Helge "bremst zusammen" - und zwar mit seinem vielleicht besten Album überhaupt! Die Gags sind wieder echte Kracher, und musikalisch ist "I Brake Together" brillante Handarbeit. Vergessen sind die elektronischen Möchtegern-Modern-Experimente und seichten Blödeleien des schwächelnden Vorgängers "Out of Kaktus" (2003). Hier präsentiert Helge auf einem ausgesprochen Musik-betonten Werk zehn Eigenkompositionen am Stück, eingespielt mit seiner Tourband bestehend aus Kult-Drummer Pete York, Gitarrist Sandro Giampietro und Rudi Olbrich an Kontrabass und Tuba. Die Bandbreite umfasst Swing, Jazz, Rock'n'Roll, Rock, Blues und Lateinamerikanisches - der Titelsong könnte gar ein echter Beatles-Rocker sein. Die Qualität ist die einer 1A-Jazz-Combo samt virtuoser Saxofon- und Klaviersoli, die Helge mitunter auch mal mitten im Song selbst ankündigt. Die schiefen Töne dazwischen sind Programm! Sie gehören zum genialsten Soundtrack, der je zu Blödelei geschrieben wurde. Denn die Texte sind ausnahmslos echte Schenkelklopfer im Helge-Style. Wer sonst kann sich minutenlang über das Abnehmen des Telefonhörers auslassen? Oder die sexuelle Anziehungskraft des "Käsebrots" beschwören? Es sind vor allem die alltäglichen Fragen, die auf "I Brake Together" beantwortet werden. Was tut ein Mann alles für eine Frau? Er legt die Set-Deckchen hin und kocht Mus. Warum ist die Welt so erbärmlich? Weil im Fernsehen Fettabsaugen läuft und auf der Verkehrsinsel geparkt wird. Und "Mädchen wollen küssen. - Günter Netzer aber auch".
Schon fast drollig unpassend wirkt die Tuba als stampfender Taktgeber bei "Bitte geh nicht vorbei", Helges Hommage an das Wunder der Liebe, die er mit inbrünstiger Stimmkraft darbietet und dabei unnachahmlich die Töne verfehlt - eine mit zunehmender Spielzeit immer unverschämtere Parodie auf Schlager-Schnulzen. Die Steigerung dessen bieten "Die Trompeten von Mexico", die derart schief spielen, dass das Traumschiff zur Titanic wird und man sich den Sombrero am liebsten bis zu den Füßen runterziehen möchte ("Die Trompeeeeeeee-heeheeeeeten von Mexiko, sie laden Dich ein, zu Kaffee und Kuchen, und glasiertem Schwein,...."). So viel zur Schlager-Abteilung.
Unglaublich, wie unterschiedlich dieser Mann klingen kann! Eben noch Jodel-Versuche unter der Sonne Mexikos, dann singt er bei der bluesigen Slow-Rock-Nummer "Lady Suppenhuhn" mit Elvis-Presley-Einschlag, bei "Texas", einer Hommage an den Wilden Westen gibt er den verruchten Cowboy; und "Pinguine können nicht fliegen" ist ein sensationelles Duett mit dem zumindest gedanklich anwesenden Udo Lindenberg und ohne jeden roten Faden.
Unter den zehn Songs ist kein einziger Lückenfüller - alle glänzen mit typischem, unvorhersehbarem Helge-Witz. Wenn der Reim nicht passt, wird er passend gemacht, und wo er passen würde, da findet er nicht statt. Helge korrigiert sich zwischendurch und vergisst schon mal den. So gut war er seit "Es rappelt im Karton!" nicht mehr.
Nach zehn Songs folgt schön abgetrennt die Cover-Abteilung mit Helges ganz privaten Versionen der Jazz-Klassiker "Fly Me To The Moon" und "Georgia On My Mind". Ein echter Höhepunkt ist dann noch mal der "Jailhouse Rock" zusammen mit Mickey Mouse: Ein High-Speed-Helge auf Helium - einfach der Hammer!
Aber wo bleiben die Blödeleien jenseits der Musik? Die werden in geballter Form nachgeliefert, mit einem 14-minütigen Interview: Helge Schneider interviewt sich selber! Seitenhiebe an die Kritiker inklusive. Warum hat er die neue Platte aufgenommen? Woher hat er seinen gestählten Körper? Wird mit dem Titel nicht die englische Sprache verhohnepiepelt? Welche politischen Themen kommen in "Käsebrot" vor? Was frisst der Schlagzeuger so auf 100 Kilometer?
Der klare Aufbau des Albums - zehn Songs, drei Coversongs plus ein Klaviersolo mit "Käsebrot"-Variationen und dann eine viertel Stunde Blödelei par excellence - ist super gelungen und macht das Album öfter hörbar als wenn sich Songs und Sprech-Tracks abwechseln würden. Für Helge-Fans, besonders jene mit "Out of Kaktus"-Skepsis ein MUSS!
"So jetzt ruf ich... ach, ach ich ruf einfach keinen an. Bin zwar Telefonmann, aber ist egal." ("Meine Supermaus")