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An den Abgründen des Daseins
Erinnerungen von Dmitri S. Lichatschow
Igor Smirnov, Professor für Slawistik und Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz, nennt Dmitri S. Lichatschow, seinen ehemaligen Lehrer und geistigen Vater, den «genius loci» von St. Petersburg, womit er durchaus nicht übertreibt. Lichatschow gilt als das Gewissen der russischen Intelligenz, wenn nicht Russlands überhaupt. Und im Gegensatz etwa zu dem in der westlichen Öffentlichkeit berühmteren Alexander Solschenizyn hat sich Lichatschow, auch er wie der Nobelpreisträger eine Verkörperung des Russentums, nie nationalistisch-grossrussischem Gedankengut angenähert, was ihm von fast allen Seiten, mit Ausnahme der sowjetischen Machthaber, Respekt und Ehre eingebracht hat.
Studium und Verbannung
Lichatschow wurde 1906 in der von Peter dem Grossen gegründeten Stadt an der Newa geboren. Bereits mit 17 Jahren trat er in die Leningrader Universität ein, wo er verschiedene Sprachen und Literaturen studierte und Einführungen in Philosophie, Logik und Psychologie hörte. Mit dieser akademisch breitgefächerten Ausbildung und der Gabe ausgestattet, in den Menschen und in dem, woran er forschte, das Komplizierte und Interessante, das Eigentümliche und Individuelle entdecken zu wollen, schuf Lichatschow die Grundlage dafür, dass er in gewissem Sinn als Universalgelehrter zu bezeichnen ist.
Kurz nach Ende des Studiums im Jahre 1928 wurde Lichatschow wie viele Angehörige der demokratischen Intelligenzia, die nicht rechtzeitig in den Westen ausreisten, von den Bolschewiken auf eine Insel im Weissen Meer verbannt. Die im «silbernen Zeitalter» Russlands gepflegte kulturelle Polyphonie war der alles Leben simplifizierenden «proletarischen Diktatur» zuwider. Vorgeworfen wurde Lichatschow die Mitarbeit in einem sogenannten Jugendzirkel, von denen es in Petrograd/Leningrad Anfang der zwanziger Jahre zahlreiche gab. Lichatschow gehörte der «Kosmischen Akademie der Wissenschaften» an, die so sagt er eine Art Maskenballveranstaltung war und das Prinzip einer «fröhlichen Wissenschaft» verfolgte, «einer Wissenschaft, die nicht bloss die Wahrheit, sondern eine freudige und in fröhliche Formen gekleidete Wahrheit sucht».
Russische Kultur mit Blick nach Westen
Nach seiner Freilassung im Jahre 1933 arbeitete Lichatschow als Korrektor. Knapp überlebte er den grossen Terror 1937/38 sowie die fast 900tägige Blockade Leningrads durch die deutschen Truppen während des Zweiten Weltkriegs. Später wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für russische Literatur an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR. Trotz den sogenannten «prorabotki», den «Durcharbeitungen» im Sinne einer ideologischen Kampagne gegen ideologische Abweichler, gelang es Lichatschow, der 1975 selbst von KGB-Agenten brutal zusammengeschlagen wurde (er weigerte sich, Andrei Sacharow zu verurteilen), sich auf seinem Tätigkeitsfeld zu etablieren: Er wurde zum weltweit renommierten Altmeister der russischen Mediävistik («Das Igorlied: eine Heldendichtung», 1960) und wohl besten Kenner der vorpetrinischen Zeit («Russische Literatur und europäische Kultur des 10. bis 17. Jahrhunderts», 1977). Auch verfasste er zahlreiche Arbeiten zur russischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, zur russischen Kunst und Kultur sowie zur Textologie.
In seinem hierzulande meistzitierten Werk, den «Zametki o russkom» («Reflections on Russia», 1991), vertrat Lichatschow das Konzept der «Ökologie der Kultur», worunter er das Bedürfnis nach Harmonie und Kontinuität in den Elementen einer nationalen Kultur (Sprache, Geschichte, Religion und andere Traditionen) verstand, als Grundlage, um zu überleben. Allerdings dachte er dabei keineswegs an den engstirnigen Chauvinismus, sondern war davon überzeugt, dass Russland zum Westen gehört, ja gehören muss. In Anlehnung an Dostojewski spricht Lichatschow von der «dobrota», der Herzensgüte als Wesenszug des Russen schlechthin. Dass ihm die Zukunft Russlands besonders am Herzen lag, war mit ein Grund für seine politischen Aktivitäten zur Zeit Gorbatschews, sowohl als Berater des damaligen Staatsoberhaupts wie als Volksdeputierter der UdSSR, der sich für eine allgemeine kulturelle Erneuerung wie auch für die Rehabilitierung verfolgter und verfemter Schriftsteller einsetzte. Lichatschow ist mehrfacher Ehrendoktor, unter anderem der Universitäten von Cambridge, Oxford und Zürich.
Geisteskraft gegen Not und Gewalt
In den nun auf deutsch vorliegenden Erinnerungen lässt Lichatschow in erster Linie seine Jahre der Verbannung auf die Solowezki-Inseln im Weissen Meer gegenwärtig werden. Im 15. Jahrhundert hatten zwei Asketen an diesem abgeschiedenen, nahe am Polarkreis gelegenen Ort ein Kloster gegründet, welches in der Folge in ganz Russland für seine Buchgelehrsamkeit und Ikonenkunst bekannt wurde. Seit der Regierungszeit Iwans des Schrecklichen (15301584) diente es als Gefängnis und Verbannungsort. Hierher wurden «Meuterer und Kirchenspalter, in Ungnade gefallene Statthalter und Freidenker, Magnaten und Revolutionäre, Bauern und Professoren verbannt». Lichatschow beschreibt mit äusserster Präzision, mit einer angesichts von Elend, Not und Grausamkeit besonders beeindruckenden Auffassungsgabe und grosser menschlicher Anteilnahme seine Mitgefangenen, etwa den in Odessa geborenen Philosophen Alexander A. Mejer, mit dem er über Goethes «Faust» und die Problematik der «Welt als Wort» diskutiert, das Staatsfräulein der Kaiserin Alexandra Fjodorowna (der Gattin von Zar Nikolaus II.), Julija N. Dansas, von der er berichtet, sie habe «ständig katholische Gebetslieder leise vor sich hingesungen, ohne dabei die Selbstgedrehte aus dem Mund zu nehmen, die in einer langen Zigarettenspitze steckte», oder den Geschichtsprofessor Gawriil O. Gordon, der auf den Solowezki-Inseln beim Mufti der obersten Moschee Moskaus Arabisch lernen konnte. Durchgehalten hat Lichatschow, wie er schreibt, wegen «der unbezwingbaren Angewohnheit der russischen Intelligenzia, dauernd Grundsatzfragen zu erörtern».
Das Lager hätte in den Augen des Sowjetregimes eine Besserungsanstalt sein sollen und kein Gefängnis eine Behauptung, die alle Tatsachen Lügen straften. 1929 besuchte Maxim Gorki zwecks «Beruhigung der westlichen Öffentlichkeit» die Solowezki-Inseln. Kurz darauf setzten Verhaftungen, Folterungen und Massenerschiessungen ein. Lichatschows Nachdenken über die existentiellen Fragen des Seins, ständig den Tod vor den Augen, hat ihn zu einem religiösen Menschen gemacht: «Ich begriff folgendes: Jeder Tag ist ein Geschenk Gottes. Ich muss jeden Tag neu erleben, zufrieden sein damit, dass ich einen weiteren Tag am Leben bin. Und dankbar sein für jeden Tag. Folglich brauche ich nichts mehr auf der Welt zu fürchten.»
Im belagerten Leningrad
Lichatschows Erinnerungen, nicht zuletzt seine Schilderungen der grauenhaften, menschenunwürdigen Zustände während der Blockade Leningrads, der Hungersnot, in der seine Familie genötigt war, Tischlerleim zu essen, um zu überleben, des ständigen Beschusses durch deutsche Truppen und schliesslich der Fälle von Menschenfresserei sind untrügliche Zeichen dafür, dass nichts verschwindet, sondern alles erhalten bleibt, zumindest im Gedächtnis. Allein, dies kann nicht das Ende sein. Es ist ein grosser Fortschritt, dass sich die Osteuropa-Wissenschaft heute vermehrt der Alltagsgeschichte zuwendet, im Sinn einer reicheren und komplexeren Geschichtswahrnehmung. Genau diesem Ziel dienen Lichatschows Berichte, die den Akademiker über den «Schmutz der Lagerwelt» (Karl Schlögel), die Auswirkungen der geistigen Verarmung des Landes nachdenken lassen. «Nur auf der Grundlage von Daten über die Gesamtheit der Welt kann man zu einer Verbesserung schreiten oder die eine oder andere Korrektur der Welt wagen.»
Matthias Messmer
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