Es gibt noch immer zahllose Interpretinnen, die schlechter singen als Whitney Houston. Und selbst wenn sie beim ein oder anderen Oktavensprung ins Straucheln gerät - geschenkt! Die Tragik dieses Albums besteht nicht darin, dass das exzessive Leben in ihrer Stimme Spuren hinterlassen hat, sondern darin, dass sie auf ihrem neuen Album dieses Leben glatt verleugnet.
Auf I LOOK TO YOU will sie den Eindruck erwecken, sie wäre die alte. Das Mädel aus "I wanna dance with somebody"-Zeiten - clean wie eine polierte Tanzdiele, punktgenau wie ein geeichtes Metronom. Soul war das nie, eher das musikalische Pendant zum Blockbuster-Kino - effektvoll, überladen, doch als Ganzes in sich stimmig. Pop halt.
Pop aber lebt von Makellosigkeit, duldet - anders als Rock oder Country - keine Fehler, keine Unebenheiten, keine Schwächen. Diesen Perfektionsanspruch jedoch kann die Whitney des Jahres 2009 gar nicht erfüllen, mögen die Tontechniker auch noch so sehr die Soundregler strapazieren. Dafür wäre die Whitney von heute prädestiniert für den Soul. Der hat bekanntlich seine Wurzeln im Blues. Und Blues gab es genug in ihrem Leben: eine zerrüttete Ehe mit einem notorischen Schläger, anhaltende Depressionen und immer wieder Drogenabstürze.
Ein GUTES Komponistenteam hätte dieses "Material" genutzt und ihr Songs auf den Leib geschrieben, die Whitneys Zerrüttung in Worte und Töne fassen. Und ein GUTES Produzenteam hätte diese Rohdiamanten behutsam eingefasst, d.h. auf Feinschliff und Prunk verzichtet. Leider hatte Whitney Houston kein gutes Team, sondern nur die üblichen Verdächtigen, die zwar wissen, wie ein zeitgemäßes R&B-Album zu klingen hat, aber nicht in der Lage sind, die Persönlichkeit eines Interpreten zum Ausdruck zu bringen.
Und das ist schade. Denn mit ihrem neuen Album hätte Whitney Houston sich von ihrem alten, längst überholten Image emanzipieren können (so wie es Marvin Gaye 1971 mit WHAT'S GOING ON getan hat). Sie tut es nicht. Das Ergebnis ist trostlos: I LOOK TO YOU klingt, als hätte Mariah Carey einen schlechten Tag gehabt.