Diese Scheibe brachte Albert Collins als einen der ganz großen Stilisten der Bluesgitarre auf die Weltkarte. Zwar hatte der 1932 geborene Texander seit den frühen 60er Jahren zahlreiche (instrumentale) Singles herausgebracht und Imperial veröffentlichte bereits 1968 sein erstes Album, aber erst mit Alligator's "Ice Picking" von 1978 gelang ihm der internationale Durchbruch. Collins Art und Weise, Gitarre zu spielen, ist unverkennbar, seine Originalität sucht seinesgleichen. Wie bei BB oder Albert King reicht ein einzelner, beißender Ton von Collins, um ihn eindeutig identifizieren zu können. Er war schier unfassbar expressiv, energiegeladen, rhythmisch, bluesig. Sein fabelhaftes Timing machte den "Master of The Telecaster" zu einem der funkigsten Solisten aller Zeiten.
Vielen gilt "Ice Picking" als die beste LP/CD seiner Karriere. Trotz der zahlreichen Schwächen bin ich geneigt, mich diesem Urteil anzuschließen. Sein Debut für Alligator wurde zusammen mit
Larry Burton (guitar), A.C. Reed (tenor saxophone), Chuck Smith (baritone saxophone), Alan Batts (keyboards), Aron Burton (bass) und Casey Jones (drums) unter der Aufsicht von Dick Shurman im Curtom Studio in Chicago aufgenommen. Es handelt sich ganz klar um eine Gitarrenplatte, klugerweise hält sich aber die Anzahl der Instrumentals im Rahmen. Collins ist zu keinem Zeitpunkt ein großer Sänger gewesen und auch hier ist der Gesang keineswegs überragend. Er vermag es aber, die Vocals innerhalb der engen physischen Grenzen halbwegs ausdrucksstark und zum Song passend darzubieten, sodass jeder gut mit ihnen leben können sollte. Das absolut köstliche „Conversation With Collins” wird fast ausschließlich von seiner Stimme getragen. Hier erzählt Collins die amüsante Geschichte eines Abends, an dem seine Frau mit den Mädels um die Häuser zieht, während er auf die weinenden Kinder aufpasst und schließlich, viel zu spät und betrunken, zurückkehrt, um sich dann noch mit ihrem Ehemann in die Haare zu geraten. Textlich originell ist auch „Master Charge“, das sich mit den Gefahren einer Kreditkarte in den Händen einer Frau auseinandersetzt. Ein schönes Highlight der Scheibe ist “Too Tired”, ein humorvolles 50’s Original von Johnny Guitar Watson, das als kräftiger Shuffle wie geschaffen für Collins begrenzte Stimme und geradezu brutal schneidende Gitarre ist. Das Highlight der Platte ist zweifelsohne „Cold,Cold Feeling”. Es hat mit der berühmten Version von T-Bone Walker außer dem Text nichts mehr gemein und übertrifft das Original um Längen. Hier ist Collins einer der schönsten Mollbluesaufnahmen aller Zeiten gelungen.
Wie eingangs erwähnt ist „Ice Picking“ kein Werk ohne Makel. Insgesamt ist die Scheibe soundmäßig einfach etwas zu schlapp. Die Performance der Mitmusiker reißt mich ebenfalls nicht überall vom Hocker – Casey Jones und die Burton Brüder grooven zwar gut, aber etwas mehr Interaktion mit Collins hätte ich mir schon gewünscht. Besonders fällt dieser Mangel ausgerechnet in „Cold, Cold Feeling“ auf, von der ich vermute, dass hier für Gitarre und Vocals mit Overdubbing gearbeitet wurde. Auf diese Weise bleibt die an sich begeisternde Nummer eine One-Man-Show mit Backgroundmusik.
Die Kritikpunkte sollten den Interessenten aber auf keinen Fall vom Kauf abhalten. "Ice Picking" ist eine tolle Bluesgitarrenplatte, für Collins Karriere ein Meilenstein und nach wie vor für viele Gitarristen eine einflußreiche Vorlage. 1993 starb Collins, seine Kräfte und Fähigkeiten waren fast bis zum Schluß uneingeschränkt. Trotzdem ihr eine ganze Reihe weiterer Veröffentlichungen folgten, bleibt "Ice Picking" das in sich wohl geschlossenste Vermächtnis eines der wahren Giganten der elektrischen Bluesgitarre.