Ja, er ist immer noch, was er ist, und das ist nicht nur gut so -- das ist mehr als nur gut. Was Merle Haggard auf seine alten Tage so ganz lässig loslässt, ohne Starallüren, ohne "Das ist jetzt Kunst"-Gehabe, das ist herrlich. Das ist locker und lässt den Tag gleich in ganz anderem, freundlicherem Licht erscheinen. Ein Album in bester Country-Tradition jenseits des glattgeföhnten Üblichen, schön altmodisch einerseits und gleichzeitig immer offen für andere Stilrichtungen, von Texmex über Songwriter bis Dixieland (inclusive Hommage à Louis Armstrong).
Losgehen tut's mit einem unbekümmerten "I've Seen It Go Away", und dass astreine Country-Melodien sich wunderbar mit angedeuteten Jazzharmonien vertragen, zeigt er nicht nur mit "Pretty When It's New". So quirlig kann sich Melancholie anschleichen... Oder das gemütliche "Oil Tanker Train" voller Kindheitserinnerungen, herrlich altmodisch im besten Sinne. Oder das quietschfidele Duett "Live and Love Always" mit seiner Frau, kongenial begleitet mit Trompete und Steel Guitar -- so unbekümmert und kitschfrei kann Country im Eisenbahn-Rhythmus klingen, und auch bei "The Road to My Heart" gilt: Kein schlichter Country-Rhythmus, sondern eine ausgekochte Mischung aus Country und Jazz alter Schule, die die Gralshüter der reinen Genres ärgern und die Zuhörer begeistern wird.
Er kann's aber auch im gemäßigten Rhythmus, altmodisch nach allen Regeln der Kunst, aber ohne Zuckerguss und ohne Bombast. Im zweiten Teil des Albums beweist er das mehrfach, ohne langweilig zu werden. Dazu stecken auch hier wieder viel zu viel Eigensinn und erstrecht zu viele Ideen drin.
Der Jüngste ist Merle Haggard nicht mehr, das hört man, und er macht auch keinen Schmu draus, führt sich nicht auf wie die ewige Jugend in Person. Aber seine Stimme ist noch fest, mal ruhig, mal energiegeladen -- etwa, wenn sein "Down at the End of the Road" alles andere als weinerlich daherkommt, sondern vor Leben sprüht. Was immer da zu Ende sein mag -- Haggards musikalischer Instinkt ist's noch lange nicht. Der ist immer noch gut für Überraschungen. Vielleicht ist er ein klein wenig ruhiger geworden, aber hellwach ist er immer noch, und auch wenn er in den meisten Songs seine kurvenreiche Biographie umkreist: Verklärt wird nichts. Haggards Texte haben ebenso viel Bodenhaftung wie seine Stimme.
Das klingt alles dermaßen eingängig und locker, wenn Haggard mit Text und Musik erzählt -- und nie plätschert's dahin. Immer ist so eine Spannung drin, die einen hellwach zuhören lässt. Das liegt nicht nur daran, dass die Songs zwar eingängig sind, aber beileibe nicht einfach gestrickt sind. Merle Haggard ist ein Könner, das sowieso -- und er hat eine handverlesene Band dabei, "seine" Stranglers mit Gästen: Tim Howard (Lead Guitar), Scott Joss (Fiddle), Norm Hamlet (Steel Guitar), Biff Adam/George Receli (Schlagzeug), Kevin Williams (Bass), Don Markham (Trompete -- siehe bzw. höre z.B. "The Road to My Heart"), Doug Colosio (Piano).
Ein Alterswerk, das über dem ganzen Nashville- und sonstigen Musiktrubel steht, ohne je abzuheben oder gar arrogant zu werden, und auf die bequemen musikalischen Schubladen pfeift Haggard sowieso. He really is what he is. Und das ist gut so.