"Nein, wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten. Das tun andere. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben und nicht in der roten Soße unterzugehen", sagt der Schweizer Entwicklungshelfer David Hohl. Er ist der Protagonist des Romans "Hundert Tage" des bisher vor allem als Dramatiker bekannt gewordenen Autors Lukas Bärfuss. Weil ich dieses Zitat kannte, wollte ich den Roman erst nicht lesen. Als ich es dann doch tat, war ich überrascht: Dieses Buch ist sensibel geschrieben, vielschichtig und spannend. Außerdem imponiert mir die präzise Recherche.
Der Ich-Erzähler David Hohl macht sich Ende Juni 1990 auf den Weg nach Kigali. Es ist seine allererste Flugreise überhaupt. "Ich reiste in offizieller Mission. Ich fühlte mich wichtig." Er muss in Brüssel umsteigen, der Hauptstadt jenes Landes, das früher in Ruanda Kolonialmacht war. Schon hier hat er eine verstörende Begegnung mit einer Afrikanerin, die man als eine Art Zeichen für das deuten könnte, was er später erleben wird.
Mit Agathe, der Frau vom Brüsseler Flughafen, verwickelt der Autor seine Hauptfigur in eine Liebesgeschichte, die geprägt ist von kultureller Fremdheit, weißer, männlicher Gier und schwarzer, weiblicher Souveränität: "Meine Epiphanien der Lust lagen für sie offen zu Tage, vollständig und von allen Seiten einsehbar. Diese Offenheit beunruhigte mich, denn ich selbst hatte keine Ahnung, wonach mein Inneres schrie. Ich wußte nicht einmal, ob es nicht besser gewesen wäre, es einfach winseln zu lassen." Diese Liebesgeschichte kann man als Spiegel für das sehen, was sich zwischen den Kontinenten ereignet: Dieser Europäer war fasziniert, aber der Sache nicht gewachsen. Das galt für die einzelne Person ebenso wie für die weit über 200 Länder, die in Ruanda Entwicklungshilfe leisteten. Ein Grund dafür war die Arroganz der Weißen, sie bildeten sich z.B. ein, die Landessprache nicht lernen zu müssen. Aber sie alle waren auch mehr oder weniger rassistisch, was dieser Ich-Erzähler von sich selbst und seinen Mitstreitern mit der Ironie berichtet, die ab und an ins Zynistische kippt.
"Wir genossen zwar die Annehmlichkeiten, die Ordnung, das gesunde Klima, aber gleichzeitig wünschten wir uns manchmal, wir hätten uns der Urmutter näher gefühlt, dem dunklen Ursprung, der nicht weit entfernt pulsieren musste. Wir hätten gerne öfter geschwitzt, häufiger das Weiße in den Augen der Menschen gesehen, den Wahnsinn zum Frühstück begrüßt." Das hätten sie nebenan haben können. Aber dort, wo auf den Straßen die Kinder zusammenbrachen und starben, wo es Malaria gab und das feucht-heiße Klima mörderisch war, dort war kein einziger Entwicklungshelfer aktiv. In Ruanda aber traten sich mehr als 200 Organisationen gegenseitig auf die Zehen.
Weil die Mitarbeiter aller Entwicklungshilfe leistenden Nationen die Landessprache nicht verstanden, bemerkten sie nicht, was in der von der Einheits-Regierung des Diktators Habyarimana perfekt durchorganisierten Bürokratie zusammenbraute. Die Schweizer ließen noch kurz vor Beginn des Genozids einen ihrer Medienspezialisten einfliegen, der die Radiomacher in Ruanda professionalisierte. Mit dieser Ausbildung gestalteten die Hutu dann die Mordaufrufe gegen die Tutsi - professionell, interessant, mit Musik aufbereitet. Und als der Genozid begann, flogen die pflichtbewußten Schweizer Mitarbeiter mit der letzten Maschine ab, ohne sich noch einmal umzudrehen - auch ohne sich um die Sicherheit ihrer ruandischen Angestellten zu kümmern. Nur David Hohl blieb, versteckte sich aus Liebe zu der Hutu Agathe und wurde Zeuge des Genozids.
Im Roman lernt man verschiedene Typen von Entwicklungshelfern kennen: Vom korrekten Beamten bis zum Desperado. Mich hat vor allem aufgeschreckt, dass es eine perfekt funktionierende Bürokratie war, die den Genozid erst ermöglichte. Denn das war ja bei uns auch schon in der Nazi-Zeit so: Die eher schlampige Verwaltung Italiens rettete unbeabsichtigt vielen Juden das Leben, während die gut funktionierende der Niederlande und Deutschlands auch das Morden perfekt hinkriegten. So war es auch in Ruanda: Erst der reibungslos funktionierende Staatsapparat ermöglichte den größten Völkermord seit 1945; und Lukas Bärfuss läßt seinen Helden David Hohl erkennen: "Hätten sie sich nicht an unsere Vorgaben gehalten, so hätten sie keine 800.000 Menschen umbringen können, nicht in 100 Tagen."
Dieses Buch ist sehr lesenswert: Man erfährt viel über Afrika, über europäische Fehlhaltungen, und es enthält auch eine Liebesgeschichte, in der es u.a. auch um die verstörende Frage nach möglichen Zusammenhängen von Lust und Gewalt geht.
Ein Kritikpunkt ist, dass der Autor die Rahmenhandlung - David Hohl erzählt seine Geschichte einem Schweizer Schulfreund, während draußen der Schnee fällt - nur 14 Seiten lang durchhält. Dann entschwindet dieser Zuhörer auf Nimmerwiedersehen. Natürlich kann man sagen: Danach nimmt der Leser dessen Platz ein, aber ich hätte mir gewünscht, dass dieser Schulfreund präsent bleibt und wenigstens in der Mitte und am Ende des Buches nochmal auftaucht.