Russell Andrews ist ein routinierter Schreibhandwerker, aber kein grosser Autor. Natürlich kann auch gutes Handwerk bestens unterhalten, "Anonymus" jedenfalls musste ich in einem Zug durchlesen, weil die Geschichte so spannend war. Bei "Icarus" ist nun aber der Schwung völlig weg: Andrews konstruiert die Handlung nach offensichtlichem Rezept, man kommt sich beim Lesen fast vor wie in einem Seminar für kreatives Schreiben - ein Eindruck, der sich schon in "Anonymus" andeutete, aber noch nicht störte. Andrews lässt sich zudem sehr viel Zeit, bis er die Handlung in Gang bringt; dabei bleiben die Charaktere aber seltsam platt, wodurch die Familiensaga, die Andrews als Rahmenhandlung ausbreitet, schlicht langweilige Pflichtlektüre ist, durch die man sich hindurcharbeiten muss, bis die Post abgeht. Dafür dann um so brutaler, so dass man sich am Schluss fragt: muss man für so eine dürftige Auflösung so viel Personal umbringen und, was noch schlimmer ist, dem Leser 485 Seiten aufbürden? Als ich am Ende den Deckel zuklappte, war ich jedenfalls ziemlich verärgert, weil ich dieses schön gebundene Buch mangels inhaltlicher Qualität nicht einmal weiterverschenken kann.