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Man erinnert sich: "Bulletproof Heart", das letzte Album der im Mai 1948 in Jamaika geborenen Sängerin, erschien 1989. Weltgeschichtlich betrachtet bedeutet das: In den 19 Jahren ihrer Abwesenheit vereinten sich Ost- und Westdeutschland, vernetzte sich die Welt mit Mobilfunk und Internet, es gab Techno, Kriege und Klimawandel, und das System Pop erlebte seine bislang schwerste Sinn- und Finanzkrise. Die Leerstelle blieb immer spürbar: In all den Jahren kam keine, die Grace Jones hätte ersetzen können.
Sie hätte natürlich auch für immer Glamourlegende bleiben können: die nackte Amazone in den Armen von Dolph Lundgren in "Conan, der Zerstörer", das Partygirl an Andy Warhols Seite im Studio 54, das Model auf den Laufstegen der größten Designer, die Muse unter dem Skalpell des visionären französischen Illustrators Jean-Paul Goude. "Warm Leatherette", "I've Seen That Face Before (Libertango)", "Pull Up To The Bumper" und "Slave To The Rhythm", ihre unvergessenen Hits wären auch ohne ihr Zutun immer weiter gesamplet, zitiert und als Klassiker gelistet worden.
Warum also nun Neues? Warum Gefahr laufen, die Legende mit einer neuen Realität zu überschreiben, den Mythos unwiederbringlich zu zerstören? Wer so denkt, denkt wie ein normaler Mensch. Grace Jones ist kein normaler Mensch. So wie sie schon immer >from another time< war, so, wie ihr Körper niemals altern zu wollen scheint, so kennt sie keine Angst. Nur Mut. Und Mut wird bekanntlich belohnt.
"Hurricane" ist im Herbst 2008 ein Werk, dem kein bisschen von der Unsicherheit anzuhören ist, die neue Alben jener Popstars dominiert, die befürchten, zwischen Einmottung und Comebackversuch den Anschluss verpasst zu haben. Warum sollte Grace Jones es genauso falsch machen? Unterstützt von Brian Eno, der hier als musikalischer Berater fungiert, und dem Co-Produzenten Ivor Guest, glänzt "Hurricane" mit zeitlosem Songwriting, ebenso zeitlosen Dub-Schleifen und dem noch heute visionären Mix aus Reggae, Chanson und coolem Breitwand-Pop, der bereits ihre größten Alben "Nightclubbing" (1981) und "Slave To The Rhythm" (1985) auszeichnete.
Es ist kein krampfhaftes Suchen nach der neuen Formel: Da ist der glänzende Gospelsolitär "William's Blood", in dem sich Jones, die mittlerweile parallel in London und New York lebt, auf Seelensuche ins Kingston ihrer Kindheit begibt; da ist der lakonisch schunkelnde Reggae von "Well Well Well", den sie mit Sly & Robbie, den legendären Rhythm Twins aus Kingston, aufs Band gejammt hat; da ist die umwerfende Single "Corporate Cannibal", zu der Jones ein unvergessliches Musikvideo gedreht hat, welches seit Anfang Juli auf YouTube Furore macht und in dem sie zugleich als personifiziertes Kapital und als Alien Queen wütet. Außerdem: der düster schnaubende Titeltrack "Hurricane", den sie zusammen mit Tricky geschrieben hat; und nicht zuletzt "Love You To Life", ein Stück, in dem Jones, unterstützt von einem satten Orchesterarrangement, das in den Londoner Abbey Road Studios eingespielt wurde, das Geheimnis ihrer ungebrochenen Strahlkraft verrät: Sie sei "attracted to immorality, a magnet to immortality", murmelt die Diva hier beschwörend. Zeit und Zeitlosigkeit. Ein Körper, eine Stimme, ein Look. Unendliches Vertrauen in die eigene Einzigartigkeit. So wie ein Hurrikan alles hinfort fegt, was sich ihm in den Weg stellt, so beseitigt "Hurricane" sämtliche Zweifel, die man eben möglicherweise noch hatte. Übrig bleibt nichts außer Begeisterung. Und die Freude, sie endlich wieder willkommen zu heißen:
"Ladies and Gentlemen: Miss Grace Jones."
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