Mir graut es eher vor dicken Büchern. Schon gleich gar, wenn sie über 700 Seiten umfassen. Bei Hydra habe ich eine Ausnahme gemacht und "einfach drauf los gelesen".
Und siehe da: Der Krimi ist spannend, gut erzählt und vermag es bis Seite 600 zu fesseln. Den Rest nimmt man dann - die Leistung des Autorengespanns ob der in jeder Hinsicht hervorragenden Recherche anerkennend - auch noch mit. Die Idee, ein Werk Schillers in den Mittelpunkt der Auflösung und Interpretation des Täterhandelns zu stellen, fand ich ebenso originell wie gut gelöst, wobei es sicher hilfreich ist, Schiller-Liebhaber zu sein. Bei diesem Krimi kommen aber auch jene Leserinnen und Leser auf ihre Kosten, die den Klassiker bisher verschmäht haben. Ein intelligenter Krimi, der detailgetreu und kenntnisreich die Orte der Handlung sowie des jeweiligen Tathergangs schildert, der geschickt die Perspektiven wechselt und jeweils aus der Sicht der handelnden Figur erzählt.
Recht eigenwillig, wenn nicht gar bemerkenswert, finde ich, dass das Autorenteam es sich verkniffen hat, auch nur eine Figur in diesem Krimi so sympathisch darzustellen, dass sie heldenhafte Züge annimmt oder als weltverbessernder Gutmensch taugt. Das gilt auch für die Figur der Beate Reihbein und den Protagonisten Ludger Bethke, die zunächst getrennt, dann vereint den Fall lösen. Empathie entwickelt man hier nicht.
Zurück bleibt man nach der Lektüre mit der Gewissheit, dass das Ungewisse jeden Lebenslauf beherrscht und der Zufall wohl doch nicht - frei nach Max Frisch - der Grenzfall der Wahrscheinlichkeit ist, sondern nichts als Zufall. Und da er jeden treffen kann, bleibt er gerecht, selbst wenn das Böse sich seiner als Handlungsprinzip bemächtigen und uns das Gegenteil glauben machen will.