- Broschiert: 195 Seiten
- Verlag: Galrev (1997)
- Sprache: Deutsch
- ISBN-10: 3910161782
- ISBN-13: 978-3910161788
- Amazon Bestseller-Rang: Nr. 2.447.952 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
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Produktinformation
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Alle Jahre wieder debütiert einer, der bei Rolf Dieter Brinkmann in die Schule ging. Unbedeckter als Heiner Link hielt sich dabei schon lange keiner mehr. Vermutlich in der Überzeugung, dass die Quelle verschüttet ist, zitiert er aus Brinkmanns „Acid“-Nachbetrachtung in seinem Vorwort zu der von ihm herausgegebenen Anthologie „Trash-Piloten“, um den Eindruck entstehen zu lassen, etwas Aktuelles sei mit einer Wendung originell skizziert, die Brinkmann zur Beschreibung der Situation vor 1970 anführte. Dem Autor von „Keiner weiß mehr“ kam es an auf den „voroffiziellen Bereich“ amerikanischer Literatur, die noch nicht „durch Anpassung an den Markt korrumpiert“ war. Link macht daraus: „Bis heute ist ein freier...literarischer Ansatz überwiegend im sogenannten vor- oder nicht-offiziellen Bereich zu finden“. Da lachen die Hühner. Ralf-Rainer Rygulla, „Acid“ Co-Editor und an der Verbreitung einschlägiger Begriffe einst maßgeblich beteiligt, behauptete gelegentlich, es habe zum Zeitpunkt des Imports in Amerika schon nichts mehr gegeben, worauf Underground gepaßt hätte. Dennoch wurde der Begriff von deutschen Kritikern eine Weile strapaziert. Er taucht leitmotivisch auf in einer Reihe von Bemühungen zur Bewältigung der Gegenwart um 1969. Der deutsche Underground war eine Fama, die mehr als eine Fama zeugte. Links Rekurs auf Wörter wie Pop und Bewusstsein, die einmal Hoffnungshorizonte eröffneten, wäre nicht so trostlos, brächte er nicht die Pfeifen aus der „Social Beat“ Ecke ins Spiel. Vor diesem Prospekt des zwielichtigen fragt man sich unwillkürlich, was vermag einer als Schriftsteller, der als Kommentator des literarischen Jetzt das Vokabular der Sechziger wie eine gültige Währung ausgibt. Das Ergebnis zuerst: einiges! Dem erzählenden Ich im „Hungerleider“ zu folgen, ist ein Vergnügen. Vom Autor trennt es nicht viel, manchmal wird es mit Link angesprochen. Herbert Achternbusch grüßt freundlich aus mancher Marotte. Die Umgebung ist eher bayrisch-blau als bayrisch-bizarr, München nahe, aber näher noch einer ersprießlichen Ländlichkeit, durch die der Erzähler gern mit dem Auto fährt, über das er auch gern redet. Mit selbstbewusster Heimatverbundenheit ist er geerdet. Er zitiert aus Lexika, renommiert viel und ist Knappe von König Alkohol: „Schwer saufen und schwer aufwachen ist...(sein) Hobby. Den ganzen Morgen restalkoholisiert taumeln“. Allerhand Alltag fegt er zusammen: „...einmal im Jahr weihnachtet es... und zwar immer früher. Christbäume kann man ja heutzutage schon ab Ende Oktober kaufen“. Ein Monomane ist der Erzähler nicht. Seine Verhältnisse sind komfortabel. Kinder hat er zwei und eine Putzfrau, vor der er aufs Klo flüchtet, um eine Viertelstunde Ruhe zu schinden. Ihn interessiert Waldsterben und Boxen. Wie Wolfgang Welt war er mal ein passabler Fußballer...und eine Rauhbacke auf dem Schulhof. Die Chemielehrerin führte ihn ins geschlechtliche Miteinander ein. Ihre wuchernde Schambehaarung verblüffte ihn. Rothaarige mag er nicht. Von Fotos ab und zu unterbrochen wird der Text: Manches ist kursiv, anderes fett gesetzt – und könnte ein Gedicht sein. Eine gewisse Launigkeit, gleichsam mit angelegten Zügeln, greift zuweilen nach der regelrechten Orthografie. Link ist ein kaltblütiger Autor. „Mir ist genug klar, dass die Geheimnisse einfach sind; sie sind Vorrichtung für Leute, die nicht arbeiten wollen“, lautet eine Gedichtzeile von Rolf Dieter Brinkmann. Heiner Link gehört sie ins Stammbuch geschrieben. Er ist so ratlos, wie alle, aber cleverer als viele. --Jamal Tuschick, Junge Welt, 25.2.98
MONOLOGE EINES ANARCHISTISCHEN SPIESSERS: -Heiner Links „Hungerleider“ ißt seine Suppe doch:- Revoluzzer in Oberbayern zu sein ist nicht einfach. Zumal wenn man „auch ein Herz für Reichtum“, Frau und Kind, ein schönes, sauberes Einfamilienhaus (mit Garten) tausend teure Bücher, einen gefüllten Kühlschrank, ein Notebook und ein Auto (mit Fulda-Reifen) hat und auf all das nicht verzichten möchte. Außerdem: Wer hat heut wirklich noch Lust auf Anarchie? Die Spaß-Generation ist ja nicht mal fähig, ein Haus zu besetzen. Die wollen doch gar nicht Teil einer Jugendbewegung sein, die wollen shoppen und ins Kino gehen. Dort warten sie „Arsch neben Arsch auf ein Ereignis“ und essen „Langnesehäppchen und Gummibärchen“, können „nicht mal diese zweieinhalb Stunden ohne Gefresse auskommen“. Nein, heutzutage kann man keine Revolution mehr machen. Man kann aber – wie Heiner Link- darüber schreiben, was man tun würde, wenn man könnte, und welche vielen kleinen, (un)wichtigen Dinge dazu führen, daß die große Veränderung immer wieder auf morgen vertagt wird. „Ich kann doch kein Stoiker sein, das Menschlein in mir ist zu gering dazu.“ Dennoch gelingt es Link, individuelle Befindlichkeiten wie die Lust an Wein, Weib und Weißwürsten und gesellschaftliche Phänomene wie Boxen und Tennis kritisch-verständnisvoll unter die Lupe zu nehmen. Objekt der Betrachtung ist der Autor selbst. Detailverliebt seziert er Anekdoten seiner Jugend, Phantasien, Träume, Assoziationen und Normalitäten. Wenn Link von seinem Konfirmationsgeschenk (gelbgestreiften „PUMA –Fußballschuhen“), seiner Entjungferung (durch die Bio-Lehrerin im Vorbereitungszimmer) oder von seinen Bundeswehrabenteuern berichtet, dann erinnern die Unbekümmertheit des Ich-Erzählers und sein Durchschnitts-Lebenslauf mit den typischen Höhepunkten an Brussigs Figur des Klaus Uhltzscht („Helden wie wir“). Doch der „Hungerleider“ ist nicht nur pfiffiger als Uhltzsch, er besitzt auch die Gabe, das, was um ihn herum geschieht, genau zu hinterfragen und zu beurteilen. Was ihm (und häufig auch dem Buch) fehlt, ist Leben. Satt, doch unzufrieden sitzt er zu Hause am PC, grübelt über die Absurditäten und Faszinationen des Daseins nach, während sein Text um ein Drittel zu lang gerät. Ludwig II. und „Kaiser“ Franz, Literaten und Buchmessebesucher, Männer und Frauen, der Paarungsakt der Großlibellen, sogar die Imbissbuden von Leipzig – alles ist ihm Anlaß zu tiefschürfenden Gedanken über die Schrecken der Gegenwart. Dabei wird dem Autor-Helden schmerzhaft klar, daß er sich eigentlich längst mit der Unveränderlichkeit der Zustände abgefunden hat. „Ich fordere die Abschaffung der CSU. Halt, nein, das geht ja auch nicht, weil wir dann in Bayern fast 70% Republikaner hätten.“ Es scheint keinen Ausweg aus der Misere zu geben. Alle Lösungsvorschläge sind schon durchgekaut. Woran der Hungerleider leidet, ist Appetitlosigkeit. Er hat Hunger auf – Hunger! Er sucht etwas, das ihn aus seiner lethargischen Fast-Zufriedenheit reißt, und hat doch Angst vor der letzten Konsequenz dieser Suche. „Als ich die Brille abholte, musste ich gleich zwei Bier trinken, weil plötzlich alle so deutlich war...Ein Hungerleider ist eine arme Sau.“ --Krutsch, Kreuzer, 9/97
WILD UND BUNT. -Heiner Links Anorexie-Prosa.- Heiner Links Buch „Hungerleider“ erfüllt einen Anspruch, dem viele Kurzgeschichtensammlungen nicht gerecht werden und auch nicht müssen, aber ich habe es gerne so, die einzelnen Erzählungen gehören unmittelbar zusammen, so daß man auch von einer Erzählung sprechen kann oder einem Roman. Ich deute hier das Problem an. Woran ist man eigentlich? Auf jeden Fall steht in allen Texten des „Hungerleiders“ mehr oder weniger das gleiche. Die Monologe des Erzählers wechseln ständig zwischen der Momentaufnahme und deren Unerträglichkeit – auf der Fahrt zum Büro von der Schönheit des Tages erschlagen – und autobiographischen Reflexionen und deren erträglicher Vergangenheit, durchkreuzt von uneinsichtigen Fernseh- und Traumbildern. Die Rückblicke vermitteln das kleine Stückchen leidlich heiler Welt, Einblicke in die Torheiten der Kindheit. Jetzt muß man sich arrangieren. Heiner Link propagiert die Strategie von Rausch und Lust, womit sich schon die alten Ägypter durchgemogelt haben. Eine andere Variante, deutet Link an, könnte die Mitgliedschaft in einer Separatistengruppe, die ein epikurisches Künstlerdasein ohne Leistungsnachweis vertritt, sein. Wirklich wichtig ist Heiner Link, daß allem, was irgendwie intellektuell mieft, in den Allerwertesten getreten gehört. Dieses notorische Genörgel, Gemotze und sich über alles lustig machen, auf den Putz hauen und Rumjammern und damit gar nicht mehr aufhören, das ist vermutlich der Grund, weshalb Heiner Link bei seinem großen Vorbild Herbert Achternbusch „verschissen“ hat. --Fabian Reimann, Krachkultur Revue, Frühjahr 97
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