Niklaus Brantschen und Pia Gyger haben ein wichtiges Buch geschrieben. Es ist ein Markstein. Denn beide Autoren gehören zu einer Generation von Zen-Lehrern, die auf der einen Seite eine offizielle, langjährige Ausbildung bei bekannten Meistern haben, auf der anderen Seite ihrer westlich-christlichen Tradition treu geblieben sind und diese durch ihre Erfahrung neu beleben wollen. Diese Neubelebung kann sich auf eine lange Tradition im Christentum selbst stützen: die mystischen Erfahrungswege, die seit der Zeit der Wüstenväter und Ordensgründer immer wieder neu aufgebrochen sind. Der "Integrale Weg - Via Integralis" ist die moderne Fassung dieser Tradition. Während sich in der christlichen Tradition viele tiefschürfende theoretische Texte und Erfahrungsbeschreibungen finden lassen, gibt es nur wenige für Laien zugängliche Ausbildungs- und Schulungswege. In der offiziellen Lehre spielt diese Tradition eine nur sehr untergeordnete Rolle. In der Zen-Lehre gibt es hingegen einen sehr präzisen, auf langer Erfahrung aufbauenden praktischen Schulungsweg. Die Via Integralis ist nun der Versuch, diese beiden Traditionen zu einer neuen Richtung zusammenzuführen. Sie ist Zen in der Praxis und christliche Mystik in der Theorie. Die Zen Praxis besteht aus Sitzen in Stille und Achten auf den Atem, sowie aus dem Arbeiten mit paradoxen Kerntexten. Anders als beim Zen kommen sie nicht aus Koan-Sammlungen, sondern aus dem neuen Testament oder aus Äusserungen der Mystiker. Ein Beispiel für einen solchen Kerntext ist etwa das Johannes-Wort: "Ehe Abraham war, war ich." Oder ein Wort des mystischen Barockdichters Angelus Silesius: "Halt an wo läufst Du hin? Der Himmel ist in Dir!"
Mit diesem Buch ist daher ein wichtiger Anfang gesetzt. Die Autoren haben ihren neuen Weg in langen Jahren der Praxis - in eigener Meditationspraxis und in langjähriger Lehrpraxis - erprobt und verbessert. Hier ist das Ergebnis. Es enthält für den Laien gut verständliche Einführungstexte in den Hintergrund der christlichen Mystik und die theoretisch-theologische Begründung für das Vorgehen, u.a. Äusserungen des derzeitigen Papstes. Ausserdem ist eine sehr plastische Beschreibung der Praxis zu finden, Beispiele und Erfahrungstexte, sowie einige Übungen. Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass dies kein Selbsthilfebuch ist, das man zur Hand nehmen kann und das einen dann im Schnellverfahren zum Mystiker macht. Vielmehr ist es eine Hilfe für ernste Sucher, die das Buch als Grundlagentext und Basisdokumentation einer neuen Tradition verwenden können. Es wird all denen nützen, die verstehen wollen, wie man christliche Tradition und ernsthafte eigene Meditationspraxis verbinden kann. Es wird denen ein Trost sein, denen ihre eigene christliche Tradition wichtig ist, die aber in ihrem konkreten Umfeld wenig anregende Beispiele gefunden haben, wie es gehen könnte, den Erfahrungskern der christlichen Religion wieder freizulegen und denen dogmatische Äusserungen und Appelle an den Glauben zu wenig sind. Denn hier ist ein konkretes Beispiel, wie es geht. Es wird all jenen ein guter Denkanstoss sein, die bislang gedacht haben, Christentum und Meditation vertragen sich nicht. Denn hier ist ein gelebtes Gegenbeispiel.
Und das Faszinierende: All das geschieht durchaus im Rahmen des offiziell Möglichen. Beide Autoren sind autorisierte Zen-Lehrer mit voller Ermächtigung, nicht nur authentisches Zen weiterzugeben, sondern auch authentisches Zen in ihrer eigenen Interpretation. Das tun sie hier. Beide Autoren sind auch christliche Ordensleute, die im Rahmen ihrer je eigenen Tradition die Ermächtigung haben, sie weiterzugeben. Beides verbinden sie zu einer sehr gelungenen und völlig neuen Einheit. Aus ihr entsteht die Wiederbelebung der christlich-mystischen Tradition aus dem Geist und der Praxis des Zens. Daran sieht man: unsere Erde wächst zusammen und sie ist rund. Wenn man weit genug in den Osten geht, kommt man im Westen wieder heraus, und umgekehrt. Dieses Buch markiert den Schnittpunkt dieser Bewegung.