Der Titel dieser Greatest-Hits-Sammlung ist irreführend: Es handelt sich bei dieser Doppel-CD weder um eine Art nachgereichten Film-Soundtrack, noch um einen der unendlich vielen schnell zusammengestoppelten Cash-Sampler von oftmals fragwürdiger Tonqualität.
"I Walk the Line" enthält in bestechender Tonqualität 24 Hits von Johnny Cash aus den 50er Jahren bis 1986; fast seine ganze "Columbia"-Zeit ist abgedeckt. Man vermisst eigentlich nur, neben manchen frühen Knallern, den ein oder anderen Song aus seinen Konzeptalben Anfang der 1960er Jahre.
Wer nach einer repräsentativen Cash-Zusammenstellung aus dieser Zeit sucht, kann kaum besseres finden; der Platz, den 2 CDs bereitstellen, könnte kaum besser ausgenützt werden. Neben absoluten Über-Spitzen-Klassikern wie "Walk the Line", "Ghost Riders in the Sky", "Orange Blossom Special", "Ring of Fire", "The Sons of Katie Elder" usw. usw. usw. (man staunt immer wieder, was Cash im Laufe der Jahrzehnte alles aufgenommen hat, und das auch noch in bestechender Ausführung. Vermutlich ginge es viel schneller, wenn man nur auflistete, was er n i e aufgenommen hat...) und einigen der fetzigsten Duette mit June Carter enthält diese Sammlung auch einige Tracks aus den 70ern und frühen 80ern, die aus unerfindlichen Gründen selten in den Best-ofs zu finden sind: z.B. "What Is Truth?", "Bull Rider" oder "The Last Gunfighter Ballad", oder die kongenial eingespielten Springsteen-Nummern "Johnny 99" und "Highway Patrolman" (Der Man in Black übertrifft vor allem mit "Highway Patrolman" locker den "Boss"), oder das witzige "One Piece at a Time", oder "Even Cowgirls Get the Blues" -- diesmal als Duett mit einem nicht minder gut aufgelegten Waylon Jennings (aus der gemeinsamen LP "Heroes", 1986).
Schon unglaublich -- man kann allein mit Cashs Hits aus dieser Zeitspanne locker 2 CDs (mindestens!) füllen, und keine einzige Nummer ist überflüssig (Naja, fast -- bei der Einspielung von "Thing Called Love" 1972 hat Cash versäumt, den Hintergrundchor hochkant aus dem Studio zu schmeißen. Aber das ist wirklich der einzig vielleicht teilweise verzichtbare Titel).
Ein toller Querschnitt vom Werk eines Ausnahmemusikers aus 25 Jahren, ein Parforce-Ritt durch die vielen, vielen Spielarten des Country, von einem der vielseitigsten Meister der Branche.
Wegen der durchdachten Auswahl und der hervorragenden Tonqualität empfiehlt sich diese Zusammenstellung, die kurz nach Johnny Cashs Tod veröffentlicht wurde, auch für alle, die Cash erst über die "American"-Alben kennengelernt haben und nun auf das "Was bisher geschah" neugierig sind. Für komplette Neueinsteiger allerdings könnte "Ring of Fire. The Legend of Johnny Cash" noch interessanter sein, da man dort einen Überblick über Cashs gesamte Karriere bekommt, von "Walk the Line" bis "Hurt".
Ansonsten gilt: Einlegen in den CD-Spieler, "Play" drücken, Verstärker aufdrehen, und der Abend ist gerettet.