Obwohl "Poetikvorlesung" alles andere als persönlich klingt, ist dieses Buch persönlich, intim, fast schon zu intim, fand ich manchmal, befremdend in dieser Intimität, sehr extrem und voller Emotionen und diese konfrontieren den Leser so stark und unmittelbar mit dem ihm fremden, privaten Leid des Autors an der Welt, mit seinem "Anders-Sein" bzw. "sich-anders-fühlen" (und einer Mischung aus Verzweiflung und Genugtuung ob dieses "Anders-Sein"s) und dann auch mit sich, dem Lesenden, selbst (sofern er/sie bereit ist, die Vorwürfe, anzunehmen, die Andreas Maier an die Gesellschaft, wie sie ist, und an gewisse Gesetzmäßigkeiten, die sicher die meisten als gegeben hinnehmen, richtet).
Andreas Maier hat mit 32 Jahren kennengelernt, was er im vierten Teil seiner Poetikvorlesung (deren andere Teile "Verweigerung" und "Form" heißen) unter dem Titel "der Betrieb" darlegt. Mit "der Betrieb" meint er den Literaturbetrieb, innerhalb dessen der Lektor "seinen" Autor als "Rennpferd" im Stall sieht, als einen, der was bringen muss: Performance (auf Lesereisen) und Verkaufszahlen. Die Regeln, nach denen die Leute sich in diesem Betrieb, in dem Menschen in Gruppen agieren ("vergruppt" nennt Maier das und stellt fest, dass man vergruppt nicht zu Gott komme -- dies ist eine der wunderbaren Formulierungen, von denen es im Buch nicht wenige gibt; aber diese ist die prägnanteste) verhalten, sind Andreas Maier -- so beschreibt er es -- ebenso fremd wie die der ersten Gruppe, auf die er im Alter von drei gestoßen ist: eine Gruppe von Kindern im Kindergarten. Mit diesem Zusammentreffen fing das Leid an dieser Welt an, der Rückzug von den Menschen, die Verweigerung.
Es ist bewundernswert, wie kompromisslos Andreas Maier seinen Weg ging/geht, ohne dass er selbst dies wahrscheinlich je als Kompromisslosigkeit bezeichnen würde, denn für ihn scheint es der einzige mögliche Weg zu sein, diese Gruppen von Menschen zu fliehen, die er überall und ständig wiedertrifft Selbst an der Uni. Da waren es die, die im Zentrum standen (um den jeweiligen Dozenten herum) und doch nicht wirklich was lernen und verstehen wollen, sondern sich zufrieden gaben mit der Möglichkeit zur Selbstdarstellung, indem sie nichts weiter beherrschten als einen Jargon oder Diskurs, der sie eindeutig als Teil einer bestimmten Gruppe auswies.
In diesem Buch steckt viel Bitternis, aber ich finde diese Bitternis begründet. Nur im letzten Teil wird der Autor leider ein bisschen persönlich abrechnend (mit einem Verlag, einem Lektor), so dass zum Schluss bei mir das ungute Gefühl aufkam, einer, dem Unrecht geschehen ist, wolle in diesem Rahmen endlich zurechtrücken, klarstellen, zurückschlagen. Auch hier wird das Leid sehr deutlich; er ist verletzt worden, ganz offensichtlich, von diesen Leuten, und dennoch ist dieser Teil sehr unterhaltsam geschrieben, aber er hat nicht mehr die "Reinheit" der ersten Teile, wenn es um Auslöser fürs Schreiben, das Suchen und Nicht-Finden einer Form und sehr einfach und doch ganz komplizierte "Gleichungen" geht
(z.B.: "Sie steigen in Berkersheim in Ihr Auto, kommen hierher, suchen sich einen Parkplatz, gehen in den Hörsaal und hören Andreas Maier. Diese Handlung ist falsch, schon allein wegen der Autofahrt. Jeder weiß, daß der Privatverkehr auf eine hinausausgezögerte Katastrophe zusteuert. Diese müßte verhindert, nicht aber Maier angehört werden. Da Sie, meine Damen und Herren, aber gern und bereitwillig vor sich selbst und der dunklen Seite in Ihnen kapitulieren, sagen Sie sich: Herrje, daran kann man doch nichts ändern, also fahre ich hin und höre Maier. Damit haben Sie den Beweis erbracht, daß Sie wissen, daß es falsch ist, was sie tun. Kurz gesagt, Sie suchen eine Abendunterhaltung und vernichten dafür die Welt, Sie schädigen alle Menschen, als zählten diese nicht, aber Ihre Abendunterhaltung.")
Wie in diesem Beispiel bedient Andreas Maier sich durchgehend einer wunderbaren Sprache; klar, keine Schnörkel, keine Manieriertheit. Er geht den kürzesten Weg, um zu sagen, was er sagen will, und gerade diese Direktheit (in der diese ungebrochene Emotionalität steckt) hat mich sehr berührt. Für Maier ist alles im Grunde ganz einfach; man braucht keine komplizierten Theorien, um zu begreifen, was gut (nicht moralisch, weil man sich damit schon wieder auf eine Metaebene gibt -- dabei weiß man es doch unmittelbar/menschlich) und was schlecht ist.
Das Buch ist sicher interessant für Schreibende, weil es deutlich macht, dass es beim Schreiben im Grunde nur ums Schreiben geht (nicht ums Veröffentlichen, nicht mal ums Fertigstellen eines Textes, sondern um die Unermüdlichkeit, weil man genau das WILL: Schreiben).
Aber auch jeder, der sich fremd fühlt in dieser Welt, der sich wundert über die Gesetzmäßigkeiten, nach denen Menschen völlig selbstverständlich zu handeln und miteinander umzugehen und zu kommunizieren scheinen, jeder, der diese Regeln einfach nicht versteht, wird sich hier vielleicht zum Teil wiedererkennen.