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Reinhard Jirgls sprachmächtiger Roman «Hundsnächte»
Von Jochen Hörisch
Der Schauplatz: eine Ruine am Rande eines schon seit Jahrzehnten evakuierten Dorfes, das in der Nähe der alten deutsch-deutschen Grenze steht also am Rand eines Randes. Die Figuren: randständige Gestalten, deren Biographien durch die grossdeutsche, die gespalten-deutsche und die wiedervereinigt-deutsche Geschichte vielfach gebrochen sind. Sie bilden eine von den Einheimischen im Nachbardorf «Fremdenlegion» genannte Abrisskolonne, die «den Todesstreifen zum Radweg bügeln soll von Lübeck bis runter nach Hof». Dem Abriss aber steht ein Hindernis entgegen: im labyrinthischen Inneren der Ruine, so die Einheimischen, wohnt seit langem ein unansprechbarer Irrer, ein Untoter, einer, der seit Jahren nicht sterben kann, der unablässig schreibt und schreibt und sich nicht vertreiben lässt. Ihm gibt die Fremdenlegion noch die Frist von einer Nacht bis zur gewaltsamen Räumung. Und diese Hundsnacht verbringt der Ich-Erzähler im Eingang der Ruine, die sich immer mehr als neandertalhafte Gattungshöhle, als Kaspar Hausers Verliess, als Platons Kerker, aber auch als demetrisches und plutonisches Gefilde entpuppt. Im Bann dieser Nacht und dieses Ortes verdichten sich des Ingenieurs viele Lebensgeschichten denn er hat keine Lebensgeschichte, ist aber in Geschichten verstrickt zu einem grandiosen Schattenspiel, Menetekel und Stimmereignis.
Möbius-Band
Er erinnert die Sommerferien, die er am Meer mit seinem Vater verbrachte, die Traumata der Schulzeit, die ruinös verfehlte Wiederbegegnung mit der Geliebten aus der DDR, die schon vor der «Transsubstantiation (der DDR-Mark) in konvertierbare Währung» zur Hure wurde. Und er erinnert die Lebensgeschichten, die sich mit seinen Erlebnissen wie in einem Möbius-Band verschlingen: die Geschichte vom Anwalt, der seinen reichen Klienten ruiniert, die Geschichte vom gedemütigten Schüler, der dem Schuldirektor buchstäblich vors Hosenbein pinkelt, die Geschichte von der Taube, die, nachdem sie von einem Auto erfasst worden war, auf der Strasse flatterte, ohne wirklich verenden zu können, die Geschichte vom Justitiar eines Ostberliner Krankenhauses, der krumme Devisengeschäfte mit Blutplasma und Organhandel aufdeckte, seine Stellung verlor und Selbstmord beging. Und viele, viele andere «kaputte» Lebensgeschichten mehr. Die Leitworte des Romans sind nicht umsonst «Ruine» und «Ruin».
Geschichten von Daseinsschutt, von ruiniertem Leben, von Untieren und Untoten. Erzählt werden sie mit einer von obsessiven Momenten nicht freien obszönen und zugleich doch geistreichen Sprachgewalt, die seit Arno Schmidts Tod in der deutschsprachigen Literatur nicht mehr vorkam. Sie verbindet die zotige Drastik einer Bauarbeitersprache mit präzis kontextuierten Kalauern («UN: United Nonsense», «RTL: Rammeln, Töten, Labern»), hellsichtigen Bösartigkeiten (wie der vom gegenwärtigen «Quatschocento, von der Renaissance der Logorrhötiker, die ihr Gesabbel nicht halten können») und einer an Schnitzler, Joyce und Arno Schmidt geschulten Kunst der Anspielung, der subversiven Etymologie und der Vieldeutigkeiten. Dieser Sprachfluss gerinnt bei Jirgl zu einem ebenso komplexen wie suggestiven Schriftereignis jenseits aller Fragen nach der rechten Orthographiereform. Jirgl hat sein schon im letzten Roman «Abschied von den Feinden» praktiziertes Notationssystem noch weiterentwickelt. Graphische Symbole (Zahlen, Satzzeichen, unterschiedliche Schrifttypen u. a.) ermuntern zu einer lauten Lektüre, die Stimmen in präzise Stimmungen übersetzt.
Nur ein exponiertes Beispiel: «? Wünschen die Herr&Damschaften, bevor Sie wieder hineindschampen in berufsmässige Weltverpflichtung, zum Gewissensnachtisch & mit Verlaub zur ff. Anregung Ihres allerwertesten Hirn-Darm-Traktes auf Kosten-des-!Hauses, versteht sich noch 1 ?Gesinnungs-Tuttifrutti, 1 hypocritical korrekten ?Betroffenheits-Kockteil.» Rühmkorf in Prosa. Und das auf 520 eng bedruckten und sorgfältig gesetzten Seiten. Kann es zu viel des Guten geben? Wäre der Roman noch besser, wenn Jirgl einen schlanken Plot erzählte und die Überfülle an Geschichten über «Das Mass aller Dinge der Sauigel der Mensch» einem Novellenband voll buchstäblich unerhörter Ereignisse anvertraut hätte?
Gedächtnismarathon
Zusammengehalten aber werden die überbordenden Erzählströme auch in der vorliegenden Form. Und zwar dadurch, dass Jirgl ein virtuoses Spiel mit zwei kanonischen Texten der Moderne wagt, die kaum Berührungspunkte aufzuweisen scheinen: mit Joseph Conrads Meistererzählung «Heart of Darkness» und mit Marcel Prousts «A la recherche du temps perdu». Auch der Ingenieur seines Romans ist auf der Reise ins Herz der Dunkelheit. Er aber trifft anders als Conrads Held nicht auf die Stimme des Grauens, die aus dem Munde des Paranoikers ergeht, der das Zentrum der Vernunft ist. Er trifft vielmehr auf die Schrift und die Schriften, die autorenlos mäandern. Und da der Weg das Ziel ist, durchmisst er den Kursus von Prousts Protagonisten via negationis noch einmal. Er will nicht erinnern, sondern hat Gründe, vergessen zu wollen. Keine glückliche Kindheit und heroische Jugendzeit scheint dem ruinierten Ingenieur ins Heimatland voraus. Er, der auf dem Weg zu «All-dem ist, was nur durch Abwesenheit existiert: Bücher, Radio, Fernsehen, Zeitungen», will vielmehr den Erinnerungskursus als Gedächtnismarathon durchlaufen, um dann, final und glücklich von allen Erlösungsversprechen erlöst, zusammenzubrechen.
Eine suggestive Ein- und Überblendtechnik regiert diesen Roman. In ihm haben Schatten das letzte Wort. Dabei hält Jirgls Prosa am grossartigen Telos aller wirklich grossen Literatur fest: den Tod zu töten. Mit Hölderlin jedoch weiss sie zugleich: «das geht aber / nicht.» Die Erschlagenen sind wirklich erschlagen, die Versäumnisse sind wirklich versäumt, die Versprechungen gelingenden Lebens waren wirklich nur Versprecher. Keine doppelte Negation spendet mehr dialektischen Trost. Und gerade wenn Jirgls Protagonist am Rand dieser Einsicht steht, spürt er ein Glühen und (V)Erglühen, das sein Dasein rechtfertigt.
Am dämmernden Morgen nach dieser übereinsichtigen Nacht der Nächte, in der sich ein er- und verglühendes Dasein verdichtete, gelangt der namenlose Ingenieur (alle Figuren sind von beckettscher Namenlosigkeit) ins Innere der Ruinen-Höhle. Dort aber trifft er auf keinen Eremiten, Weisen oder Alten vom Berge, der sich ins Erdinnere verzogen hat. Das Ruineninnere ist leer und autorios. Endlos beschriebene Papiere profansten Inhalts sind dort angehäuft. Altpapier in jedem Wortsinn, Müll, Ab-fall. Wer das lesen könnte und wollte, würde zwar viel vom Alltagsleben der späten Moderne erschliessen. Doch das würde den Aufwand schlicht nicht lohnen. Oder doch? Ist die «Halde aus Papier» etwa doch das Buch des Lebens? «All dies gefundene Stückwerk Leben aus Wut Verzweiflung Radau & Blut, zur dreckigbleichen Halde aufgetürmt, hab ?wirklich ?ich . . . ?geschrieben.»
Die Explosion einer Mine im ehemaligen Grenzstreifen macht dem surrealen Grübeln ein Ende. Der Ingenieur stirbt mit blutender Hand sein Leben zu Ende schreibend. Und der Roman schliesst mit einem siebzehnseitigen Abgang, der fraglos zum Besten zählt, was die deutschsprachige Literatur in den letzten Jahrzehnten zu bieten hat: eine kitsch- und schlackenlose Versprachlichung der Überfahrt auf Böcklins Toteninsel, «wo lichtdurchflutet das niemals zuvor gesehene das unendliche Blau geschieht » -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Mittelpunkt des Romans ist - wie könnte es anders sein - eine Ruine auf dem ehemaligen Todesstreifen. In ihr vegetiert ein seltsamer "Untoter" langsam vor sich hin. Für die Bewohner des naheliegenden Dorfes ist er zu einem beunruhigenden Mythos geworden. Nun aber soll die Ruine einem Fahradweg weichen, der zur Belebung der Region über den Todesstreifen gebaut werden soll. Aus diesem Grund kommt die "Fremdenlegion", eine Abrißkolonne, in das Dorf. Beunruhigt durch die Warnungen der Dörfler zögert sie mit dem Abriß der Ruine. Unter den Bauarbeitern befindet sich auch der "Ingenieur", der nach der Wende seinen Beruf verlor und als Bauarbeiter in der "Fremdenlegion" anheuern mußte. Fasziniert von der Geschichte des "Untoten", dringt er in die Ruine ein. Ihn erwartet eine apokalyptische Athmosphäre aus Verwesungsgeruch, Fliegenschwärmen und Moder. Während er tiefer in die Ruine eindringt, beginnt ein schmerzlicher Prozeß des "Sich-Erinnern". Hier vermischen sich die Kindheitserinnerungen des Ingenieurs mit seinem langsamen Abstieg nach der Wende, durch den er seine Würde und seine Frau verlor. Und ein zweiter Handlungsstrang schiebt sich ein: Die Geschichte des "Untoten", ein ehemaliger Rechtsanwalt. Er floh aus der DDR in den Westen, zerbrach jedoch an seinem Beruf und kehrte schließlich nach der Wende nach Ost-Berlin zurück, um seine ehemalige Geliebte wiederzutreffen. Statt ihr begegnet er jedoch dem "Feisten", einem ehemaligen Stasi-Offizier, der nach der Wende Immobilienhai wurde. Als verdorbene "Mephisto-Figur" verführt er den Rechtsanwalt, bei einer Prostituierten am Prenzlauer Berg unterzukommen. Er wird dadurch zu einem Spielball in der Hand des "Feisten", dessen scheußliche Intrigen sich durch den gesamten Roman ziehen. Sie gipfeln in einer blutrünstigen Schlußszene, in der der Rechtsanwalt den "Feisten" inmitten einer Installation aus den Leichen seiner getöteten Opfer vorfindet. In einem langen Monolog bringt der "Feiste" seine Verachtung für die Verlogenheit der wiedervereinigten Gesellschaft zum Ausdruck, die es ihm ermöglicht, seine Verbrechen auch nach der Wende fortzuführen. Auch als der Rechtsanwalt den "Feisten" tötet, zeigt sich, daß diese Tat keine Erlösung für die Gesellschaft bedeutet. Während sich die Geschichten des Ingenieurs und des Rechtsanwaltes vermischen, vermengen sich auch ihre Identitäten der beiden Protagonisten. Sie werden schließlich zu einer Figur, einem "Untoten", der in seinem Leid nicht sterben kann. Die Trostlosigkeit und Enttäuschung über die "nicht stattgefundene" Wende scheinen sich in ihr widerzuspiegeln.
Jirgls Roman ist beklemmend geschrieben, düster und apokalyptisch. Seine finstere Vision spannt sich von Architekturkritik bis zur Verdammung von DDR-Dikatur, Nachwendeküngeleien, Mediengesellschaft und Rassismus. Der Stil ist rasant und großartig, wenn auch teilweise zu patethisch und überladen. Auch das eine oder andere Klischee verärgert. Gewöhnungsbedürftig ist die Orthographie des Romans, die mit Zeichen und Symbolen (?, !, = etc.) und verschiedenen Schrifttypen spielt. Hier ist der Einfluß von Arno Schmid spürbar. Die Orthographie trägt jedoch zu dem suggestiven Stil dieses großartigen Buches bei. Auf diesen Stil muß man sich freilich einlassen, und ebenso auf den konsequenten Pessimismus Jirgls, durch den jeder Hoffnungsschimmer gründlich und nachhaltig zertrümmert wird. Wer dies tut und zudem keine Furcht hat, sich selbst in der verzerrten Vision Jirgls wiederzuerkennen, sollte dieses Buch lesen. Es lohnt sich!
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