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Nach dem Verkaufserfolg des pornografischen Bekenntnisbuches
Das sexuelle Leben der Catherine M. ist es kein Wunder, dass Verleger auf das gleiche Pferd setzen wollen: Autorinnen, die ihre exzessive sexuelle Vergangenheit ohne Scham zwischen zwei Buchdeckeln präsentieren. Auf den ersten Blick passt Nelly Arcans
Hure in dieses Marketingschema. Zudem ist die Franko-Kanadierin auch noch jung und attraktiv und hat es mit ihrem Debütroman auf Anhieb in die französischen Bestsellerlisten geschafft.
Aber Obacht: Entgegen den geweckten Erwartungen ist das viel eher ein Buch für Freunde ernster Literatur denn für Liebhaber fleischlicher Genüsse und ihrer anregenden Beschreibung. Eher Thomas Bernhard denn Henry Miller. Mit Bernhard hat die Literaturstudentin aus Montréal auch die düstere Weltsicht und die Begeisterung für lange -- sehr lange -- Sätze gemeinsam. Allerdings keine Schachtelsätze, sondern parataktische Wortgirlanden, die sich rhythmisch und federleicht über eineinhalb oder zwei Seiten bis zum nächsten Punkt dahin schwingen. Insofern ein Text, der geradezu danach verlangt, als Hörbuch inszeniert zu werden.
"... ich kann mich nur im Kreis drehen beim Gedanken an eine Hure, die auf dem Rücken liegt und sich für einen Koitus zwischen zwei Geschäftsterminen darbietet, die ihre Beine bis Japan spreizt, bis an den äußersten Rand des Globus, wo Tag und Nacht gleich sind ... ein einziger Mann in meinem Leben wäre gefährlich, für einen allein ist zuviel Hass in mir, ich brauche den ganzen Planeten, das weite Spektrum der Menschheit...". Geradezu obsessiv kreist der Text um die Erinnerung an die traurige Kindheit, das Hurendasein und die Fragwürdigkeit der eigenen weiblichen Identität. Und wie in einer Symphonie kehren die Motive in Variationen immer wieder, umschlingen den Leser und ziehen ihn hinab in die Bodenlosigkeit dieser Existenz.
Bei Debütromanen, die scheinbar vor allem auf autobiografischem Material beruhen, bleibt die Frage, was noch kommen kann, wenn die Lebensgeschichte bereits literarisiert ist. Insofern darf man auf das zweite Buch gespannt sein und was Nelly Arcan nach diesem gelungenen Auftakt noch aus ihrem Schreibtalent machen wird. --Christian Stahl
Pressestimmen
"Ein Roman von wuchtiger Konsequenz, sprachlich unendlich differenzierter als vergleichbare Bekenntnisbücher." --
Marianne Wellershoff, Der Spiegel, 30. September 2002"In der Radikalität, in welcher Nelly Arcans Protagonistin das Wechselspiel zwischen panischer Gefallsucht und tiefer Selbstverachtung zwar zu benennen, sich aus dieser Klammer aber gleichwohl nicht zu lösen vermag, steckt ein grosser Kunstgriff dieses Romandebüts. Die Spannung, die durch das psychologische Ausloten der paradoxen Gefühlslage entsteht, markiert den Unterschied zu den intimen Selbsterkundungen der Skandalromane von französischen Schriftstellerinnen wie Catherine Millet oder Christine Angot." --
Cornelia Herberichs, Tages-Anzeiger, 11. Oktober 2002"Nelly Arcans Geschichte ist ergreifend und erschütternd zugleich: Wie da eine junge Frau, die durch ihre Eltern von Kindesbeinen an daran gewöhnt ist, sich als unzureichend zu betrachten, weil sie nicht die tote Cynthia ist, verzweifelt um die Aufmerksamkeit und Liebe der Männer buhlt. (...) Wie in diesem Roman mit Blick auf das Sexualverhalten einer jungen Frau, Schicht um Schicht deren psychisches Drama freigelegt wird, ist literarisch geradezu lehrbuchhaft. Ein schönes, wahres - und zutiefst trauriges Buch, denn natürlich kann Nelly Arcans Heldin die Zuneigung und Anerkennung, die ihr als Kind vorenthalten wurden, als Erwachsene niemals mehr erwerben." --
Uwe Wittstock, Die Welt, 19. Oktober 2002"Voll im Trend ... ungeschönte Intimbeichten starker Frauen. Statt hipper Girlie-Prosa von Mamis frechem Liebling gibt's provokante Sexberichte à la Catherine Millet. Jüngstes Beispiel: das Debüt der Kanadierin Nelly Arcan. Die Geschichte einer jungen Frau aus gutem Haus, die ein Doppelleben als Literaturstudentin und Hure führt. ... Einem Aufschrei, der drastische Sprache mit Poesie hart zusammenprallen lässt. Wirklich selbst erlebt oder nur erfunden? Egal, der eindringliche Sound macht's. ... Kein Wunder, dass die Skandalstory in Kanada und Frankreich ein Bestseller wurde." --
Alexander Altmann, Shape, 16. August 2002