Ich habe, wie vermutlich viele Angehörige von Magersüchtigen und/oder Bulimikern, viel zu dem Thema gelesen, jedes Buch auf der Suche nach Erklärungen und Antworten verschlungen ' und die meisten enttäuscht zur Seite legen müssen, weil ich außer klugen Worthülsen und einigen verbreiteten Klischees nichts hilfreiches darin entdecken konnte.
Dieses Buch ist anders. Natürlich liefert es nicht 'die Antwort' ' aber ganz einfach aus dem Grund, dass es so leicht nicht ist, eine Krankheit wie die Essstörung zu verstehen und zu bekämpfen, geschweige denn, zu heilen.
Dennoch habe ich beim Lesen dieses Buches zum aller ersten Mal den Eindruck gehabt, dass der schwere, bleierne Vorhang um das Geheimnis Hungern, Fressen, Kotzen ein wenig angehoben wurde. Vieles, was ich dort fand, kam mir als Angehörigem nur zu bekannt vor, es hätte unsere Familie sein können, von der dort die Rede war. Doch war ich beim Lesen nun nicht mehr nur außen vor ' ich wurde mit einbezogen, ich lernte die Krankheit von innen heraus kennen ' sofern das einem Gesunden nur möglich ist. Die Autorin schildert mit gnadenloser Ehrlichkeit, Ehrlichkeit dem Leser wie sich selbst gegenüber, was sich hinter dem Vorhang versteckt. Wie groß die innere Not ist, die diese Menschen umtreibt, wie entsetzlich die beständige Selbstkasteiung, die Selbstvorwürfe, der Selbsthass sind, wie weit ihre Einsamkeit reicht. Mit schmerzlicher Deutlichkeit (mehr als einmal standen mir tatsächlich die Tränen in den Augen und ich musste das Buch zur Seite legen) wurde mir bewusst, wie kurz der Gedanke:' Er/sie muss doch nur wieder normal essen und zunehmen!' gegriffen ist ' und wie viel mehr sich hinter dieser scheinbaren 'Macke' versteckt. Dadurch wurde es mir möglich, zum ersten Mal seit langem mit meiner Tochter ein offenes und ehrliches Gespräch zu führen. Nach all der Zeit mit Streiterei und Auseinandersetzungen konnte ich ihr wohl wieder vermitteln, wie viel mir an ihr liegt und wie sehr ich mir wünsche, dass sie kämpft und dass ich sie in diesem Kampf unterstützen will, so gut ich nur kann.
Meine Tochter (sie ist 20 und seit drei Jahren magersüchtig) hat das Buch einige Wochen später selber gelesen, obwohl sie sich bis dahin immer geweigert hatte, etwas zu diesem Thema zu lesen. Sie hatte es in einer Nacht durch und sagte hinterher, es sei, als hätte ihr jemand in die Seele geguckt und aufgeschrieben, was er dort vorfand.
Vieles, was in dem Buch thematisiert wird ' Krankenhaus, künstliche Ernährung, Psychiatrie ' hat uns erschreckt und ich bin froh und dankbar, dass unsere Tochter mittlerweile eine ambulante Therapie macht und langsam an Gewicht zunimmt. Ich wünsche der Autorin sehr, dass auch sie den Ausstieg aus dieser Krankheit schafft und möchte mich bei ihr aber auch für dieses Buch bedanken ' meiner Ansicht nach ist es das Beste, das diesbezüglich auf dem deutschen Markt ist und ich kann es v.a. Angehörigen nur sehr ans Herz legen.