurze Versuche schließen sich an, und nach nicht einmal zwei Minuten ist der Einsatz als Versuchskind vorbei. Im Nebenraum ist das Video fertig. Sein Titel: Die sieben Monate alte Isabella und wie sie lernt, die Welt zu verstehen. Die Regie führte die Entwicklungspsychologin Gisa Aschersleben vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften im Münchener Stadtteil Schwabing. Der Zwei-Minuten-Streifen wird für das Kind und seine Eltern ein hübsches Andenken, zusammen mit einer "Ich-war-dabei!"-Urkunde fürs Spielzimmer sowie dem Dank, dass die Kleine "bei der Erforschung der kindlichen Entwicklung geholfen" hat. Wie das ging, das ist ihr jetzt nicht bewusst und das wird sie auch in einigen Jahren nicht mehr wissen - sie hat einfach verwendet, was die Biologie ihr an Werkzeugen mitgegeben hat.
Lernen, die Welt zu verstehen
Die Details der ungeheuerlichen kindlichen Lernfähigkeit entziehen sich auch den Psychologinnen der Max-Planck-Kinderstudie.
Gemeinsam mit ihren Helfern sitzen sie oft stundenlang über der Auswertung von Videofilmen, die etwa die Interaktion von Mutter und Kind zeigen, damit ihnen auch Kleinigkeiten des komplexen Miteinanders nicht entgehen. Die Zeitlupen und Wiederholungen ermöglichen, das zu erfassen, wofür der naive Beobachter keinen Blick hat. Was wie eine heimelige Szene aussieht, die täglich und vielfach auf zahllosen Spieldecken stattfindet und die wir alle zu kennen glauben, ist für ein Baby ein Turbo-Lehrgang im Menschwerden. Es heißt, in den ersten Lebensjahren lerne ein Kind mehr als jemals später im Leben. Wenn das richtig ist, dann geht es unauffällig vor sich: Schnell sind die Blicke, mit denen der Säugling abschätzt, ob ihm seine Mutter etwas Interessantes anbietet, rasch ist ein Dino zur Seite geworfen, wenn aus einer Spieluhr eine Melodie erklingt. Kurz wird geguckt, wie Mama das daraus erklingende Lied auffasst und sich ein seliges Lachen über das Gesicht ausbreitet. Solche Interaktionen übersehen Erwachsene meist.
In zahlreichen Labors rund um den Globus wollen Psychologinnen (neben einigen Psychologen) wissen, wie Kinder in solchen unscheinbaren Interaktionen mit der Mutter lernen. Wie sie das Rätsel dessen knacken, was eine Sache ist, ein Tier, ein Mensch, die Mama oder der Papa. Oder wie sie den Unterschied zwischen Hund und Katze erkennen und das Wesensmerkmal einer Bewegung herausfiltern im Gegensatz zu einer Handlung, was nicht einfach ist, denn es setzt das Konzept einer darin liegenden Absicht voraus. Gisa Aschersleben und ihre Gruppe untersuchten wie sich bei Kindern das Verständnis ihrer eigenen Handlungen entfal-tet und welche Rolle dabei die Beobachtung der Handlungen von Vorbildern einnimmt. Und schließlich: Woher und ab welchem Alter weiß das Kind, dass sein Gegenüber ein Wesen ist wie es selbst, ein Mensch, der fühlt und für sich Wünsche hegt? Wie lernt es, ein Ich zu sein, diese Vorstellung zu denken und endlich auch zu sagen? Und wie wird es selbst ein Mensch mit dem !
Bewusstsein seiner selbst, mit der Fähigkeit zu planen, in die Zukunft zu denken sowie eine eigene Lebensgeschichte aus dem eigenen Gedächtnis zu erzählen?