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Otto Fenichel
und die geheimen Dokumente der linken Freudianer
Von Sabine Richebächer
In den Jahren 1934 bis 1945 schuf sich eine kleine Gruppe politisch engagierter Psychoanalytiker eine konspirative Rundbrieforganisation. Trotz langwierigen und wechselvollen Schicksalen von Verfolgung und Flucht gelang es den Mitgliedern, während elf Jahren mittels der Rundbriefe in Kontakt zu bleiben. Die Rundbriefe waren als eine Art schriftliches Seminar gedacht. Es wird über die Situation der Psychoanalyse in den einzelnen Ländern berichtet; bewegungspolitische und theoretische Fragen und Kontroversen werden diskutiert, praktische Fragen des Überlebens im Exil erörtert. Schöpfer der Rundbriefe war der Wiener Psychoanalytiker und Arzt Otto Fenichel.
Die Stationen von Fenichels Leben stehen in vielem beispielhaft für das Schicksal der aufmüpfigen, häufig links orientierten zweiten Generation Psychoanalytiker, die um 1900 geboren sich mitten in der Entfaltung ihrer beruflichen Laufbahn befanden, als der deutsche Nationalsozialismus sie zu Auswanderung und Flucht zwang.
Es hatte so ganz anders begonnen. Am 2. Dezember 1897 wurde Otto Fenichel als jüngstes von drei Kindern der assimilierten jüdischen Familie des Hof- und Gerichtsadvokaten Leo Fenichel und seiner Frau Emma Braun in Wien geboren. In behaglichen Verhältnissen aufwachsend, findet der wache, blitzgescheite Knabe im selbstbewussten, revolutionären Protest der Wiener Jugendbewegung einen organisatorischen und intellektuellen Rahmen für seine Talente. Bereits am Gymnasium führt Fenichels Leidenschaft fürs Zählen und Sammeln zu interessanten Ergebnissen. So erstellt er eine Statistik über sexuelle Aufklärung, die ihm beinahe den Schulverweis einträgt; und er verfertigt eine Sammlung von Märchenmotiven, die er auf chinesische, plattdeutsche und arabische Märchen auszudehnen plant.
Der gegebene Kampfboden der Wiener Jugendbewegung war die Mittelschule; sie sollte im Sinne der Selbstverwaltung umgestaltet werden. Unter der Führung des späteren Psychoanalytikers Siegfried Bernfeld, zusammen mit dem späteren Komponisten Hanns Eissler und anderen werden mit der Einrichtung eines Diskussionsforums, «Sprechsaal» genannt, mit der Gründung einer Schülerberatungsstelle und des «Archivs für Jugendkultur» einmalig fortschrittliche Einrichtungen geschaffen. «Trotz seinem unangenehmen Aussehen», so erinnert sich die spätere Sozialistin Käthe Leichter, stand Otto Fenichel «schon wegen seines psychoanalytischen Könnens stark im Mittelpunkt der Bewegung.»
Bereits im ersten Semester seines Medizinstudiums im Winter 1915/16 gehörte Fenichel zu den zwölf Hörern von Sigmund Freuds Vorlesungsreihe «Einführung in die Psychoanalyse», die jeden Samstag von 7 bis 9 Uhr abends im Hörsaal der Psychiatrischen Klinik stattfand. Ab November 1918 nimmt Fenichel als Gast an den Sitzungen der «Wiener Psychoanalytischen Vereinigung» teil; im Juni 1920 wird er mit dem Vortrag «Über Sexualfragen in der Jugendbewegung» als Mitglied aufgenommen. «Prof. Freud fühlt sich Problemen dieser Zeit sehr entrückt . . .», heisst es im Sitzungsprotokoll des Abends.
DAS «KINDERSEMINAR» IN BERLIN
Berlin, das meinte in den zwanziger Jahren die Hauptstadt einer neuen, liberaldemokratischen Gesellschaftsordnung: der Weimarer Republik. Es meinte eine Zeit kultureller Innovation und Vielfalt; und es war eine Blütezeit der Psychoanalyse. 1920 wird das Berliner Psychoanalytische Institut gegründet, dem eine Poliklinik angeschlossen war, wo finanziell schlechter gestellte Menschen ohne Entgelt behandelt wurden; 1927 wird im Schloss Tegel weltweit die erste psychoanalytische Klinik eröffnet. Auch die Institutionalisierung der Psychoanalyse nimmt von Berlin ihren Ausgang, etwa mit der Ausarbeitung systematischer Ausbildungsrichtlinien. Das Berliner Institut wurde von zwei Gruppen von Analytikern in personeller und wissenschaftlicher Hinsicht wesentlich bereichert und mitgetragen: von den ungarischen Analytikern, die 1921 nach der Zerschlagung der ungarischen Räterepublik aus Ungarn fliehen mussten, und von engagierten jungen Wiener Analytikern.
Im Herbst 1921, gleich nach dem Medizinstudium, geht Fenichel nach Berlin. Nach und nach folgen weitere Freunde aus der Wiener Jugendbewegung und Studienzeit: unter anderen Siegfried Bernfeld (1925), Wilhelm und Annie Reich (1930). In Berlin studiert Fenichel Neurologie und Psychiatrie bei Bonhoeffer und Cassirer an der Charité. Am Berliner Institut macht er Karriere: Assistenz an der Psychoanalytischen Poliklinik; Lehranalytiker; 1926, mit noch nicht 29 Jahren, übernimmt Fenichel ein umfangreiches Lehrpensum; er hält zahlreiche Vorträge zu einem breiten Spektrum von klinischen und theoretischen Themen. 1931 publiziert er eine zweibändige Neurosenlehre; später im amerikanischen Exil erweitert und aktualisiert, begründete dieses Werk Fenichels Ruf als eines «Enzyklopädisten der Psychoanalyse».
Als Sandor Rado 1931 nach New York auswandert, übernimmt Fenichel die Redaktion der psychoanalytischen Zeitschriften; und durchblättert man die Hefte der «Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse» und von «Imago» jener Zeit, so enthält beinahe jede Nummer mehrere von Fenichels theoretisch oft sehr anspruchsvollen Buchbesprechungen. Sein besonderes Wohlwollen finden Wilhelm Reichs klassenkämpferisch orientierte Schriften. Sigmund Freud in Wien passte der Einfluss Fenichels und vor allem die Richtung, in die er diesen Einfluss geltend machte, überhaupt nicht mehr. Er löste das Problem dann so, dass er die Redaktion der Zeitschriften kurzerhand von Berlin nach Wien verlegte. So war Fenichel die Redaktion 1932 bereits wieder los.
Obwohl das Berliner Institut sich liberale und soziale Wertvorstellungen zu eigen gemacht hatte, fühlten jüngere Analytiker sich durch Formalismus und die hierarchische Struktur des Instituts am offenen Gespräch gehindert. Auf Initiative von Otto Fenichel und Harald Schultz-Hencke trafen sich die jüngeren Analytiker ab 1924 in den jeweiligen Privatwohnungen der Teilnehmer, um über psychoanalytische Fragen und über die politische Bedeutung der Psychoanalyse nachzudenken. Diese sehr heterogene Gruppe von jungen Analytikern wurde «Kinderseminar» genannt. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderen Edith Jacobson, Edith Gyömroi, Erich Fromm, Francis Deri, das Ehepaar Annie und Wilhelm Reich. Fenichel, akribischer Dokumentator, der er war, notiert 168 solcher Treffen mit zwischen fünf und zwanzig Teilnehmern.
Anlässlich eines Konflikts zwischen Freud in Wien und den jüngeren Analytikern in Berlin spaltete sich 1931 eine kleine, im engeren Sinne politisch zu nennende Fraktion vom «Kinderseminar» ab. Im Rundbrief 72 vom 25. November 1940 aus Los Angeles erinnert sich Fenichel an die Entstehung der Rundbrieforganisation:
«Im Jahre 1931, als ich die Redaktion der Zeitschrift innehatte, hatte Freud nach Lektüre der Fahnen von Reichs Aufsatz Der masochistische Charakter angeordnet, dass dieser Aufsatz nur mit einer von ihm verfassten Fussnote erscheinen dürfte, deren Publikation allen sozialistischen Analytikern höchst unwillkommen gewesen wäre. Aus diesem Anlass berief ich die linken Analytiker Berlins zusammen, um mit ihnen zu beraten, was zu tun sei . . . Wir trafen uns von nun an informally, zunächst zur Beratung bewegungspolitischer Fragen, wobei wir in der Berliner Vereinigung oft genug sehr ungeschickt als Fraktion auftraten. Bald gesellte sich zu dieser politischen Tätigkeit die wissenschaftliche: Wir kamen bei Reich zur Diskussion marxistisch-analytischer Fragen zusammen . . . Diese erste Zeit unserer Arbeit fand ein Ende mit Hitlers Machtantritt. Die Berliner Kollegen zerstreuten sich über die ganze Welt. Wir sehnten uns nacheinander und hatten gleichzeitig berechtigterweise den Eindruck, dass eine Einflussnahme auf die vom Faschismus auch innerlich bedrohte psychoanalytische Bewegung nötiger war als je. Im Frühjahr 1934 sandte ich den ersten Rundbrief in die Welt, der die Situation in den einzelnen Ortsgruppen der internationalen psychoanalytischen Vereinigung schilderte, die damals wirklich trostlos war.»
FLUCHT UND EXIL
In der Nacht vom 27. Februar 1933 brennt in Berlin der Reichstag. Für die nationalsozialistischen Machthaber ist dies willkommener Anlass, um gegen ihre Gegner vorzugehen. Bereits in dieser Nacht werden 10 000 Kommunisten, SPD-Mitglieder und weitere Oppositionelle verhaftet. Wilhelm Reichs Wohnung an der Schwäbischen Strasse wird mehrfach von der SA durchsucht und unter SA-Dauerbewachung gestellt. Am 3. März flieht Reich im Skidress als Tourist verkleidet nach Österreich. Seine damalige Frau, Annie Reich, kann mit ihm fliehen, nachdem sie wegen antifaschistischer Tätigkeiten für kurze Zeit inhaftiert gewesen war. Am 10. Mai werden Freuds Bücher auf dem Opernplatz in Berlin als «undeutsches Schriftmaterial» verbrannt. Am 19. September 1933 hält Fenichel den letzten Vortrag am Berliner Institut; Ende Oktober übersiedelt er nach Oslo, wo er 1933/34 als Sekretär der norwegischen psychoanalytischen Gruppe amtiert. Bis auf Edith Jacobson sind Ende 1933 sämtliche Mitglieder der linken Fraktion am «Kinderseminar» geflohen oder emigriert.
Der Zustand der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) zu diesem Zeitpunkt war desolat. Es gab enorme theoretische Differenzen; die Frage der Laienanalyse drohte zu spalten; die beginnende Emigrationsbewegung lastete; es gab wirtschaftliche Probleme. Die Mitglieder untereinander, die verschiedenen psychoanalytischen Ortsgruppen und auf nationaler Ebene die psychoanalytischen Gesellschaften waren mit antimarxistischen und antidemokratischen Strebungen, mit Antisemitismus und Theoriefeindlichkeit konfrontiert und drohten auseinanderzufallen. Das Programm der Rundbrieforganisation steht in diesem Kontext. Es lautet «Rettung der naturwissenschaftlichen Analyse»; ausserdem sollte «marxistisch-psychoanalytische Forschungsarbeit» geleistet werden.
DIE GEHEIMEN RUNDBRIEFE
Die geheimen Rundbriefe der linken Freudianer sind Exilliteratur. Sie waren als eine Art «schriftliches Kinderseminar» gedacht und wurden konspirativ, mit der Auflage zu strikter Geheimhaltung, verschickt. Zum sogenannten «engeren Kreis» der Rundbriefempfänger gehörten Georg Gerö, Samuel Goldschein, Edith Gyömroi, Nic Hoel, Edith Jacobson, Barbara Lantos, Käthe Misch, Annie Reich, Wilhelm Reich. Dazu kam der sogenannte «weitere Kreis»: eigentliche Rundbriefsympathisanten beispielsweise wurden Erich Fromm, Sabina Spielrein, der Schweizer Hans Zulliger erwogen , die einen Teil der Informationen erhielten, selber aber nichts von ihrer Zugehörigkeit zum «weiteren Kreis» wussten.
Vom März 1934 bis zum Juni 1945 wurden insgesamt 119 Rundbriefe versandt. Ohne Unterstützung, von wechselnden Exilstationen aus, von Oslo (1934/35), Prag (19351938) und Los Angeles (19381945), tippte Fenichel alle drei bis sechs Wochen einen solchen Brief auf der Maschine mit Durchschlägen für die Freunde. Der umfangreichste Rundbrief ist Nr. 48 vom 25. Juni 1938 mit 80 Seiten, es ist der erste aus dem amerikanischen Exil. Der letzte Rundbrief, die Nr. 119 vom 14. Juli 1945, ist mit einer Seite zugleich der kürzeste. In den elf Jahren der Rundbrieforganisation sind so über 2000 Typoskriptseiten zusammengekommen. Mit den Rundbriefen wurden hin und wieder auch «Manuskripte für den Hausgebrauch» verschickt; dies sind grössere, zusammenhängende Texte von Fenichel, auf die in den Rundbriefen immer wieder Bezug genommen wird.
Die Mehrzahl der Rundbriefe wurde um das Monatsende oder am Monatsanfang versandt. Sie enthalten Fakten, Materialien, Meinungen und Stimmungsberichte aus den psychoanalytischen Zweigvereinigungen auf der ganzen Welt. Beispielsweise gibt es in den Rundbriefen der Jahre 1934 bis 1937 allein 24 Einzelberichte über die Lage der Psychoanalyse im nationalsozialistischen Deutschland. Institutionelle Entwicklungen und organisatorische Entscheidungen innerhalb der psychoanalytischen Bewegung wie Ausbildungsfragen oder die Frage der Laienanalyse werden besprochen und kommentiert. Kontroverse Fragen und Entwicklungen der psychoanalytischen Theorie, insbesondere Abweichungen in Richtung Biologismus, Psychologismus, Soziologismus, werden diskutiert. Fenichel liest und kommentiert regelmässig die gesamte Zeitschriftenliteratur, und er berichtet über klinische und angewandte psychoanalytische Forschungen.
Dieses ebenso umfangreiche wie heterogene Material wird strategisch vom wissenschaftlichen und vereinspolitischen Standort der Rundbrieforganisation her untersucht und gewichtet. Diese Position lautete: «Erhaltung, Ausbau und richtige Verwendung» der Freudschen Erkenntnisse; und dies im Kontext einer historisch-materialistischen Auffassung von Psychologie.
Die ersten Rundbriefe sind Spiegel der Konstituierung der Gruppe als marxistischer Opposition innerhalb der IPV. Der sich verschärfende Konflikt zwischen Wilhelm Reich einerseits und Otto Fenichel und den meisten anderen Mitgliedern der Gruppe andererseits nimmt breiten Raum ein. Diese Auseinandersetzungen führten schliesslich dazu, dass Reich die Rundbriefe ab Ende 1934 nicht mehr erhielt. Fenichel seinerseits musste das relativ sichere Oslo verlassen und ging nach Prag, wo er die Leitung der Prager psychoanalytischen Arbeitsgemeinschaft übernahm.
1936, nach dem XIV. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Marienbad, erhalten die Rundbriefe ihre endgültige Form. Der erste, bewegungspolitische Teil enthält vertrauliche Berichte aus den psychoanalytischen Zweigvereinigungen in den einzelnen Ländern. Der zweite, wissenschaftlich-theoretische Teil sollte einen möglichst vollständigen Überblick über die Neuerscheinungen auf psychoanalytisch-sozialem Gebiet geben. Die Frage nach dem Überleben der Psychoanalyse stellte sich unterdessen nicht mehr als Frage nach der «richtigen» Theorie, sondern als die des persönlichen Überlebens.
Band I mit den Rundbriefen aus Europa (19341938) dokumentiert u. a. die fortschreitende Politik der «Selbstgleichschaltung» der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft unter Hitler. Wir können die Geschichte von Verfolgung und Exil der europäischen Psychoanalyse zeitgleich mitvollziehen; und wir werden über Verfolgung und Fluchtschicksale der Rundbriefempfänger auf dem laufenden gehalten.
Band II (19381945) enthält die Rundschreiben aus den USA. Wir verfolgen die inhaltliche Veränderung der Psychoanalyse im amerikanischen Exil, die als Bewegung weg von der Freudschen Trieblehre hin zu Fragen von Ich und Anpassung an die Gesellschaft beschrieben werden kann. Die Institutionalisierung der Psychoanalyse, vor allem mit Blick auf Ausbildungsfragen, wird kontinuierlich diskutiert. Und auch der Leser muss den sprachlichen Teil des Anpassungsprozesses der Immigration mitvollziehen: im amerikanischen Exil werden die Rundbriefe zunächst zweisprachig, ab 1941 sind sie ganz auf englisch verfasst.
* Elke Mühlleitner und Johannes Reichmayr erweisen sich als sorgsame und versierte Herausgeber. Die «Rundbriefe» werden übersichtlich eingeführt und kommentiert; im Anhang finden wir u. a. Kurzbiographien der Mitglieder der Rundbrieforganisation und eine komplette Bibliographie von Fenichels Publikationen. Es ist zu wünschen, dass Otto Fenichel, dieser sorgsame und integre Chronist und Verfasser der geheimen Rundschreiben, heute seine Leser findet. Schliesslich muss auch dem Stroemfeld-Verlag Anerkennung dafür ausgesprochen werden, dass er die Initiative ergriffen hat, die Rundbriefe in diversen amerikanischen Archiven aufzuspüren, abzuschreiben und das Risiko einer Investition in diese aufwendige, wissenschaftlich wertvolle Publikation zu wagen.
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