Für mich ist dieser Musicalmitschnitt keine Erinnerung - die Hamburger Bühnenaufführung kenne ich nicht -, sondern eine reine Musikproduktion und nur als solche bewerte ich die CD.
Die 22 Titel sind ein schöner Querschnitt durch das Schaffen von Udo Jürgens. "Buenos Dias" (1:02) und "Gib mir Deine Angst" (1:22) sind allerdings arg kurz geraten. Es ist keine billige Aneinanderreihung und 1:1 Umsetzung der Originaltitel. Für das Musical wurden neue Zwischenspiele komponiert, Rhythmen und Liedtexte abgeändert und zu einem neuen Musikerlebnis zusammengeschweißt. Im neuen Gewand merkt man erst, wie viel in Jürgens Musik steckt.
Michael Reeds und Roy Moore haben die Kompositionen in großartige Orchesterarrangements gekleidet. Die symphonische Verbreiterung der Melodien und die üppigen Chor- und Bläsereinsätze kommen bei den Ensemblenummern besonders zur Geltung. Der Bogen spannt sich vom swingenden "Alles was gut tut", bei dem man sich in einen amerikanischen Revuefilm der 40er Jahre versetzt fühlt, über das rockige "Mit 66 Jahren" bis zu den mitreißenden Samba-Klängen von "Schöne Grüße aus der Hölle". Mit seinen starken Harmoniefolgen und ausgefeilten Arrangements hebt sich das Jürgens-Musical wohltuend vom Einheitsbrei ab, der uns seit Jahren in diesem Genre vorgesetzt wird. Positiv zu vermerken ist auch die ausgezeichnete Tontechnik der CD-Aufnahme.
Bei dem vorliegenden Live-Mitschnitt muss man mehr Abstriche als üblich machen. Gewöhnungsbedürftig sind das volksfestähnliche Einklatschen der bekannteren Titel, sobald das Publikum die Melodie erkennt, der häufige Szenenapplaus und die Publikumslacher, die sich auf das unsichtbare Bühnengeschehen beziehen. Bei der Nachbearbeitung haben die Produzenten noch eins draufgelegt und betont viel 'Nicht-Musik' in den Mitschnitt hineingepackt. Keine gute Idee. Die Dialoge vor und nach den Musiknummern sind allesamt entbehrlich. Zum Verständnis der Handlung reichen sie nicht aus und isoliert wirken sie abgedroschen und lieblos heruntergeleiert. Der Umgangston der Lisa Wartberg hat den Charme einer Domina. Einige Lach- und Applausstellen wurden wie in amerikanischen TV-Serien ganz offensichtlich nachträglich dazugemischt - zu schnell und abrupt folgen sie auf die Dialogpointen. Das nervt und lenkt vom Musikgenuss ab.
Die größte Enttäuschung ist aber der Gesang von Kerstin Mäkelburg. Er ist für einigermaßen musikalische Ohren eine wahre Tortur. Sie intoniert nicht sauber, tremoliert bei langen Noten wie eine 80-jährige und verliert bei hohen Tönen jegliche Resonanz, sodass diese zu einem heiseren Hauchen verkommen. In Verbindung mit ihrem scharfen Stimmtimbre ergibt das eine äußerst unerquickliche Mischung.
Dagegen ist die Nicht-Sängerin Ingeborg Krabbe direkt eine Wohltat, obwohl man sich für ein Musical natürlich schon ausgebildete Stimmen mit Spannkraft wünscht. Eine etwas jüngere Darstellerin kann man ggf. für die Rolle der Rentnerin auf alt schminken, eine gealterte, spannungslose Singstimme lässt sich dagegen nicht verjüngen. Krabbe kompensiert dieses Manko glücklicherweise durch ihren natürlichen, zurückgenommenen Ausdruck. Die übrigen Solosänger fallen weder positiv noch negativ auf, sieht man von dem schnulzigen Hinschleifen zu den Tönen ab, das man bei Jerry Marwig hört.
Das CD-Beiheft ist mager ausgefallen. Bei den Titeln fehlt die Angabe der Spielzeit, das Layout ist unübersichtlich, die winzige Schrift strengt die Augen an. Drei Doppelseiten mit Bühnenfotos und haufenweise Pressezitate bedienen die "Souvenir"-Zielgruppe, Informationswert haben sie keinen. Songtexte oder eine Inhaltsangabe für die, die die Aufführung nicht kennen, sucht man vergebens.
Wer sich mit dieser CD an einen Musicalabend erinnern will, hat ohnehin keine Alternative und soll zugreifen. Allen anderen würde ich raten, die Einspielung der Wiener Aufführung im Frühjahr 2010 abzuwarten, wo hoffentlich - wie beim "Rebecca" oder "Tanz der Vampire"-Mitschnitt - mehr Wert auf Gesangsqualität und weniger auf Live-Stimmung gelegt wird. Udo Jürgens Musik und Michael Reeds Arrangements hätten es verdient.