Ganz klar, Luca Guadagninos "I Am Love" ist ein Film, der polarisiert, die einen lieben ihn, die anderen wenden sich angewidert ab. Doch wenn man sich darauf einlässt und ein Faible für Kunst und Kunstfilme im Allgemeinen und Architektur, Mode, Fotografie und Musik im Speziellen hat, bietet dieser Film ein ungemein sinnliches und opulentes Erlebnis, das man so nicht alle Tage vorfindet.
"I Am Love" besticht vor allem durch seine kunstvolle und durchgestylte Machart, bei der die außergewöhnliche Kameraarbeit, die wunderschöne Szenerie Mailands und Sanremos, die fantastischen Oscar-nominierten Kostüme von Antonella Cannarozzi und die überlebensgroße, enorm theatralische Musik des Pullitzer Preisträgers John Adams besonders herausstechen.
Von der ersten bis zur letzten Sekunde ist "I Am Love" ein höchst sinnlicher audiovisueller Genuss, in dessen Zentrum die furchtlose und brillante Tilda Swinton steht. Sie spielt die Matriarchin Emma in einer reichen, bourgeoisen Mailänder Industriellen-Familie, hat zwei erwachsene Söhne und eine Tochter und ist gefangen in einem strikt organisierten Leben, das scheinbar ausschließlich von familiären Pflichten und Regeln und ehrfürchtiger Loyalität zu ihrem Ehemann bestimmt ist. Dieses festgefahrene Gefüge gerät ins Wanken, als sie auf Antonio, ein Freund und Geschäftspartner ihres Sohnes Eduardo trifft, mit dem sie eine heftige und lustvolle Affäre eingeht.
Im Grunde ist die Handlung des Films reine Seifenoper, eine Art Hommage an das klassische Melodram, das Regisseure wie Douglas Sirk oder Luchino Visconti geprägt haben. Swinton gibt alles in ihrer Rolle (sie hat italienisch für die Rolle gelernt) und ihre Darstellung berührt oft in aufrichtiger Weise, doch meistens baut der Stil des Films eine gewisse Distanz auf und die meisten Charaktere - mit Ausnahme ihres Sohnes Eduardo - bleiben recht unterentwickelt und erwecken nicht unbedingt die Sympathien des Zuschauers. Es ist Swintons Film (sie hat ihn mitproduziert und über Jahre mitentwickelt) und man braucht eine Zeit, bis man unter ihre spröde Fassade blicken kann.
Die Sinnlichkeit bezieht der Film hauptsächlich aus seinen visuellen Reizen, man könnte regelrecht das Bedürfnis haben nach Italien zu reisen, Museen zu besuchen, sich der Kultur oder außergewöhnlicher Mode zu widmen. Man bekommt einen sehr guten Eindruck, wie die Familie organisiert ist, besononders in der Eröffnungsszene, in der eine Geburtstagsfeier für den Familien-Patriarch vorbereitet und gefeiert wird. Guadagnino arbeit mit viel Symbolismus und nutzt all sein Können, um Gefühle filmisch spürbar zu machen. Besonders gelungen sind die unglaublich sinnlichen Sexszenen zwischen Emma und Antonio, die einfach eine ungeheure Erotik und Leidenschaft ausstrahlen. Der Film hat seine Längen und in der letzten halben Stunde trägt der Film dann etwas zu dick auf, auch wenn die letzten Momente (auch dank Adams Musik) wirklich atemberaubend sind.
Es ist leicht, "I Am Love" als prätentiöse Kunst zu beschreiben, doch wer auf diese Art von Film steht, wird hier garantiert ein wahres Fest erleben, das man so schnell sicher nicht vergisst.