Friedrich Hölderlins „Hyperion", ein mit Worten schwer zu fassendes, faszinierendes, ja geradezu erschlagendes, komplexes, unendlich reiches Gebilde voll sprachlicher Schönheit, ein Kind des Idealismus und Höhepunkt klassischer Literatur, gehört vielleicht zum Bedeutendsten, wohl aber auch zum Befremdlichsten, was je in deutscher Sprache verfasst wurde.
Im Zentrum des Briefomans des ausgehenden 18. Jahrhunderts steht Hyperions idealtypische Entwicklungsgeschichte, die vom Paradies der Kindheit über die Erziehung durch Adamas, die Freundschaft mit Alabanda und die Liebe zur göttlichen Diotima reicht, schließlich in den Aufbruch in den griechischen Freiheitskampf mündet, um mit der Desillusionierung und Läuterung zum Eremiten- und Dichtertum mit visionärer, prophetisch anmutender Verkündigung abbricht. Hyperion erzählt dabei aus der Retrospektive, wobei sich die verschiedenen Perspektiven des erlebenden, reflektierenden und das Ganze deutenden Protagonisten zu einer festen Einheit fügen.
Ausgangs- und Zielbild ist das Ideal des schönen, harmonisch entfalteten und entwickelten Menschen, das Hyperion in sich trägt, immer wieder verliert, um es schließlich in seiner Naturgesetzlichkeit der exzentrischen Bahn zu erfahren, wiederzuerkennen und zu verkünden:
„Wie der Zwist der Liebenden sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder. Es scheiden und kehren im Herzen die Adern und einiges, ewiges, glühendes Leben ist alles."
Alles hat Hyperion verloren hat: das Paradies der unschuldigen, unbewussten Kindheit, den bewunderten Erzieher Adamas, den geliebten Freund Alabanda, die göttliche, inspirierende Diotima und den Glauben an eine Revolution der Gesinnungen (Enttäuschung über die Ergebnisse der Französischen Revolution). Und doch endet der Roman mit einer hymnischen Naturfeier, deren Gesetzlichkeit Hyperion in apokalyptischer Manier als Lehre von den letzten Dingen verkündet, die in schärfstem Gegensatz zu seinen Klagen über die gottlosen, gefühllosen und barbarischen Menschen seiner Zeit in seiner vernichtenden, berühmten Scheltrede an die Deutschen steht.
Die Auflösung der Dissonanzen in einem elegischen Charakter, darum hat der lange Zeit unverstandene, unbeachtete Tübinger Dichter, der die letzten 35 Jahre seines Lebens in geistiger Umnachtung in seinem Turm am Neckar hindämmerte, lange gerungen, wie die zahlreiche Vorstufen belegen. Was ihm im Leben nicht gelang, ist ihm zumindest in der Kunst gelungen.
Auch für Martin Walser ist Hölderlin ein Klassiker: „Er schafft das Nationelle. Positiv war es nicht zu haben. Nur als Ausdruck des Mangels, als ersehntes Einundalles. Wir haben seitdem den Text. Wenn uns danach ist. Die meisten gehen unangesehen, also fassungslos zugrunde. Aber seit der Hölderlintext existiert, dürfte mancher Unangesehene diesen Text zu seiner eigenen Vergewisserung gebraucht haben. Was für ein Mensch geht mit jedem von uns zugrunde: das haben wir von denen, von den Hölderlin bis Fichte. Lauter Antworten auf etwas, was einem die Sprache verschlagen möchte."
Wie schön wäre es, wenn noch mehr sich Hölderlin nähern könnten, dem Gipfel deutscher Literatur etwas von seiner Einsamkeit zu nähmen und ihn zu einem wahren Klassiker machten!
Vielleicht hilft diese neue ansprechend gestaltete Ausgabe zu so einem günstigen Preis mit.