Mit einem Weichspüler übergießt Christine Grän ihre Worte nicht,
wenn sie damit unsere Gesellschaft in ihrer verlogenen
Doppelbödigkeit ausleuchten möchte. Vielmehr bringt die Autorin
die Dinge stets spitzzüngig und schonungslos analysierend auf
den Punkt und genau dies bedingt wohl, dass ihre Texte- keines-
wegs zu Unrecht- mit dem Prädikat " brillant " ausgezeichnet
werden.
Marie, das Hurenkind, lernt schon früh die Abgründe und
Obsessionen ihrer Mitmenschen kennen. Daraus zieht sie, für
ihr weiteres Leben, ihr vorteilhaft erscheinende Schlüsse.
Solange Marie noch keine Möglichkeit gefunden hat, sich von
ihrem, von ihr entschieden abgelehnten Herkunftsmilieu zu lösen,
setzt sie ihrer kindlichen Ohnmacht pyromanische Phantasien
entgegen, denn ihr alles unter Kontrolle- haben- wollendes
Wesen sucht unaufhörlich , mit großer Vehemenz, nach Auswegen aus
unliebsamen Sackgassensituationen.
Marie wünscht sich Sicherheit und glaubt diese zu finden, wenn
sie sich diszipliniert und an der Vernunft orientiert den
Gesetzen des gesellschaftlichen Aufstiegs nicht verschließt.
Dem " Underdog "-Milieu entkommt sie aufgrund ihrer Intelligenz
und ihres Ehrgeizes.
Sie findet sich schließlich als Ressortleiterin einer großen
Tageszeitung und Mitglied der gehobenen Münchener Gesellschaft
wieder.
Hier geht sie diszipliniert ihren utilitaristischen Vorstellungen
nach und irritiert ihr Umfeld, nicht selten, durch ihre uner-
schütterliche Konsequenz, fernab von irgendwelchen moralischen
Bedenken, zweckorientiert zu handeln. Sie schafft sich Neider!
Mit großem Zynismus ( was durchaus amüsant zu lesen ist) lässt
sich Frau Grän über die intriganten Interaktionen der Haupt-
akteure des Romans untereinander und gegenüber Dritten in ihrem
vorliegenden Text aus. Dabei zeichnet sie ein Bild von der
Gesellschaft, das nur noch von der Realität übertroffen werden
kann.
Maries Beziehungen zum anderen Geschlecht sind , wie alles in
ihrem Leben, zweckorientiert und das dabei nachhaltig erklärte
Ziel ist ihre dauerhafte gesellschaftliche Etablierung. Ein nicht
bloß für ein ungewolltes "Hurenkind" attraktives Vorhaben!
Die so konditionierte Protagonistin verliert ihre Bodenhaftung
als ihr Leon begegnet, der notorische Verlierer und
Lebenskünstler. In ihm sieht sie all das konzentriert, was sie
sich nicht auszuleben gestattet. Sie verliebt sich in Leon, nicht
zuletzt, weil sie glaubt, er sei ihre, von Platon erdachte,
andere Hälfte. Marie hört auf bewusste Gestalterin ihres Lebens
zu sein. Ihr ganzes Denken fokussiert sich auf die Person Leons,
ohne den sie glaubt nicht mehr leben zu können. Als ihre Vision
von Platons Einheitsideal zweier Personen sich, aufgrund
veränderter Realitäten, nicht mehr umsetzen lässt, verliert Marie
alles, was ihr vordem wichtig erschien, selbst ihre pyromanischen
Affinitäten. Plötzlich wird sie von der Nähe des Wassers
angezogen, das in seiner Ursprünglichkeit im Hinblick auf Marie
gewiss metaphorischen Charakter haben soll.
Und so stellt sich die Frage, ob die Worte Eckhardts, einer
Nebenfigur des Romans, nicht vielleicht die alles erhellende
Essenz des Textes darstellen: " Die Wahrheit ist, dass die
Liebe so viel Glück vernichtet, wie sie schafft.
Und die Wahrheit ist auch, dass Frauen verkommen, wenn sie ihr
Selbstwertgefühl ausschließlich aus Männern beziehen..."