Der junge Autor und Ich-Erzähler des Romans durchstreift die Straßen des alten Oslo (Kristiania) auf der Suche nach Arbeit zum Geldverdienen, nach Inspiration für seine Artikel, die er an die lokalen Zeitungen verkaufen will und es scheint auch auf der Suche nach sich selbst, nach einem Platz an den er gehört, nach Menschen, die ihn verstehen. Der Protagonist durchlebt ein ständiges Auf- und Ab zwischen kurzfristigen Erfolgen mit seinen (wohl teilweise brillianten) Zeitungsartikeln und gnadenlosen Rückschlägen, wiederholter Ablehnung seiner (nach anfänglichem Lob zur Mittelmäßigkeit geschrumpften) Werke, Verwahrlosung, Ein samkeit und ... Hunger. Letztere Empfindung ist das Leitmotiv des Romans, das vom Erzähler uneingestandene, beschämende Gefühl des Hungrigseins, nach Nahrung, nach Anerkennung, nach Kreativität und Liebe. Dieser Hunger scheint den Erzähler regelrecht zu paralysieren, ihn für die täglichen Aufgaben des Lebens unfähig zu machen, der Hunger scheint seinen Realitätssinn langsam zu vernichten. Wiederholt bringen krasse Fehleinschätzungen seiner Situation den Protagonisten dem Abgrund ein Stück näher, wiederholt kann er sich aus der Klemme befreien , doch die Anstrengung wird jedesmal größer. Er trifft eine (wohl doch recht biedere) Frau, die er mit dem exotischen Namen Ylajali betitelt, mit welcher eine letztlich nur Minuten dauernde erotische Begegnung stattfindet, die bei den Partnern einen seltsamen Widerwillen hervorzurufen scheint. Auch Ylajali sieht - wie fast alle Menschen, die dem Erzähler begegnen - in ihm nur den Armen, der Verwahrlosung anheimgefallenen Bettler, löst den Kontakt zu ihm und läßt ihm etwas Geld überbringen, was eine unendliche Demütigung darstellt. Immer wieder blitzt aus dem Verhalten des Erzählenden eine scharfe Aggression gegenüber seinen Mitmenschen auf, die ihn phasenweise in ähnlicher Manier dämonisch wirken lässt, wie den nach der Ermordung der Pfandleiherin in einen komaartigen Taumel verfallenden Rodion Raskolnikoff (vgl. Dostojewski, Schuld und Sühne), es ist nicht auszuschließen, daß Hamsun das Buch des russischen Großmeisters bekannt war. Die Sprache des Autors ist klar, an der Darstellung orientiert und zu jedem Zeitpunkt brilliant, dürfte als wegweisend für Generationen von Schriftstellern dienen. Etwa 80 Jahre später schrieb Samuel Beckett seinen Roman "Molloy", in dem er seine Hauptfigur durch einen sinnlosen Taumel absurder Ereignisse stolpern lässt, eine Art Pendant zu "Hunger". Die Lektüre des irischen Erzählers wird mancher Leser frustriert abbrechen, bei Hamsun halte ich das für nahezu ausgeschlossen, zu eindringlich ist seine Erzählkunst, zu realitätsnah die Handlung, zu intensiv die Beobachtung der menschlichen Natur. "Hunger" ist ein absoluter Klassiker wenngleich ich ihn nicht als einen der ganz großen Romane der Weltliteratur ansehen würde (wie z.B. "Schuld und Sühne" oder "Wuthering Heights"), in denen eine derartige Handlung einen sicher wichtigen Nebenschauplatz darstellt. Dennoch: Verfall eines Menschen, wie viele Autoren werden noch über das Thema schreiben? Sie alle werden sich mit dem Norweger Knut Hamsun messen müssen, keine beneidenswerte Aufgabe.