Hinter dieser nicht nur in Deutschland weitgehend unbekannten Oper verbergen sich Schillers "Räuber", von Verdi vertont zwischen Macbeth und Rigoletto. Die musikalische Umsetzung ist im Vergleich zu diesen beiden Meisterwerken eher konventionell, folgt - wie der sehr ähnliche Ernani - dem typischen italienischen Opernrezept der Zeit mit der strengen Reihenfolge Ouverture, Eingangschor, Auftrittsarie des Tenors, etc. Auch die Solonummern folgen streng dem gewohnten Muster langsame Arie, schnelle Cabaletta. Die Musik ist typisch Verdi. Was noch fehlt, ist die einheitliche, auf den Stoff zugeschnittene Klangfarbe, die die späteren Opern des Komponisten so einzigartig machte. Hier wirkt die Musik noch austauschbar.
Man hat das Gefühl, dass Schillers Theater-Erstling auch für Verdi ein Test war, ob er nach der offensichtlichen Inspiration durch Shakespeare (Macbeth) auch mit diesem Autor auf Dauer etwas anfangen könne. Der Test verlief wohl vorsichtig, aber positiv. Immerhin folgten mit Luisa Miller und Don Carlo noch zwei großartige Schiller-Opern.
Auf jeden Fall enthalten I Masnadieri sehr viel schöne und inspirierte Musik, die zu hören sich auf jeden Fall lohnt und bei der man sich wünscht, diese Oper auch einmal auf der Bühne zu erleben.
Die Aufnahme selbst ist nahezu ideal: Allen voran bietet Carlo Bergonzi, der vielleicht klügste und stilsicherste Verdi-Tenor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, eine Demonstration seiner Kunst. Seine edel-herbe Stimme passt zudem perfekt zur Rolle.
Auch Montserrat Caballe kann hier ihre Stärken - herrlich schwebende piani und perfekte Koloraturen (bei schon etwas scharfen Forte-Spitzentönen) - in der technisch enorm anspruchsvollen Partie der Amalie (die Rolle war für die "schwedische Nachtigall" Jenny Lind geschrieben) voll ausspielen und wird von ihrem Partner auch interpretatorisch zu Höchstleistungen getrieben.
Dazu kommt mit Piero Cappuccilli der zuverlässigste italienische Bariton der 70er Jahre - keine Traumstimme wie Bastianini oder Merrill, aber ein immer ernsthafter und temperamtentvoller Interpret seiner Rollen, der nie enttäuscht hat.
Und so bietet diese Aufnahme den perfekten Rahmen für eine echte Verdi-Entdeckung - keine Sensation, aber eine willkommene Ergänzung für diejenigen, die nicht zum 1000. Mal die Aida hören wollen.