Laugh Now, Cry Later
Als sich Rap in den späten 80er Jahren durch neuen, kreativen Input zu einer äußerst erfolgreichen Musikrichtung mauserte, stand Ice Cube an vorderster Front. Als Kopf von N.W.A. aus Los Angeles wurde er bald eine Schlüsselfigur der Szene und revolutionierte das Hip Hop Genre mit seinen teilweise äußerst rüden und politisch aufgeladenen Texten. Der kommerzielle Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und das Album Straight Outta Compton von N.W.A. ging millionenfach über die Ladentheken dieser Welt. Auch als Solokünstler wurde Ice Cube zu einem unersetzlichen Protagonisten der Rap Szene¬ – nicht allein durch seine intensiven Meisterwerke AmeriKKKa‘s Most Wanted und Death Certificate.
Nachdem er sich durch das Mitwirken in Filmen wie Barbershop, Boyz N´ The Hood und Friday (für die er in den meisten Fällen auch die Musik beisteuerte) als gefragter Hollywood Schauspieler etablieren konnte, kehrt Ice Cube nun wieder zu seiner ersten, seiner großen Liebe zurück: dem Rap. Laugh Now, Cry Later ist das erste Soloalbum seit sechs Jahren des mehrfach mit Platin ausgezeichneten Künstlers. Ein brodelnder Topf aus Wut, Reflektion und Selbstbetrachtung – den Zutaten für zeitlose Musik. „Ich glaube, dass Laugh Now, Cry Later eine Zustandsbeschreibung der Welt, Amerikas, insbesondere des urbanen Amerikas und des Hip-Hop ist,“ lässt Ice Cube über sein siebtes Soloalbum verlauten. „Es scheint so, als ob jeder mitspielen will, dass sich aber niemand über etwas ernsthaft Gedanken machen möchte.“
In dem explosiven „Why We Thugs“, dass von Scott Storch (50 Cent, Dr. Dre, Beyoncé) produziert wurde, prangert Ice Cube die politische Unterdrückung an, die dazu geführt hat, dass die amerikanischen Ghettos mehr und mehr verkommen, und sich der soziale Verfall von Vierteln wie South Central, Compton und Long Beach nicht mehr aufhalten lässt. In diesen Bezirken von Los Angeles herrscht seit Jahrzehnten der Ausnahmezustand.
„Wenn Drogen und Waffen in unsere Gemeinden gebracht werden – oder in jedes andere Gebiet in dem sozialer Notstand herrscht – und die Menschen keine Möglichkeit haben, ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen, wenn ihnen keine soziale Perspektive geboten wird und sie nicht wissen, wie sie im nächsten Monat ihre Miete bezahlen sollen, was kann man Anderes erwarten?“ fragt Ice Cube. „Es ist schon merkwürdig zu sehen, dass Leute, die niemals in solchen Gegenden waren, immer noch denken, dass Amerika ein gerechtes Land ist und sich wundern, dass wir uns um unsere Lebensumstände Sorgen machen. Das sind genau die Leute, die uns auf den Boden werfen und im selben Augenblick rufen: Steh auf! Was ist los mit dir?“
Ice Cube, der sich eine Pause vom Filmgeschäft gegönnt hat, um sich voll und ganz auf sein neues Album zu konzentrieren, lässt in dem spektakulären wie ernsten „The Nigga Trap“ die bösen Bemerkungen nur so auf die Größen der amerikanischen Politik herunterprasseln: Cube rappt über einem treibenden Pianobeat und so ziemlich jeder kriegt ordentlich sein Fett weg, von Präsident Bush bis „Gouvernator“ Schwarzenegger. Sie haben laut Ice Cube dabei geholfen, eine Gesellschaft aufzubauen, in der Schwarze, die in Ghettos aufgewachsen sind, kaum eine Möglichkeit haben, den Teufelskreis aus Armut und sozialer Ungerechtigkeit zu durchbrechen. „Ich muss mir hier einfach ein paar Dinge von der Seele rappen,“ erklärt Ice Cube. „Aber die Sache mit George Bush und Arnold Schwarzenegger ist einfach zu offensichtlich, und die Ghettos sind wirklich eine ‚Nigga-Falle‘. Es gibt alle Arten von Stolpersteinen, und die Gefahr, über kurz oder lang im Gefängnis oder auf dem Friedhof zu landen, ist enorm groß.“
Nach einer langen Karriere als führender Kommentator der Rapszene hat Ice Cube jetzt auch die Gelegenheit genutzt, um über seinen beachtlichen Werdegang nachzudenken: Als er den Song Memory Lane von Minnie Riperton hörte, wurde er dazu inspiriert, das autobiographische Stück Growin‘ Up zu schreiben und baute den Beat auf Samples aus dem Klassiker auf. „Ich wurde in die Zeit als Jugendlicher zurückversetzt, als das Stück im Radio lief,“ verrät Cube. „Der Song hat mir immer das Gefühl gegeben: ‚Das war ein guter Tag.‘ Ich habe dann ein sehr persönliches Lied daraus gemacht und nicht nur irgendeinen Rap. Ich denke, man braucht solche Lieder, um ein wirklich gutes, starkes Album zu machen. Es ist wichtig, den Leuten einen Einblick in die eigene Seele zu gewähren.“
Aber auch durch direkte Vermarktung versucht Ice Cube den Hörern sein neues Album Laugh Now, Cry Later näher zu bringen und so läuft die Underground-Single Chrome & Paint, auf der auch sein Langzeit-Rhyme-Partner WC zu hören ist, bei den Radiostationen von Los Angeles bis Memphis rauf und runter. Zudem sorgt der dazugehörige sensationelle Videoclip für Begeisterungsstürme.
Das kolossale Child Support, Ice Cubes Metapher auf seinen Status als Vater des Gangster-Rap, ist ein Stück, das eigentlich verfrüht an die Öffentlichkeit gelangt ist und auch schon hier und da im Radio lief. „Die DJs haben nicht mal die finale Album-Version gehabt.“ erzählt der Rapper. „Sie hatten über irgendwelche Kanäle eine Rohfassung bekommen und direkt gespielt. Dass die Leute das tun zeigt mir nur, dass sie sich für meine neue Platte wirklich interessieren. Wir haben niemanden gebeten, die Platte zu spielen, die DJs haben es von selbst getan.“
Ice Cube wollte es mit dem harten und provozierenden Material auf dem neuen Album aber auch nicht übertreiben. „Ich denke, dass es ein Fehler ist, eine Platte zu machen, die ausschließlich ernste Themen wie soziale Ungerechtigkeit behandelt. Der bloße Spass am Hip Hop, d.h. an den Beats zu basteln, zu rappen und zu ryhmen, darf auch nicht zu kurz kommen, “ erklärt er. „Ich denke, dass es besonders auf diesem Album wichtig ist, für jedes ernste Stück wie Why We Thugs, Child Support und The Nigga Trap einen Song zu haben wie Steal The Show, Smoke Some Weed und Go To Church. Dadurch gibt es die perfekte Balance und jeder Hip Hop Fan hat auf jeden Fall Spaß beim Zuhören.“
Steal The Show, ein weiterer Knaller aus der Produktion von Scott Storch, ist ein echter Clubhit auf dem Cube gekonnt den „Playa“ markiert. Smoke Some Weed hingegen ist eine Ode ans Grass-Rauchen. Doch den meisten Spaß bereitete Ice Cube die Arbeit an Go To Church, auf dem auch Lil John und Snoop Dogg zu hören sind. „Immer wenn man mit Lil John und Snoop ins Studio geht, stellt man fest, dass die perfekten Zutaten für einen Hit zusammengekommen sind“, schwärmt Cube. „Man sitzt dort mit einer All-Star-Truppe, muss einfach nur seinen Job machen und weiß, dass das Ergebnis großartig sein wird. Man kann sich sicher sein, dass Snoop durch seine bloße Anwesenheit das Beste aus allen Beteiligten herausholt.“
Mit der Veröffentlichung von Laugh Now, Cry Later, dem ersten Soloalbum auf seinem eigenen Label Lench Mob Records, ist Ice Cube auf dem Höhepunkt seiner kreativen Kraft und er konnte das Album in seiner eigenen Geschwindigkeit und unter seinen eigenen Bedingungen aufnehmen.
„Ich habe jetzt Nägel mit Köpfen gemacht, da ein Major Label nicht mehr für mich tun kann, als ich selbst,“ sagt er. „Es war für mich sehr angenehm, nicht irgendwo unter Vertag zu stehen und alles selbst herauszubringen. So muss man sich keine Sorgen machen, was die Plattenfirma oder irgendwer sonst darüber denkt und kann einfach hingehen und alles so machen, wie man es für richtig hält. Es gibt keine Zeitvorgaben oder Abgabetermine. So konnte ich mich voll und ganz auf das Rhymen und Rappen konzentrieren. Diese Freiheiten haben auch viel zu dem Klang der Platte beigetragen, der mir sehr wichtig ist. Ich will ja, dass meine Alben noch bis zum Ende des Jahres, in dem sie erscheinen, gespielt werden.“
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