Endlich, 16 Jahre nach der Adaption des Albums "Chaos" ins Englische, erscheint nun mit "I walk" die vierte komplett englisch eingesungene Herbert Grönemeyer Platte. Endlich, weil ich die bisherigen drei wirklich mag.
Es wäre sinnlos, jetzt an dieser Stelle die Diskussion vom Zaun zu brechen, ob man die übersetzten Versionen bereits auf Deutsch bekannter Lieder braucht oder mag. Wer einen Sänger nur in seiner Muttersprache erleben will, kann und sollte das auch genauso tun, der braucht "I walk" exakt so wenig wie die drei bisherigen englischen Alben (What's all this (1988), Luxus (1992), Chaos (1996) - erstere enthielt Lieder der deutschen Alben 4630 Bochum, Sprünge und Ö, die anderen beiden waren Komplettübernahmen der jeweiligen deutschen LPs). Das bleibt eine Frage des persönlichen Geschmacks oder einer grundsätzlichen Haltung. Wer aber glaubt, es sei doch nur das jeweils selbe Lied, nur eben noch mal übersetzt aufgenommen, irrt.
Die Resonanz der Sprache spielt in der Wirkung eine nicht zu unterschätzende Rolle, keinesfalls nur klanglich, auch inhaltlich. Jeder, der mindesten zwei Sprachen fließend spricht, wird wissen, dass eine noch so richtige inhaltliche Übersetzung in der anderen Sprache häufig doch nicht ganz dasselbe meint. Weniger bei Bedienungsanleitungen für Wäschetrockner, umso mehr aber bei emotionalen, zwischenmenschlichen Kontexten.
Wenn mir eine Französin ein >Je t'aime< entgegenhaucht und es ihr eine Russin muttersprachlich mit >Ja lubju tebja< gleichtut, dann haben mir zwar beide mitgeteilt, dass sie ganz außergewöhnlich erfreuliche Gefühle für mich hegen, dennoch knistern die Sätze sehr unterschiedlich. Das hat überhaupt nichts mit einer etwaigen persönlichen Vorliebe für Französinnen oder Russinnen zu tun und ganz abgesehen davon, geht es Sie nun auch wirklich überhaupt nichts an... Wir waren beim neuen Album von Herbert Grönemeyer:
Die Sprache in der eine Melodie gesungen wird, verändert die Wirkung des Liedes, weil die Stimme letztlich auch ein Instrument ist. Kein Geringerer als Andrew Lloyd Webber erwähnte schon des Öfteren, dass er am liebsten die deutschen Fassungen seiner Musicals höre, weil diese Sprache mehr Melodramatik und Kraft habe, härter sei und unglaublich gut zu seinen Stücken und generell zu Rockmusik passe. Peter Gabriel äußerte sich ganz ähnlich und ließ es sich nicht nehmen zwei seiner Alben auch auf Deutsch zu produzieren.
Kurz, die englische Version von z.B. "Mensch" ist natürlich kein vollkommen anderes Lied, aber auf jeden der noch ganz bewusst Musik hört und sie nicht nur nebenher als Klangtapete seines Lebensraums nutzt, werden die verschiedensprachigen Versionen auch unterschiedliche Wirkungen haben. Besser oder schlechter oder einfach nur anders, werde ich hier nicht festlegen. Das müssen Sie schon selbst für sich herausfinden.
Insgesamt ist "I walk" deutlich eigenständiger als die drei oben genannten englischen Alben bisher, aus mehreren Gründen:
Das Album enthält zu einem Viertel nie zuvor auf deutsch veröffentlichte Titel, ein Novum. Jedes der drei Lieder überzeugt durch sehr starken Textbezug. Es sind keine aufgeblasenen Rocksongs oder gefällige Pop-Hymnen, sondern klassische Songwriter-Tracks, die für Herbert Grönemeyer zwar nicht völlig untypisch sind, in der Dichte aber auf seinen deutschen Produktionen nicht vorkommen, oder zumindest so geballt schon sehr lange nicht mehr vorkamen, zuletzt am ehesten auf "Total egal" - und das war immerhin 1982.
Und dieser Singer/Songwriter-Stil prägt über weite Strecken auch die neun adaptierten Songs. Grönemeyer pickte aus den letzten vier Alben nicht etwa nur die großen Single-Hits heraus um sie ins Englische herüberzuhiefen, sondern suchte offenbar gezielt nach Songs, die sich zu einem Bogen spannen lassen und gemeinsam mit den drei gänzlich neuen ein in sich stimmiges Album ergeben. Das ist ihm vollends gelungen!
Nicht zuletzt auch deswegen, weil dafür die Arrangements überwiegend völlig über den Haufen geworfen und neu erdacht wurden. "Stand der Dinge" z.B. war auf dem 1998er Album "Bleibt alles anders" ein verspieltes Überlagern von Computer-Effekten und Spielereien, erzeugte eine gelungene, technisch kühle Atmosphäre, gänzlich ohne Melodieführendes Instrument, nur getragen vom Gesang. Nun heißt es "Behind the glass" und wurde völlig ausgezogen und neu eingekleidet in ein warmes, sehr akustisch anmutendes Soundkleid. Nicht besser, nicht schlechter, völlig anders, eigenständig.
Und als ob er mit ganzen vier Alben nach "Chaos" nicht schon genug Material zur Auswahl gehabt hätte, griff er einen noch wesentlich älteren Song erneut auf, den es auf dem ersten englischen Album 1988 schon mal gab. "Flugzeuge im Bauch" war in der ersten englischen Fassung noch sehr nah am deutschen Original, wie alle Adaptionen bisher, jetzt heißt es zwar immer noch "Airplanes in my head" (ja in England hat man die Flugzeuge im Kopf, wenn einen das Liebesleid quält), aber es wurde musikalisch vollkommen umgebaut, ganz groß! Auch der Text ist eine andere Übersetzung als die von 1988.
Auch der 2008 exklusiv neue Song des Best of Albums "Was muss, muss", erfuhr eine sehr gelungene Übernahme ins Englische. Aus "Glück" wurde "All that I need", zweifellos eines der absoluten Highlights des neuen Albums. Auch wenn hier die musikalische Veränderung nicht so ausgeprägt ausfällt, die Wirkung der andern Sprache umso mehr. Zumal vom deutschen Text hier nur die Idee übernommen wurde, die konkrete Wortwahl ist eine völlig andere, die poetischen Wortbilder sind noch schöner als in der deutschen Fassung, es ist also nicht einmal eine sinngemäße Übersetzung.
Und noch etwas emanzipiert "I walk" von allen bisherigen Alben, keineswegs nur den englischen. Es sind äußerst illustre Gäste mit im Studio gewesen. Bei "To the sea" (Original "Zum Meer" und musikalisch übrigens auch völlig verändert) gab sich James Dean Bradfield, Frontmann der Manic Street Preachers, die Ehre. Leider ausschließlich an der Gitarre und nicht auch am Mikrophon, Anthony (and the Johnsons) singt im Duett den neuen Song "Will I ever learn". Ja, und dann lernt die Kuh fliegen, da ist dann noch der 13. Bonus-Song, eine zweite Version der englischen Fassung von "Mensch" - im Duett gesungen mit Bono, ja der von U2!
Ich will keinen Star-Kult betreiben, keine blinde Ehrdarbietung und natürlich wird kein Lied besser oder schlechter nur weil einer der wenigen, für die das Attribut >internationaler Superstar< eine zulässige Bezeichnung ist, sich mal kurz mit hinters Mikrophon stellt, aber man sollte sich das Staunen und die Bewunderung auch nicht selbst verbieten. Das ist schon ein nicht alltäglicher Brocken auf dem Album eines deutschen Rockstars.
Aus Respekt vor Bono und als gleichsamer Fan von U2 wie Herbert Grönemeyer, verkneife ich mir hier lange Ausführungen, dass mir die Version von Grönemeyer allein ganz ehrlich auch besser gefällt. Es ist letztlich großartig, dass Bono dabei ist und allein schon der Ungewöhnlichkeit wegen toll - Punkt.
"I walk" ist ein durchweg großes und sehr eigenständiges Album geworden, weit mehr als "nur" ein paar englische Ableger bekannter Lieder, was man an den bisherigen englischen Produktionen von Herbert Grönemeyer berechtigt hätte bemängeln können.
Zu kritisieren gibt es an dem Album im Grunde nur eines und das hat nichts mit dem Album selbst, so wie es jetzt endlich vorliegt, zu tun. Die Veröffentlichungsstrategie war eine einzige Katastrophe!
Ursprünglich sollte das Album auf dem deutschen Markt überhaupt nicht erscheinen, wie die drei vorherigen ja zunächst ebenfalls nicht, die auch erst Jahre später ganz nebenbei alle an einem Tag offiziell in Deutschland veröffentlicht wurden. 1988/92/96 mag das ja auch noch weitgehend funktioniert haben, aber das greift im Jahre 2012, im Internet-Zeitalter schon lang nicht mehr. Wer die Platte haben will, bestellt sie sich dann eben recht mühelos als Import.
Mit der 2008 veröffentlichten Best of war mit "Will I ever learn" bereits der erste Appetithappen draußen, zusammen mit der Ankündigung >aus dem im nächsten Jahr erscheinenden neuen englischen Album<. 2009 kam aber nichts, genauso wenig wie 2010. Erst 2011 gab es dann das neue deutsche Album "Schiffsverkehr" in der Deluxe-Ausgabe mit einer zweiten Bonus-CD die weitere sechs Titel des kommenden englischen Albums enthielt. Macht in der Summe 7 von 13 Titeln, die man als glühender Fan also schon kennt und hat. Oder anders gesagt, wirklich neu sind mit der Veröffentlichung von "I walk" dann nur noch lediglich sechs Stücke. Zugegeben, zum Trost, die jetzt auf dem Album enthalten Versionen verglichen mit der Bonus-CD von "Schiffsverkehr" unterscheiden sich hier und da ein wenig, offenbar wurde für die Album-Abmischung hier auch noch einmal etwas an den Reglern gerüttelt und an den Knöpfen gedreht. Wie gesagt, all dass macht das Album selbst, so wie es jetzt endlich formvollendet und ganzheitlich veröffentlicht wurde, nicht schlechter, ist aber dennoch reichlich konzeptlos und ärgerlich, denn die Bonus-CD von "Schiffsverkehr" ist nun nicht viel mehr als ein Deko-Artikel.
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