Der Hungerwinter 1946/47 gehört wahrscheinlich zu jenen Ereignissen, von denen jeder schon einmal gehört, aber die wenigsten Konkretes wissen. Es ist das Verdienst des Buches, genau diese Lücke zu schliessen.
In den ersten Kapiteln wird zunächst die Gesamtsituation in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg beschrieben, vor allem die Härte der Lebensbedingungen damals. Es herrschte ja Mangel an praktisch allem - Wasser , Strom , Heizmaterial , Essen , Kleidung und vieles mehr. Dinge die man sich heute kaum noch vorstellen kann, weil sie so selbstverständlich geworden sind. Es war gut und richtig von den Autoren, dies zunächst deutlich zu machen, damit man verstehen kann, wie ein bereits gebeuteltes Land durch den Kältewinter langsam in eine Katastrophe schlitterte.
Bereits zu Weihnachten 1946 ist klar, dass es ein extremer, kalter Winter wird. Aber gerade anhand des Weihnachtsfestes wird auch beschrieben, wie die Menschen trotz aller Entbehrungen nach einem Stück Normalität, Lebensfreude und Hoffnung suchten. Wenn gerade von den Dingen die Rede war, an denen damals Mangel herrschte, so gab es doch eine Sache, die uns aber heute in unserer Überflussgesellschaft allzu oft wie Luxus erscheint - nämlich gesellschaftlicher und familiärer Zusammenhalt. Wahrscheinlich braucht es immer erst solcher Krisen, bevor die Menschen zusammenrücken und füreinander einstehen. Insofern ist das Buch auch aus soziologischer Sicht recht interessant.
In den weiteren Kapiteln wird beschrieben, wie jede weitere Frostwelle die Situation immer weiter verschärft. Kulminiert wird dies in dem Kapitel, welches "Der weiße Tod" überschrieben ist. Der Titel spricht hier ja schon für sich. Es sind nicht die reinen Opferzahlen, die beindrucken, sondern die geschilderten Einzelschicksale. Da ist zum Beispiel eine Paar, mit seinem Baby, dass Weihnachten 1946 zum ersten Mal als Familie Heiligabend feiert. Das Kind Verstirbt wenig später an einer Lungenentzündung, was der Mutter fast das Herz bricht. Am Schluss des Buches erlebt man diese Mutter nochmal, jetzt als alte Frau von über 80 Jahren, welche in Erinnerungen an diese Zeit gefangen ist. Ihr damaliges Kind sollte das einzige in Ihrem Leben bleiben, und Weihnachten 1946 das einzige Fest, welches sie als Mutter feiern konnte. Und vielleicht war deshalb 1946 das schönstes Weihnachten in ihrem gesamten Leben trotz aller Entbehrungen und Härten. Es sind solche einzelnen Schicksale, die das Buch zu einer Lektüre machen, die man so schnell nicht vergessen kann.