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Im 19. Jahrhundert sind in Zürich, Graubünden, dem Glarnerland und im Aargau Hunger und Elend so groß, dass es zu einer riesigen Auswanderungswelle ins »gelobte Land« Brasilien kommt. Auch im Jahr 1855 begibt sich wieder eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern auf die weite Reise ins vermeintliche Paradies...
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dass die Ärmsten aus vielen Kantonen der Schweiz um die Mitte des 19. Jhs. in das ferne Brasilien aufbrachen, um dort das Paradies zu finden, wie es ihnen in den Berichten des "Kolonist" schmackhaft gemacht worden war. Eveline Hasler schildert hier auf spannende und psychologisch geschickte Art das Schicksal einer Gruppe von "Fabriklern", die den unmenschlichen Lebensbedingungen in den armen Tälern der Schweiz entfliehen und ein neues Leben anfangen wollen. Sie wollen den despotischen Fabrikbesitzern, der schwülen, ungesunden Atmosphäre in den Drucksälen entkommen, ihre Kinder in Freiheit aufwachsen sehen.
Doch dieses Paradies entpuppt sich als trügerisch: Schon die Reise bis Hamburg ist überaus beschwerlich, die Fahrt über den Ozean fordert ihre Opfer, und bei der Ankunft im Gelobten Land von Ibicaba zeigt sich schnell, dass die Verhältnisse hier keineswegs dem entsprechen, was sich die Auswanderer vorgestellt hatten. Der kleine Jakob, unehelicher Sohn der Barbara (der weiblichen Hauptgestalt), will endlich eine Kokosnuss haben, doch "kaum (...) den Fabrikherren entronnen, hatte eine Reise um die halbe Welt gemacht" ... wurden ihnen von ihrem neuen Herrn, dem Plantagenbesitzer, eine Litanei von Gesetzen und menschenunwürdigen Bestimmungen verlesen und bei Zuwiderhandlung hohe Geldstrafen angedroht. Statt der versprochenen Häuser werden die meisten Familien in Notunterkünften untergebracht, wo gleich Krankheiten ausbrechen. Sehr bald wird allen klar, dass es hier keineswegs frei und demokratisch zugeht, sondern dass sie als "freie Schweizer" hier zu Leibeigenen geworden sind. Ehen zwischen Minderjährigen werden gefördert: So züchten die brasilianischen Herren weiße Sklaven.
Briefe, die die wahren Verhältnisse darstellen, werden unterschlagen; die im "Kolonist" veröffentlichten waren offenbar Fälschungen, mit denen man Auswanderungswillige ins Netz locken wollte. Davatz, Schullehrer und Weltverbesserer, schreibt des Nachts unermüdlich geheime Berichte, die er außer Landes schmuggelt, um den Kleinen Rat im Bündnerland auf die prekären Zustände im "Paradies" aufmerksam zu machen, die Leute aufzurütteln, sie aufzuklären darüber, dass auf den brasilianischen Fazendas Schweizer Bürger wie Sklaven gehalten werden. Schließlich wird ein Beobachter aus Helvetien entsandt, der die Sache in Augenschein nehmen soll. Davatz hält die gärende Revolte unter Kontrolle und tut sein Bestes, den Kolonisten mit legalen Mitteln zu ihrem Recht zu verhelfen. Wider Willen wird er zum Helden der unzufriedenen, aufrührerischen Schweizer, die sich nun aus verschiedenen Kolonien zusammenfinden, um ihr Joch abzuschütteln, die Verträge neu zu schreiben.
Dies ist kein fröhliches Buch, bestimmt nicht. Aber es ist auch nicht verbiestert und verhärmt, im Gegenteil, Hasler versteht es, immer auch wieder die poetischen Seiten hervorzukehren, und aufzuzeigen, wie Menschen auch unter elenden Verhältnissen noch ihre Würde bewahren, eine innere seelische Kraft. Die Autorin versteht es, den Leser zu fesseln; es gelingt ihr nicht nur, die psychische Not dieser Menschen darzustellen, die prekären gesellschaftlichen Verhältnisse in der Heimat und in Übersee, sondern flicht immer wieder auch sehr anschauliche Beschreibung der Landschaften mit ein.
Wie in den zwei anderen Büchern von Eveline Hasler, die ich bisher kenne, Die Wachsflügelfrau und Anna Göldin, so scheint mir auch hier ein wesentliches Thema das der Frau (als Beispiel des unterdrückten Menschen), die sich selbst verwirklichen will, die - wie hier von der Barbara Simmen sehr schön gesagt wird - ihr eigenes Muster weben und nicht einfach eine willfährige Marionette sein möchte.
Sehr zu empfehlen.
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