Aus der Amazon.de-Redaktion
Für sein selbstbetiteltes Debütalbum hatte Gisbert zu Knyphausen ein halbes Musikerleben Zeit, für den überzeugenden Nachfolger
Hurra! Hurra! So nicht. blieben dagegen nur Monate. Trotzdem ist es dem im hessischen Rheingau geborenen, von Hamburg im Frühjahr 2010 nach Berlin umgezogenen Songwriter in dieser kurzen Zeit gelungen, sich musikalisch deutlich weiter zu entwickeln. Vielschichtiger sind die Lieder von Gis geworden, was einerseits an den vielen Konzerten liegt und auch daran, dass mit Keyboarder Gunnar Ennen, Gitarristen Jens Fricke, Frenzy Suhr am Bass und Drummer Sebastian Deufel eine Band tatkräftig im Hintergrund wirkt. Vorne steht Gisbert mit seiner Gitarre, grübelt, schimpft, zweifelt, denkt nach, verfällt in Melancholie, der er im gleichnamigen Song ein „Fick dich ins Knie, du kriegst mich nie klein.“ entgegen schleudert. Natürlich penetriert sie ihn weiter. Was Gisbert von anderen jungen, deutschen Liedermachern und Pop-Bands unterscheidet, ist die Vermeidung von Worthülsen - trotz des Gebrauchs von Klischees in Stücken wie „Ich bin ein Freund von Klischees und funkelnden Sternen“ oder „Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten“. Auch verzichtet Gisbert zu Knyphausen auf gesellschaftspolitische Rundumschläge, auf Belehrungen und Besserwissereien. Ohne Lösungen anzubieten – wozu Musiker auch gar nicht da sind – blickt er in seinen bildhaften und nie intellektuellen Songs auf ein unruhiges Innenleben und eine Außenwelt, in der aus seiner Sicht so vieles nicht funktioniert. Seine Gabe ist es, Menschen in seinen stillen Lieder mitzunehmen. -
Sven Niechziol
Produktbeschreibungen
Das 2008 erschienene Debütalbum von Gisbert zu Knyphausen war ziemlich makellos und hat viele überrascht: Ohne großen Medien-Hype, ohne große Werbekampagne verkaufte sich das Debütalbum ganz hervorragend. Die Konzerte waren nicht einfach nur gut besucht, sie waren brechend voll. Fast immer wurde mitgesungen - und zwar textsicher. Man redete über diesen gut aussehenden, aber etwas schüchternen Typen und seine poetischen Songs. Man hat ihm das Etikett Liedermacher angeheftet, ihn mit Reinhard Mey verglichen. Was bei Songs wie Spieglein, Spieglein vielleicht sogar zutraf.
Nun gibt es endlich ein neues Album von Gisbert zu Knyphausen - die Songs sind dunkler und romantischer als beim Debüt, musikalisch raffinierter und inhaltlich tiefer. Hurra, Hurra! So Nicht entstand in Tobias Levins renommiertem Electric Avenue Studio. Weil Levin selber Musiker ist, sich Zeit nimmt und auch Details wichtig findet, klingen seine Produktionen auf eine superbe Weise vielfältig und reich.
Hurra, Hurra! So nicht klingt deutlich melancholischer, ernster und tiefer als das Debüt. "Dass man mich heute noch mit Reinhard Mey vergleicht kann ich mir eigentlich kaum vorstellen", sagt Gisbert. Und wir sehen das genauso. Gisbert zu Knyphausen ist heute eine atemberaubende Band und ein junger Songschreiber der immer wieder neue treffende Bilder für seinen und unseren Alltag findet.
Jan Wigger,SpiegelONLINE,April 27,2010
Über Gisbert zu Knyphausens erste LP hat kaum jemand etwas geschrieben, was laut Zeugenaussagen sogar daran gelegen haben mag, dass mögliche Rezensenten vom Namen des Songschreibers irritiert gewesen waren. Wie sollen sich da erst die Red Hot Chilli Pipers zur Wehr setzen? Wenn nicht alles täuscht, dann ist Gisbert zu Knyphausen gar kein sogenannter "deutscher Songwriter": Von Sven Regener abgesehen liegen seine Vorbilder wohl eher im internationalen Bereich, und das überwältigende "Grau, Grau, Grau" klingt schon ein wenig wie Radiohead zu "The Bends"-Zeiten. Brillanter noch ist "Seltsames Licht" geraten, der nicht nur der beste Song auf "Hurra! Hurra! So nicht." ist, sondern auch zum Bestürzendsten gehört, was in diesem schonungslosen Jahr überhaupt seinen Weg ins Plattenregal gefunden hat. Knyphausen verabschiedet hier einen Menschen, so wahr und präzise, wie man es gerade noch ertragen kann: "Zwei Wochen später auf dem Hof/ Dein lebloser Körper/ In einem Zimmer voller Blumen und Gewalt/ Und sechs kleine Jungs/ Aufgereiht im dunklen Anzug/ Und ihre Lieder klagten lautlos in der Nacht/ Sie sangen: Bitte, bitte bleib hier/ So wie wir." Immer dann, wenn ich dieses Lied mit Knyphausens hypnotisierendem Gitarrenspiel höre, muss ich an Michael Hanekes Filme "Caché" und "Das weiße Band" denken - nur der bucklige Winter weiß, warum. Teile dieser Platte sind so schwarz wie das Cover, denn Knyphausen lässt zu welchem Nutzen auch immer verklärte Gefühlszustände nicht gelten, er tritt der Melancholie vors Knie: "Was hast du der Menschheit jemals Gutes gebracht?/ Außer Musik und Kunst und billigen Gedichten/ Hast du darüber schon mal nachgedacht?/ Ach, so klappt das nie/ Melancholie, so klappt das nie." Manches deutet darauf hin, dass Knyphausen schnell verglühen wird, doch "Hurra! Hurra! So nicht." ist bereits die dritte große Hamburg-Platte seit Januar. Kein Liedermacher. Ein Gigant. (9) Jan Wigger (SPIEGEL ONLINE)
Der Erfolg seines Debüts war eine der größten Überraschungen 2008: Ausverkaufte Konzerte mit textfestem Publikum und überall nur Lob für den kauzigen Songwriter, der mit melancholischen Akustiksongs für eine Renaissance der Berufsbezeichnung Liedermacher sorgte. Umso erfreulicher, dass Gisbert zu Knyphausen mit dem Nachfolger jetzt nicht auf den großen Durchbruch schielt. Unter der Regie von Tobias Levin hat er ein düsteres und introvertiertes zweites Album aufgenommen. Es ist zwar komplexer arrangiert und überrascht etwa beim Opener "Hey" mit einem noisigen Gitarrensturm, doch auf dem Weg zum echten Bandalbum ist diese CD nur ein Zwischenschritt. Unverständlich nur, warum man in seinen Texten auf so viel Selbsthass stößt. Mit "Melancholie" beschimpft er sich selbst - dabei schimmert selbst aus seinen hoffnungslosesten Zeilen immer noch ein bisschen Hoffnung. Und "Ich bin ein Freund von Klischees und ..." muss man fast als Absicherung verstehen - wo doch gerade zu Knyphausen wie derzeit kein zweiter mit überraschenden Bildern aufwartet. Vielleicht sollte er sich selbst mal wieder "Kräne" anhören: Der unangefochtene Albumhöhepunkt zählt zu den besten Songs, die je über Hamburg geschrieben wurden. (cs)