(Fantasy Filmfest-Originalversion)
Melbourne, Australien, März 1999. Rachel Barber, ein 15jähriges Mädchen, allseits beliebt, begabte Tänzerin und geliebte Schwester und Tochter, verschwindet spurlos. Die Polizei geht davon aus, dass sie weggelaufen ist, wie so viele Teenager ihres Alters. Aber ihre Eltern (Guy Pearce, "The Time Machine" und Miranda Otto, "Herr der Ringe") sind überzeugt, dass ihr etwas zugestoßen ist. Da die Polizei ihnen nicht glaubt und ihre Nachforschungen somit nicht gerade mit Nachdruck betreibt, versuchen die Eltern selber, ihr Kind zu finden. Doch auch sie bleiben erfolglos und Rachel spurlos verschwunden. 12 Tage nach ihrem Verschwinden wird Rachels Leiche außerhalb von Melbourne, in Kilmore in einem behelfsmäßigen Grab gefunden. Das Land gehört zu dem Grundstück des Geschäftsmannes Reid (Sam Neill, "Daybreakers"). Dessen Tochter Caroline, eine seltsame junge Frau von 21 Jahren, wird letztendlich festgenommen und des Mordes an Rachel angeklagt. Die epilepsiekranke Frau mit psychischen Problemen hatte, den Ermittlungen zufolge, Rachel in ihre Wohnung gelockt und sie dort erdrosselt. Da sie selbst kein Auto besaß, bestellte sie einen Van, der sie und die Leiche des jungen Mädchens nach Kilmore fuhr, wo sie Rachel begrub. Laut ihren Tagebuchaufzeichnungen wollte die unbeliebte, zu Depressionen und Wutausbrüchen neigende Caroline in die Rolle der beliebten, in ihren Augen erfolgreichen und schönen Rachel schlüpfen, wollte sie werden. Für den Mord wurde Caroline Reed im November 2000 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, aus der sie frühestens 2014 entlassen werden kann.
Soweit die Fakten dieses grausamen und sinnlosen Verbrechens, welches nunmehr schon 12 Jahre zurückliegt. Regisseurin Simone North hat diesen wahren Fall zum Thema ihres ersten Films gemacht und auch das Drehbuch zu "I am You" oder auch "In her Skin", verfasst. Sie hat einen grausamen, aufwühlenden und verstörenden Film geschaffen, der erbarmungslos die düstere, einsame, manische und kranke Welt der Caroline Reed dem liebevollen Zuhause gegenüberstellt, in dem Rachel Barber das Glück hatte aufzuwachsen. Die beiden Mädchen könnten denn auch unterschiedlicher kaum sein. Rachel wächst wohlbehütet im Kreis ihrer Familie auf, ist eine talentierte Tänzerin, einigermaßen gut in der Schule und hat einen Freund. Caroline hingegen ist manisch-depressiv, fühlt sich besonders von ihrem Vater, der die Familie verlassen hat, ungeliebt und hat keinerlei Selbstwertgefühl. Sie fühlt sich zu dick, ausgegrenzt und einsam. Die 21jährige zeigt egomanische und gefährliche Tendenzen und wird von einer letztendlich alles zerstörenden Eifersucht auf den Teenager im Nachbarhaus, Rachel, geplagt, der all das verkörpert, was Caroline gerne sein würde. Durch das Babysitten im Hause der Barbers bekommt Caroline ständig vor Augen geführt, was sie alles nicht hat, wonach sie sich aber zunehmend sehnt. In ihren wirren Aufzeichnungen finden sich später selbstmitleidige Hasstiraden und genaue Beschreibungen davon, wie sie den Mord an Rachel geplant hat. In ihrer wahnhafter Welt dachte sie, wenn sie Rachel umbringt, kann sie dadurch in ihre Haut schlüpfen, zu ihr werden, was letztendlich dazu geführt hat, dass sie Rachel kaltblütig ermordet hat.
All dies wird von der Irin Ruth Bradley ("Flyboys", "Primeval") als Caroline beängstigend authentisch dargestellt. Bradley liefert hier wirklich eine außergewöhnliche Performance ab. Ihre Caroline ist eine irrationale, depressive, unglückliche und cholerische junge Frau, die der Meinung ist, dass das Leben ihr permanent versagt, was ihr zusteht. Ihre Mutter ist mit dem leicht übergewichtigen Mädchen überfordert, der Vater kümmert sich so gut wie gar nicht um sie und aufgrund ihres launischen und befremdlichen Verhaltens hat sie so gut wie keine Freunde oder Bekannte. Sie ist viel allein und verbringt ihre Zeit damit, ihre wirren Gedanken zu Papier zu bringen und sich nachgerade obsessiv mit einem Mädchen aus der Nachbarschaft, Rachel, zu beschäftigen. Diese hat vermeintlich all das, was Caroline gern für sich beanspruchen würde. So reift nach und nach der Plan in Caroline, zu Rachel zu werden, was ihr nur durch den Mord an derselben möglich erscheint. So lockt sie den ahnungslosen Teenager eines Tages in ihre Wohnung und erdrosselt das Mädchen dort mit einem Kabel. Nach dem Mord wird Carolines Verhalten noch seltsamer und Ruth Bradley gelingt die Darstellung dieser völlig außer Kontrolle geratenen jungen Frau brillant. Ihre Wutausbrüche und Wahnvorstellungen sind beängstigend und sie zeigt eindrucksvoll, wie diese junge Frau immer wieder in ihrem minimalistischen sozialen Umfeld scheitert.
Dem gegenüber hat Kate Bell den fast undankbaren Part der perfekten Tochter, die keinerlei Fehler zu haben scheint. Viel mehr als gut aussehen, nett sein und von allen geliebt zu werden hat sie nicht zu tun. Dennoch verkörpert sie den reizenden Teenager überzeugend. Akzente setzen können hier allenfalls noch Pearce und Otto als Rachels verzweifelte Eltern, die zwischen ohnmächtiger Wut gegenüber der nachlässigen Ermittlungsarbeit der Polizei und alles verzehrender Verzweiflung über das Verschwinden ihrer Tochter schwanken. Sie stecken all ihre Energie in die Suche nach ihrer Tochter. Angst und Ungewissheit scheinen sie fast zu zerstören, die ganze Familie steht emotional am Abgrund. Und auch Sam Neill als nahezu emotionsloser, nur mit seiner Arbeit beschäftigter Vater von Caroline überzeugt. Caroline scheint eine Last für ihn zu sein, nur widerwillig und unregelmäßig kümmert er sich um seine aufbrausende, ihn mit Vorwürfen und weinerlichen Beteuerungen überschüttende Tochter, die führ ihn nur eine lästige Pflicht zu sein scheint.
Darstellerisch gibt es an "I am You" also nichts auszusetzen. Leider überzeugt der Film dennoch nicht auf ganzer Linie. Die 104 Minuten, die Simone North sich hier Zeit für ihre Geschichte nimmt, ziehen sich ab und an ganz schön in die Länge. Trotz grandioser Darstellerleistungen will sich kein wirkliches Gefühl für die Protagonisten einstellen. Sicherlich leidet man mit den Eltern und kann sich eines Widerwillens gegen Caroline nicht erwehren, aber irgendwie wird man nicht so recht warm mit diesem ganzen tragischen Fall. Zu befremdlich ist Carolines Verhalten, zu perfekt die Darstellung von Rachel und ihrer Familie vor dem Unglück, zu ermüdend die hilflosen Versuche der Eltern, ihr Kind wieder zu finden. Irgendwie kommt kein richtiges Tempo auf, der Film ist mehr Sozialstudie denn spannender Thriller. Er hat Längen und ist oft einfach sehr deprimierend, vor allem, wenn sich einem die ganze Sinnlosigkeit dieser Tat offenbart. Somit ist "I am You" natürlich kein schlechter Film, man muss nur darauf gefasst sein, hier eher ein deprimierendes Drama als eine aufregende Mörderjagd geliefert zu bekommen. Dennoch macht alleine Ruth Bradleys Darstellung den Film sehenswert, denn sie spielt sich wirklich die Seele aus dem Leib und ist in jeder Filmminute absolut überzeugend. Somit also mal drei von fünf kranken Wahnvorstellungen, die tödlich enden können.