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Zwei Focus-Redakteure, Werner Siefer und Christian Weber, zeigen in ihrem Buch Ich. Wie wir uns selbst erfinden, dass unser Selbst eine komplexe und zerbrechliche Konstruktion ist -- ganz entgegen der intuitiven Annahme, das Ich sei das unzerstörbare Gravitationszentrum unserer Persönlichkeit. Nur ein kleiner Hirnschlag und alles ist anders. Wie bei Thommy McHugh. Der 51-jährige Bauarbeiter, Ex-Sträfling und Heroinsüchtiger saß auf dem Klo, als er den stechenden Kopfschmerz spürte. Im Kernspintomografen der Notfallaufnahme des Fazakerley Hospitals in Liverpool entdeckten die Ärzte eine geplatzte Arterie. Sie hatte zwei Blutgerinnsel in seinem Vorderhirn verursacht, nichts Besonderes, klinischer Alltag, aber doch eine Revolution für sein Ich: Zwei Wochen nach der Notoperation fing der jähzornige Schläger plötzlich an, zu malen. Heute stellt er in Galerien aus.
Nach der Lektüre des Buches ist nichts mehr wie es einmal war. Man kann nicht so tun, als wäre nichts passiert. Es ist etwas passiert. Das Ich ist beschädigt. Und man ist gefordert, Konsequenzen zu ziehen -- Konsequenzen, die das Leben aber nicht schwerer, sondern um vieles leichter machen: Wenn es keinen unumstößlichen und unverwüstlichen Ich-Kern gibt, muss der Mensch nicht mehr nach seinem wahren Selbst suchen. Der Mensch kann, in eigener Freiheit bestimmen, wer er ist und was aus ihm werden soll. Und er kann, da er weiß, dass er endlich ist, sein einziges Leben leben. Deswegen: Lesen und genießen! Hier und jetzt! -- Heike Littger
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Wir haben kein Ich, keine feste Persönlichkeit, also auch keine Seele.
Das Gute daran, so erklären die Focus-Wissenschaftsredakteure Siefer und Werber sehr verständlich, sehr glaubhaft:
Wir können uns, unseren Charakter, unser Ich jeden Tag neu erfinden - und wir tun das. Auf der Grundlage unseres genetischen Erbes und der persönlichen Erlebnisse. Manchmal auch auf Grund von Gehirnverletzung, die unsere ganze Persönlichkeit total verändern können. Vom Allesesser zum Gourmet zum Beispiel, vom netten Menschen zum hemmungslosen Beleidiger, vom Erinnerungskünstler zu jemand, der jeden Augenblick neu erlebt. So als ob er immer wieder neu auf die Welt käme.
Wenn ein Blutgerinsel im Gehirn unseren Charakter so sehr verändern kann, dann ist unser heiß geliebtes und zumindest von uns selbst so bewundertes Ich keine feste Größe. Es ist vom Zufall abhängig. Statt einer göttlichen Seele steckt in unserem Kopf nur ein - Nichts. Und das, so zeigen Siefer und Werner, wusste schon Buddha, und der der Dalai Lama ist auch davon überzeugt.
Wer Angst vor solchen Erkenntnissen hat, sollte das Buch auf gar keinen Fall lesen. Die Autoren argumentieren zu überzeugend. Wem der Gedanke gefällt, dass er sein ICH täglich neue konstruieren kann, für den ist dieses Buch 1. unentbehrlich, 2. reine Erkenntnisfreude, 3. ein intelligentes Lesevergnügen.
Behutsam mit Rücksicht auf Laien gehen die beiden Autoren ans Werk, erweitern sukzessive den Anteil der Fachtermini und bringen hinreichend viele Beispiele zur Untermauerung der Thesen und des allgemeinen Verständnisses. Nicht eine Meinung, sondern die Diskussion spiegelt sich hier wider, gepaart mit einer klaren Hinführung zum Thema, über das zerbrechliche Selbst und einer kleinen Geschichte des Ichs. Der medizinische Anteil wird bestens Verknüpft mir der philosophischen Sicht.
Beschreibungen der einzelnen Zusammenhänge des Gehirns sind gut und verständlich beschrieben. Ratio, Emotio, die Botenstoffe Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und deren Zusammenhänge; Cortex, Amygdala, Hippocampus etc sind am Ende keine Fremdworte mehr und gehen in den Wortschatz des Lesers. Einzig eine Bebilderung des Gehirns und der entsprechenden Zusammenhänge wäre von Vorteil und trüge zusätzlich zum Verständnis und zum Behalten bei, zumal doch die bildgebenden Verfahren (MRT, CT) innerhalb der Neurologie selbst die Fortschritte ermöglicht haben.
„Die Illusion, jemand zu sein" ist eines der interessantesten Kapitel, da es hier darum geht, ob wir unser Ich wieder finden im Zusammenwirken des Selbst und des Selbstmodells. Wenn die Groß-Projektion des Selbstmodells Nähe und damit Wirklichkeit erzeugt zum Selbst, wird aus Niemand ein Jemand. Hier sind Medizin und Philosophie mutig an einem Thema der ICH-Illusion. Nur ist Illusion ohne Ich möglich? Oder ist die Welt an sich Illusion, das, was wir sehen eine freundliche Benutzeroberfläche und die Details nicht mehr als (der Vorstellung entnommene) Icons, die dann angetippt neuronale Prozesse in Gang bringen? Die Welt als Vorstellung und Wille. Eine bescheidene Schar hellenistischer Philosophen hat dieses schon mal postuliert.
Zweifel am Ich, am Selbst sind Neuigkeiten der Neurobiologie, aber nichts Neues in fernöstlichen Kulturen. Dieser Exkurs in die indischen Religionen ist der erste Schritt der Autoren, den naturwissenschaftlichen Ansatz der Medizin und den geisteswissenschaftlichen der Philosophie westlicher Prägung zu relativieren.
Am Ende wird es versöhnlich, der Imperativ der Neuro-Offenbarung verliert sich im Wir, da die Menge der Ichs (Arthur Rimbaud: Ich ist ein anderer) ein Wir braucht. Noch lange bleibt Bekanntes bestehen, denn der kartesische Dualismus von Leib und Seele ist nicht aufgebraucht, zumal Strawson (ergänzend zum Inhalt) bereits den „Dritten Weg" postuliert: kein Monismus, kein Dualismus, Materielles und Psyche aus dem Dualismus werden zusammengeführt in die „Persona". Also klare Hinwendung zur 1. Person Perspektive, zur Qualia.
Was ist nun wahr? Karl Jaspers möchte ich zu Rate ziehen, der sagte: „Wahrheit, deren Richtigkeit ich beweisen kann, besteht ohne mich selber. [...] Wahrheit, aus der ich lebe, ist nur dadurch, dass ich mit ihr identisch werde."
Und dieses ist allen bekannt:
Monty Python: Das Leben des Brian
Brian: Ihr seid doch alle Individuen!
Jüngerschar (nachbetend): Ja, wir sind alle Individuen!
Brian: Und ihr seid alle völlig verschieden!
Jüngerschar: Ja, wir sind alle völlig verschieden.
Einer aus der Menge: Ich nicht!
Jüngerschar: Psst!
Brian: Jeder von Euch sollte versuchen, es für sich selbst heraus zu finden
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