Nachdem Ann C. Crispin mit 'Der Pilot' bereits ein unglaublich gelungenes Werk über die Vergangenheit eines der wohl bedeutsamsten und beliebtesten Charaktere im Star Wars-Universum gelungen ist, holt sie nun mit 'Der Gejagte' (im Original: 'The Hutt Gambit') zum nächsten Schlag aus und verknüpft damit Han Solo mit zahlreichen Personen und Charakteristika aus den Filmen und dem Erweiterten Universum... ein umfangreiches Unterfangen, dass ihr jedoch weitgehend beeindruckend gelingt.
5 Jahre sind seit den Ereignissen aus Ann C. Crispins erstem Band der Han Solo Trilogie 'Der Pilot' vergangen. Das Buch endete mit Han Solos Loslösung von seiner kriminellen Vergangenheit als Dieb und Schmuggler und seiner Aufnahme in die Imperiale Akademie. Doch die Dinge haben sich seitdem für Han Solo nicht zum Besten gewendet, denn als er Zeuge wurde, wie ein Vorgesetzter den Wookiee-Sklaven Chewbacca misshandelte und ' als dieser sich wehrte ' töten wollte, griff Han ein und ermöglichte Chewbacca die Flucht. Eine Handlung mit Folgen, denn Han Solo wurde für diese Tat unehrenhaft aus dem Imperialen Dienst entlassen und zudem auf die Schwarze Liste für Piloten gesetzt, sodass es ihm unmöglich gemacht wurde, eine ehrliche Anstellung als Pilot zu bekommen. Und zu allem Überfluss weicht der befreite Wookiee nun auch nicht mehr von Hans Seite, da er Han gegenüber eine 'Lebensschuld' abzuleisten hat, weil dieser ihn gerettet hat. Anfangs sträubt sich Han noch gegen den offensichtlichen Klotz am Bein, doch schon bald entdeckt er die Vorteile, die ein furchteinflößender Wookiee-Begleiter mit sich bringt und er akzeptiert Chewie als Partner. Der Beginn einer langen Freundschaft.
Nun ist das ungleiche Paar auf der Suche nach Arbeit... eine Suche, die Han zurück ins Schmuggelmilieu treibt. Der Weg führt die beiden nach Nar Shaddaa, dem Schmugglermond, Fundgrube von allerhand krimineller Energie und somit der beste Ort für einen arbeitlosen Pilot, mittels Schmuggel ein wenig Geld zu verdienen. Hier lernt Han zahlreiche Gleichgesinnte kennen und kann zudem eine Arbeitsstelle bei den mächtigen Hutt-Lords Jabba und Jilliac erlangen. Doch mit seiner Rückkehr in Schmugglerkreise holt Han seine Vergangenheit wieder ein... nicht nur seine alte Liebe Bria Tharen taucht wieder auf, auch der ylesianische Priester Teroenza, den Han im Vorgängerband verwundet und beraubt hat, entdeckt, dass sein alter Feind noch lebt und setzt ein hohes Kopfgeld auf ihn aus. Ein Kopfgeld, dass schließlich auch Boba Fett, den gefürchtetsten Kopfgeldjäger der Galaxis, auf den Plan ruft...
Bezog sich der erste Band von Crispins Han Solo-Trilogie noch eher auf die Mentalität und Geisteshaltung Han Solos und zeigte auf, wie Han Solo zu einer so sarkastischen, wagemutigen und doch egoistischen Söldnerseele mit verborgenem weichen Kern werden konnte, so widmet sich dieses Werk eher seiner Verankerung in der Galaxis und der Verknüpfung mit Merkmalen und Personen, die in Filmen und späterem EU untrennbar mit ihm verbunden sind. Wie geriet Han an Jabba den Hutten und arbeitete für ihn? Wie kam die Partnerschaft mit Chewbacca zu Stande? Woher kennt er Lando Calrissian? Solche Fragen und mehr werden in diesem Buch geklärt. Das reicht teilweise bis hin zu solchen Feinheiten wie der Entfernung des Visiers von seiner charakteristischen Blasterpistole und der Erwerb des Outfits aus 'Eine Neue Hoffnung'. Und auch wenn er hier noch nicht im Besitz des 'Millenium Falken' ist, spielt dieser doch keine unwichtige Rolle.
Zusätzlich zu den Entwicklungen, die Han durchlaufen muss, damit er genau zu der Figur wird, die man aus den Filmen kennt, hat Crispin wie auch im Vorgängerband großen Wert darauf gelegt, dieses Buch mit den anderen Büchern des Erweiterten Universums (EU) zu verbinden, die zumeist nach den Filmen spielen. So lernt Han auf Nar Shaddaa einen Großteil der Personen kennen, die im EU als seine alten Schmugglerfreunde auftauchen: Mako Spince, Shug Ninx und Salla Zend aus 'Dark Empire', Kid Dxo'In, Wynni und Sinewy Ana Blue aus 'Rebellion der Verlorenen', Roa aus Brian Daleys Han Solio-Trilogie und viele mehr. Und Crispin macht damit bei ihrer Verknüpfung mit anderen Star Wars-Büchern nicht halt. So tauchen auch Figuren wie Soontir Fel aus Stackpoles X-Wing-Abenteuern, Durga der Hutt aus 'Darksaber' und weitere EU-Figuren wie die Jedi-Bettlerin Vima aus Dark Empire auf. Zudem verknüpft Crispin geschickt die Handlung dieses Buchs und der im gleichen Zeitraum angesiedelten Lando Calrissian-Trilogie. Damit ist Crispins Han Solo-Trilogie sehr eng mit anderen Werken verbunden und all die Einzelwerke wirken nun mehr wie ein großes lebendiges Ganzes. So macht Star Wars richtig Spaß.
Die ganze Sache hat allerdings einen Haken. Dadurch das Crispin hier so viele Figuren, die später als gute Freunde von Han gehandelt werden, einführt, wirkt das Buch in weiten Teilen wie eine einzige riesige Exposition. Han lernt eine Person nach der anderen kennen, man erlebt ein kleines Abenteuer zusammen oder hat ein paar Dialogzeilen, dann geht es weiter mit der nächsten Person. Natürlich ist dies vollkommen notwendig, da Crispin ja natürlich zeigen muss, woher die Freundschaft kommt, die Han später mit den Schmugglern verbindet, doch leider leidet darunter die Handlung etwas. Wo im ersten Teil der Trilogie ein einheitlicher Handlungsstrang mit wenigen Figuren kreiert wurde, wirkt dieses Buch seltsam anekdotenhaft. Han springt von Figur zu Figur, von gefahrvoller Mission zu Liebesbeziehung und zurück, ohne dass man einen klaren Handlungsbogen erkennen kann. Dieser besteht am Ehesten noch in den Intrigen der beiden Hutt-Clans Desilijic und Besadii, die um die illegale Vorherrschaft im Outer Rim ringen. Mit diesem Handlungsstrang kommt Han allerdings nur zwischendurch mal in Kontakt und in vierlei Hinsicht reagiert Han mehr als dass er agiert. Erst im letzten Drittel des Buches bessert sich das, wenn Crispin urplötzlich eine neue Bedrohung aus dem Hut zaubert, die Han und seine nun allesamt eingeführten Freunde in einer durchgehenden Handlung vereint.
Sicher, dadurch, dass Crispin den Anspruch erhebt, eine mit dem Rest-EU in Einklang stehende Biographie Solos zu verfassen, wurde sie quasi automatisch zu dieser Form gezwungen. Und unter den Bedingungen und Umständen hat sie auch eine wirklich phänomenale Arbeit geleistet, das Star Wars-Universum bereichert und einzelne Stränge verknüpft. Allerdings wäre mir ein bisschen weniger Verknüpfung und ein bisschen mehr spannende, zusammenhängende Handlung mit Han Solo und Chewbacca im Zentrum lieber gewesen.
Was nicht heißen soll, dass 'Der Gejagte' ein schlechtes Buch ist. Han Solo und Chewbacca wirken so authentisch als wären sie direkt aus der Mos Eisley-Cantina im Film aufgestanden und in dieses Buch gekrochen und auch Figuren wie Lando Calrissian, Boba Fett und Jabba der Hutte sind annähernd identisch mit ihren filmischen Vorbildern (obwohl Jabba hier in die Rolle der 'zweiten Geige' verdrängt und der Hauptschwerpunkt auf dem Desilijic-Overlord (bzw. der Overlady) Jilliac liegt). Die Hutt-Gesellschaft an sich, die Organisation in Hutt-Clans und auch die allgemeine Vorgehensweise der Hutts bei der Leitung ihrer kriminellen Operationen sowie die Konflikte zwischen einzelnen Clans sind sehr interessant zu verfolgen und werfen einen genaueren Blick auf diese sehr interessante Spezies. Des Weiteren ist auch das Leben auf dem Schmugglermond Nar Shaddaa (eine Art düstere und kriminelle Version von Coruscant) gut beleuchtet und die Mentalität der Schmuggler, Gauner und Piraten (allesamt sympathische Kerle, wie es scheint ;)) eingefangen. Und schließlich wird den individualistischen Schmugglern, die sich dann doch zusammentun, die tiefschürfende Korruption, Grausamkeit und Ineffektivität des Imperiums entgegengestellt.
Ansonsten besitzt das Werk noch die typischen Charakteristika eines zweiten Teils. War die Handlung von Teil 1 noch ziemlich geschlossen, wird hier viel Vorarbeit für den nächsten Roman gearbeitet, Intrigen werden geschmiedet, die sich erst später voll entfalten werden. Die Figur Bria Tharen zum Beispiel tritt hier eher als Randfigur auf, wird jedoch vermutlich im nächsten Band mit den Grundlagen aus 'Der Gejagte' etwas mehr in den Vordergrund treten.
Was noch ein wenig heraussticht, sind die Ungereimtheiten in Bezug auf Boba Fett, da dieses Buch zu einer Zeit verfasst wurde, als seine Herkunft als Klon Jango Fetts noch nicht etabliert war und er daher noch über einen komplett anderen Hintergrund verfügte. Diese Geschichte von Bobas früherer Identität als Jaster Mereel sowie die Tatsache, dass Boba und Jabba hier offenbar erstmalig miteinander zu tun hatten, während in der neueren 'Boba Fett'-Buchreihe für jüngere Leser Boba schon in frühen Jahren für Jabba tätig war, fallen beim Lesen zwar auf, fallen aber nicht weiter ins Gewicht.
Insgesamt also eine gute Fortsetzung von 'Der Pilot' und ein aufregender zweiter Akt der Darstellung von Han Solos Leben, der leider etwas unter seinem eigenen hohen Anspruch der komplett mit dem Rest-EU verknüpften und vollständigen Darstellung leidet und daher handlungs- und spannungstechnisch hinter dem ersten Band zurück bleibt.
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