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Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit: die schmerzlichste und womöglich wichtigste Episode des Holocausts, 21. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: I Escaped from Auschwitz (Taschenbuch)
Sie beschäftigt hier mit einer der wichtigsten Episoden während des Holocausts, die mit ganzer Wucht sowohl von KZ-Überlebenden als auch von israelischen und jüdischen Historikern verbergt wird.
Am 7 April 1944 sind zwei jüdische Häftlinge der Mordfabrik Auschwitz entflohen: Rudolf Vrba (geboren Walter Rosenberg) und Alfred Wetzler. Sie hatten gerade die massiven Vorbereitungen für die anstehende Vernichtung der letzten in Europa verbliebene Jüdischen Gemeinde, der ungarischen, mit 800.000 Mitgliedern. Sie steuerten sofort den slowakischen Judenrat (eine von den Nationalsozialisten angeordnete Körperschaft der Juden in von Deutschland im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten Osteuropas, Frankreichs, Belgiens und den Niederlanden) an, um durch diesen Kanal den ungarischen Judenrat vor der geplanten Katastrophe zu warnen.
Ihr sog. Vrba-Wetzler Bericht war das erste Dokument, das die Freie Welt erreichte und die Auschwitz-Mordmaschine
auf glaubwürdige Weise beschrieb. Am 28 April 1944 erreichte der Bericht das Judenrat in Budapest. Dessen Vorsitzender Kasztner zog es vor, mit Eichmann über das Erlaubnis, mit einem ganzen von der SS zur Verfügung gestellten Zug die Ausreise von 1.685 intellektuellen, reichen bzw. befreundeten Juden in die neutrale Schweiz zu verhandeln. Eichmann stellte die Bedingung auf, dass den jüdischen Gemeinden Ungarns der Vrba-Wetzler Bericht verheimlicht wird, damit die ungarischen Juden völlig unwissend und daher widerstandslos die offiziell als Umsiedlung getarnten Transporte hinnehmen.
Und so kam es dazu, dass 437.000 Juden in Mai-Juni 1944 ahnungslos ihrer Vernichtung entgegen fuhren, während 1.685 ausgesuchte Teile der vermögenden Geistes-, Wirtschafts- und Judenratseliten sich auf die 6 Monate später erfolgte Ausreise in die Schweiz (im Spezialzug) vorbereiteten.
Kasztner wanderte nach dem Krieg nach Israel aus, wurde dort ein erfolgreicher und geschätzter Mitglied der Politkaste, schaffte es sogar in das israelische Parlament. Gott sei Dank wurde er 1957 am helllichten Tag mitten in Tel-Aviv von KZ-Überlebenden getötet, was mancher eher als verdiente Hinrichtung bezeichnet.
Rosenberg emigrierte zunächst nach Israel, dann nach Kanada, wo er seinen Namen in Vrba änderte, als Professor der Pharmakologie arbeitete, und ein Buch ("I cannot forgive") über seine Zeit in Auschwitz, seine Flucht, sein Bericht an das Judenrat schrieb.
Der Bericht half den Juden nur in so fern, dass durch seine Zurkenntnisnahme durch die Alliierten der ungarische Faschistenführer Horty, sich gezwungen sah, die Einstellung der Deportationen zu befehlen (der Bericht war nämlich in der Schweizer Presse publiziert worden, und daraufhin wurde Horthy von alliierter und neutraler Seite mit Appellen bombardiert. So wurden vermutlich 100.000 Leben gerettet.
Seltsamerweise wurden in Israel Vrba, sein Bericht und seine Bedeutung über Jahrzehnte beharrlich verschwiegen (Vrba wurde nicht einmal als Zeuge beim Eichmann-Prozess eingeladen!), sowohl von der Gesellschaft als auch von den israelischen Historikern, während in Tschechien es sogar einen "Rudolf Vrba Preis" gibt. Sogar die hebräische Übersetzung und Herausgabe des Buchs von Vrba wurde in Israel lange verhindert, bis es 1998 Ruth Linn (ehemalige Dekanin der Pädagogischen Fakultät an der Universität Haifa, Israel. Als Professorin hat sie u.a. die Schwerpunkte Holocaust und moralische Dilemmas.) gelang, eine hebräische Übersetzung von Vrbas Buch doch herauszubringen.
Das hier besprochene Buch und bietet eine einzigartige Sicht auf die bis heute andauernden Bemühungen der offiziellen israelischen und jüdischen Holocaust-Historiographie den Vrba-Bericht zu verschweigen.
Dieses Buch gehört auf dem Lesetisch aller Menschen, die ein tieferes Verständnis des ungeheuerlichen Genozids und seiner Begleitumstände erlangen wollen. Noch mehr verdient es, jedem Juden und Israeli ins Gedächtnis als Wissenskorrektur eingebrannt zu werden. Denn Verschweigen und Geschichtsverzerren - wie auch im Falle der direkten bzw. indirekten Vertreibung von Palästinensern bis hin zum Terror und zu Massakern durch jüdische Unabhängigkeitskämpfer - immer zu Lasten der eigenen und kollektiven Identitätsfindung gehen.
Wen dieses Buch und die darin enthaltenen Fakten wirklich auch nach der Lektüre beschäftigt, der sollte unbedingt auch das Buch
"Escaping Auschwitz: A Culture of Forgetting" von Ruth Linn,
leider nur auf Englisch bei www.amazon.com vorhanden, lesen. Eine grossartige Analyse und Erläuterung der verdrängten Seite im jüdisch-israelischen Kollektivgedächtnis. Sie werden es nicht bereuen!
von Ruth Linn
Danke für Ihre Lesebereitschaft!
Mihai Robert Soran-Schwartz von Grosswardein
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