Was beschreibt Gerd Enno Rieger in seiner Biographie über
Henrik Ibsen? Zunächst erfährt der Leser viel über Ibsens
Jugend und seine Geldnöte vor seinen ersten grossen Erfolgen
mit den Dramen "Brand" und "Peer Gynt". Auch werden Ibsens
Beziehungen zu Literaturkritikern und anderen Schriftstellern
in Briefen beleuchtet. Wie Familie, Freunde und Bekannte über
Ibsen als Mensch gedacht haben, bleibt offen. Auch über die
Sexualität Ibsens schreibt der Autor nur, dass er mit einem
Dienstmädchen ein uneheliches Kind hatte. Das ambivalente
Verhältnis Ibsens zu seiner Heimat Norwegen, das ihn viele
Jahre nach Deutschland und Italien trieb, kommt nicht zu kurz.
Am Rande bekommt der Leser mit, dass Henrik Ibsen ein früher
Vorkämpfer für die Gleichstellung der Frauen war.
Der Autor gibt Ibsens wichtigsten Dramen viel Raum, indem er
ihre Handlung skizziert, sie in Bezug zur persönlichen Situation
Ibsens setzt und die zeitgenössische Rezeption mitteilt. Der
Leser erfährt auch, daß viele von Ibsens zentralen Dramenfiguren
durch ihre Gebundenheit an Traditionen und durch ihr Unbewusstes
in ihrer Selbstverwirklichung oder am Leben insgesamt scheitern.
Gerd Enno Rieger zeigt ferner auf, dass Sigmund Freud die
Psychologie des Dramas "Rosmersholm" analysiert hat, und
dass Ibsen mit seinen Dramen Ideen der Psychoanalyse
vorweggenommen hat. Darüber hinaus sagt der Autor über die
Wirkungsgeschichte von Ibsens Gesamtwerk wenig.
Nach der Lektüre dieser Biographie habe ich den Eindruck,
dass Ibsen ein recht zurückgezogener Mensch war, der sich
überwiegend durch seine Dramen ausdrücken konnte. In dieser
Biographie bleiben die Beziehungen Ibsens zu seiner Ehefrau
Suzannah und zu seinem Sohn Sigurd blass, vielleicht gab es
dazu auch nicht viel zu sagen. Mehr schreibt Gerd Enno Rieger
über Ibsens unbedingte Überzeugung von seiner Berufung zum
Dichter, die immer wieder in Kontrast zu seinen Selbstzweifeln
als Mensch steht. Für mich bleiben viele wichtige Fragen in
dieser Biographie offen: Wie war Henrik Ibsen im persönlichen
Umgang? Was hat er mit seinen Dramen bewirken wollen? War er
am Ende mit seinem Werk und seinem Leben zufrieden oder nicht?