- Gebundene Ausgabe: 498 Seiten
- Verlag: Ammann Verlag (1998)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3250103152
- ISBN-13: 978-3250103158
- Größe und/oder Gewicht: 20,2 x 13,4 x 4 cm
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 1.429.875 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
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Produktinformation
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Autobiographische Aufzeichnungen von Wole Soyinka
Damals war Hoffnung: in «Ìsarà», Wole Soyinkas 1994 in deutscher Übersetzung erschienener Hommage an eine Generation, die sich mit Optimismus, Engagement und Witz den An- und Widersprüchen einer spezifisch afrikanischen Moderne stellte. Für die zentrale Gestalt des Schulrektors Akinyode Soditan nahm der Autor Mass an seinem eigenen Vater; ihm, dem besonnenen, sorgsam zwischen Tradition und Neuerung abwägenden Denker, gab er als «Mephisto» einen wendigen nigerianischen Geschäftsmann zur Seite, dessen Handelsbeziehungen nach Italien auch neue Perspektiven auf Europa öffneten. Dieser selbstbewussten afrikanischen Elite, die den Druck der Kolonialherrschaft immer unwilliger trug, mochte der Blick auf das sich anbahnende Desaster des Zweiten Weltkrieges wohl in ganz eigener Weise den «Untergang des Abendlandes» anzeigen.
Die entsprechende Morgenröte war natürlich die von jener Generation erhoffte Unabhängigkeit, welche Nigeria dann im Jahr 1960 erlangte. In «Ibadan», Soyinkas autobiographischen Aufzeichnungen aus den Jahren 19461965, präsentiert sich das grosse Ereignis allerdings in mässigem Glanz; der neuen Nationalflagge gesteht der Schriftsteller allenfalls den Vorteil zu, dass ihre schlichte Farbkomposition sich problemlos auf Fussballtrikots und Geschirrtücher, Blumentöpfe, Verkehrsinseln und Büromöbel übertragen liess.
Verlorene Illusionen
Der Kommentar setzt den Leitton zu einer nationalen Tragikomödie, die auf zusehends dunklerer Bühne spielt: Gewalt und Korruption scheinen die einzigen oder effizientesten Kräfte, welche die neuen Machthaber den regionalen und ideologischen Differenzen entgegenzusetzen wissen, die den riesigen Vielvölkerstaat Nigeria bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen. Einen passenden Auftakt verzeichnet auch die persönliche Biographie des jungen Dramatikers Maren, der in «Ibadan» an Soyinkas Statt die Hauptrolle bestreitet: sein Drama «Tanz der Wälder», dessen Aufführung anlässlich der Unabhängigkeitsfeiern geplant war, wird in letzter Minute wegen seines subversiven Potentials aus den Spielplänen gestrichen.
Die drei Hochschulen Ibadan, Ife und Lagos an denen Maren in den folgenden Jahren tätig ist, sind keineswegs die «Klöster des Geistes», als die sie dem Jugendlichen einst erschienen; sondern anfällige Organismen, die sich mit etwas Druck, etwas brachialer Gewalt bequem nach dem Wunschbild politischer und ethnischer Interessengruppen formen lassen. Auf den ersten derartigen Übergriff ein landesweit bekannter akademischer Hochstapler soll auf Geheiss des Generalgouverneurs den Vorsitz im Senat der Universität Ibadan übernehmen reagiert Maren mit Protest und sofortiger Kündigung; als in Ife die Verabschiedung politisch missliebiger Dozenten durch Schlägertrupps beschleunigt wird, mobilisiert er nicht minder wehrhafte Gegenkräfte; die Stelle in Lagos aber tritt er bereits im Geist zynischer Resignation an: wo die Universität «nichts weiter als die Bühne für eine perverse Theatralik» ist, mag ja zumindest der Dramatiker auf die Rechnung kommen.
Die Haupthandlung des Buches allerdings spielt inzwischen auf politischer Ebene und vor nationalem Hintergrund: mit amtlicher Korruption, brutal unterdrückten Volksaufständen und zuletzt einem grossangelegten Wahlbetrug setzen sich die Machthaber in Szene. Maren transponiert die auch hier waltende «perverse Theatralik» in satirische Bühnenwerke; und profitiert realiter insofern vom allgemeinen Maskenspiel, als zumindest ein Teil der ums offizielle Staatswohl besorgten Kräfte durchaus geneigt ist, heimlich dem unbequemen Einzelkämpfer in die Hände zu spielen. Unter den zu seiner Überwachung und baldmöglichsten Überführung ins Gefängnis detachierten Herren gibt es den Polizisten, der mit Pokerface die richtigen Antworten suggeriert, den Sicherheitsbeamten, welcher der hübschen Floskel «Ich sage das nur zu Ihrer Information» stets ein mehr oder minder einschlägiges Staatsgeheimnis folgen lässt; und es gibt die anonymen Telefonisten, welche Maren aus seinen wechselnden Verstecken mithorchen lassen, wenn der Draht zwischen zwei Potentaten heissläuft. So gelingt ihm der finale Coup: die handstreichartige Besetzung des nationalen Radiosenders für die kostbaren Sekunden, welche nötig sind, um dem Regenten im Namen der wahren «Stimme des Volkes» zuzurufen: Hau ab!
Lebensgeschichte mit Lücken
Verblüffend sind an diesem autobiographischen Werk nicht allein die rekapitulierten Fakten, sondern auch die klaffenden Lücken. Die sprunghafte Chronologie des Buches blendet für zwei Kapitel zurück in die Schulzeit, da Maren in den Dichtungen Euripides' und Blakes unverhoffte europäisch-afrikanische Geistesverwandtschaften entdeckt, aber auch die wahrhafte Wortgewalt eines tyrannischen Oberschülers aufs unangenehmste zu spüren bekommt. Während im folgenden dann ein Intermezzo als Lagerverwalter, der unfreiwillige Aufenthalt auf der Nachtseite von Paris oder die Extravaganzen einer britischen Starregisseurin beträchtlichen Raum einnehmen, ist von den Studienjahren in Ibadan und Leeds nichts, von der Theaterarbeit in London wenig zu lesen. Marens erstes akademisches Forschungsprojekt in Nigeria eine landesweite Recherche ritueller Strukturen, die für das Theaterschaffen fruchtbar gemacht werden soll wird nur in zwei, drei Sätzen erwähnt; über seine Tätigkeit als Universitätsdozent und vor allem sein Schriftstellerhandwerk ist so gut wie nichts zu erfahren.
Primär aus diesem Grund mag Soyinka ein Alter ego quasi als Verkörperung eines Teilaspekts seiner Person ins Zentrum des Buches gesetzt haben; und vielleicht auch ein wenig um einer Selbstdarstellung willen, welche die Bescheidenheit einem Ich-Erzähler zumindest stellenweise verboten hätte. Dass er allerdings im nationalen Drama Nigerias den Status des Helden beanspruchen darf, beweist gleichsam ex negativo der unverbrüchliche Hass der Regenten, die den berühmtesten Literaten ihres Landes dauerhaft ins Exil gezwungen haben; und dass Soyinka diese Rolle in «Ibadan» mehr im komischen denn im tragischen Geist spielt, dürfte ihm die nicht minder unverbrüchliche Sympathie seiner Leser sichern.
Angela Schader
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