Manche Bands erreichen mit dem zweiten Album Kult-Status. Von da an bis in alle Ewigkeit sind sie (oder nach Auflösung die Ex-Mitglieder) Stammgäste in den Musikteilen der Stadtmagazine und den „Neuheiten"-Regalen kleiner, eigenbrötlerischer CD-Läden. Eine lebenslang treue Fangemeinde registriert und konsumiert jede neue Veröffentlichung, zunächst enthusiastisch, später mit zunehmender Distanz in dem Maß, wie der selbstgewählte Soundtrack zum eigenen Leben immer mehr mit diesem selbst kontrastiert.
Andere gibt's, denen gelingt mit dem zweiten Album der entscheidende Schritt hin zum Mega-Star-Status als Stadion-Rock-Act und Platin-Seller. Von wo es niemals sehr weit ist bis zum Dinosaurier-Status, aber davon soll hier nicht die Rede sein.
Mando Diao sind beim zweiten Album angekommen und im Begriff, beides mit einem Schlag zu schaffen. Die selbst geschaffene Legende um ihre Herkunft und ihren Aufstieg, die Comic-Strip-artige Band-Story von der Wiedergeburt des Rock'n'Roll und dem triumphalen Ausbruch aus einem drögen, düsteren, von alternden Heavy Metal-Zombies und kriminellen Jugendbanden bevölkerten Industrie-Provinzkaff wird gerade mal so ausbalanciert von ihren sehr realen Erfolgen, von ausverkauften Europa-Tourneen, Platz eins in den Eins Live-Hörercharts, und den generell begeisterten Reaktionen auf ihre Musik. Dass hier zwei scheinbar unvereinbare Ziele wie selbstverständlich abgehakt werden, passt ins Bild; denn wenn Mando Diao eine Botschaft haben, dann die, dass alles geht.
Kritisieren kann man, und tut man, das irgendwo zwischen Oasis und Muhammad Ali einzustufende Gebaren der Protagonisten, die Vergleiche höchstens mit den Beatles, den zwölf Aposteln oder den vierzehn Nothelfern zulassen. Wenn es aber um die Musik geht, so unglaublich das klingen mag, ist tatsächlich kein Superlativ zu hoch gegriffen. Mit Robert Gernhardt gesprochen: „Es gibt in Leben wie in Kunst nur Schrott und allererste Sahne"; und „Hurricane Bar" gehört zur zweiten Kategorie. Normalerweise versuche ich hier ja immer, ruhig und sachlich zu erläutern, was an einer CD gut, schlecht, mäßig oder hässlich ist, aber bei einer solchen Granate kann ich das einfach nicht mehr, weil es mich jedes Mal vor Begeisterung vom Stuhl reisst ! Mando Diao klingen tatsächlich, als habe jemand in der Rockgeschichte gefischt und die allerbesten Fänge aus fünf Jahrzehnten zu einer ganz exquisiten und super-frischen Fischplatte angerichtet. Aus den Sechzigern: Das elektrisierende Rhythm-and-Blues-Feeling der frühen The Who samt deren Talent, dieses mit grandiosen Popsongs zu kombinieren. Bei „God Knows" entsteht vor meinen Augen jedes Mal das berühmte schwarze Plakat „Live at the Marquee", so authentisch klingen die Stimmen und Gitarren. Aus den (frühen) Siebzigern: mehrere Thin Lizzy-Rip-Offs, meist von „The Boys Are Back In Town", am deutlichsten bei „Kingdom And Glory"; außerdem ein Bowie-"Starman"-Space-Folk-Versuchsballon „Next To Be Lowered" und ein Keith-Richards-trifft-Dave-Edmunds-R'n'R-Ding „This Dream Is Over". Aus den Achtzigern, die wir aus musikhistorischen Gründen schon 1978 anfangen lassen: Die kanalisierte Wut von Paul Weller zu Jam-Zeiten („Clean Town" lehnt nicht nur Melodie und Harmonien ans Vorbild an, sondern zitiert auch ein beliebtes Songthema) und die Gitarren-Breitseite der frühen Undertones (der Aufmacher „Cut The Rope" knallt rein wie einst „Teenage Kicks"). Aber auch: Die stilsichere Zitierfreude obskurer Neo-Mod-Bands wie The Direct Hits, an deren Doppelspitze Colin Swan und Geno Buckmaster das Mando-Duo Björn Dixgård und Gustaf Norén optisch und akustisch in geradezu gespenstischer Weise erinnert. (Paranormale Zeitreisende?) Aus den Neunzigern: Die voraussetzungslose Dreistigkeit, die Pop-Welt mal eben so erobern zu wollen, und der unverfälschte Instinkt für das wirklich Aufregende in der Musik, welche beiden Eigenschaften nur gedeihen können in abgelegenen, von keiner „Szene" berührten stehenden Gewässern wie etwa Blackwood, Süd-Wales, oder eben Borlänge, Mittelschweden. Und aus den Nullzigern: Die „Live-Sound im Studio"-Philosophie der Strokes, Hives, Vines und all der anderen Ein-Silben-Bands, die den rauen, ungefilterten Gruppensound im CD-Zeitalter wieder hoffähig gemacht haben. A propos Hives: sind Landsleute, klar, aber Vergleiche sind eher an den Haaren herbeigezogen, Parallelen zufällig, denn verglichen mit dem Ideenreichtum von Mando Diao wird schmerzhaft deutlich, wie wenig ausbaufähig die Masche der mit Sound und Styling im Jahr 1964 stehen gebliebenen Hives ist.
Schluss jetzt mit dieser langweiligen Vorlesung über die teleologische Struktur der Einflüsse, denn die Musik ist einfach nur geil. Und mit „Added Family" enthält die CD auch noch ein besonderes Kabinettstückchen, das anfängt wie eine Western-Titelmusik von Ennio Morricone (komplett mit „ahummm"-Chor), dessen Strophe flüchtig in den düsteren Spuren von Nick Cave oder Jeffrey Lee Pierce wandelt, bevor dann alles unaufhaltsam auf einen Refrain zustrebt, den man nur als Feuerwerk in Zeitlupe bezeichnen kann. Übrigens, die englische Sprache beherrschen die Nordmänner nicht bis in die feinsten idiomatischen Verästelungen. Aber das macht überhaupt nichts, weil sie genauso angstlos drauflos texten, wie sie Musik machen. Und wenn es dann zum Beispiel heißt: „On the way to you / between busy moon / crash beneath a window left in bloom" (Ringing Bells), dann ist zwar erst mal nichts klar, aber was jeder einzelne Song als Ganzes bedeuten oder ausdrücken soll, kommt schon rüber. So, wie Slogans Marke „I feel Coke" oder „Let's beer" ja auch kein konventionelles und oft nicht mal richtiges Englisch sind, aber trotzdem verständlich wirken. Dem Charme des Ganzen fügt diese sprachliche Eigenart eher noch eine Komponente hinzu. Einmalig und unverwechselbar wie ein Saab 96, und dabei stark wie ein Turbo, ist es so oder so.
Da verzeihen wir den Schweden doch sogar glatt Roxette und „The Final Countdown". Wer hätte das jemals gedacht ?