Die Weihnachts-Szene im Stall zu Bethlehem hat eine optische Parallelverschiebung in unsere Gegenwart erhalten: Jesus wird in einer KFZ-Reparaturwerkstatt zur Welt gebracht, beleuchtet vom Scheinwerferpaar eines Kleintransporters. Statt eines Esels sieht eine Katze zu, Mutter Maria sitzt leicht bekleidet nicht auf Stroh sondern auf einem Zementsack, anstelle von Hirten sind Mechaniker herbeigeeilt, die mit Gaensebluemchen um Oel-Lachen herumturnen: Die beruehmte franzoesische Fotografin Bettina Rheims hat mit Serge Bramly einen eindruecklichen, nicht leicht zu vergessenden Angriff auf unsere bildlichen Vorstellungstraditionen gestartet. In dem bibliophilen Meisterwerk "I.N.R.I." sehen wir die nackttanzende Salome mit dem blutigen Haupt des Johannes auf dem Tablett oder die Heilung der Epileptiker, Gelaehmten und Besessenen (wie Schwarz-Weiss-Dokumente aus maroden Heilanstalten) - anders als wir sie bei der schulischen Erstbegegnung uns je haetten visualisieren koennen (und duerfen). Eine Korrektur unserer Phantasieleistungen ist sicherlich sehr spannend - bis hin zur Auseinandersetzung mit dem frappierenden Titelbild: am Kreuz haengt eine unbekleidete junge Frau. Dieses Cover hat in Frankreich fuer Aerger gesorgt, aber man sollte diese kunstvolle Agitation nicht hysterisch ueberbewerten: im Innern des Bandes findet man eine schoepferische, fast wuetende Anstrengung mit dem Ziel, das neue Testament fuer unsere Gegenwart zu illustrieren: den Weg in eine neue Art von Ikonographie beschreitend ...