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Produktinformation
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Drei Erzähler schreiben zur Jahreswende 1960/61 gleichzeitig die drei Bücher des 1963 erschienenen Romans und werden so in Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit Chronisten der »Hundejahre« unseres Jahrhunderts; Eddi Amsel, das Opfer, Harry Liebenau, der Zeuge, und Walter Matern, der Täter. Deutsche Schäferhunde, von einer litauischen Wölfin als Urahnin bis zu Hitlers Lieblingshund, die Mädchen Tulla und Jenny und ein Reigen von Vogelscheuchen begleiten sie auf ihrer Odyssee von Danzig nach Westdeutschland, bis hinab in die Unterwelt. Der Roman endet in einem Bergwerk, in dem der Künstler Amsel alias Brauchsel seine weltweit begehrten Vogelscheuchen industriell herstellt und so die reale Welt als Unterwelt entlarvt: Der Orkus ist oben und die Vogelscheuche ist nach dem Bilde des Menschen geschaffen.
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Der Roman „Hundejahre“ (1963) ist der dritte und letzte Teil der Danziger Trilogie.
Grass erzählt die Geschichte zweier Freunde: Eduard Amsel und Walter Matern. Im Alter von acht Jahren schliessen die beiden Blutsfreundschaft. Walter hilft dem fetten Eduard beim Bau von Vogelscheuchen.
Später tritt Matern der SA bei und lässt Amsel, den Halbjuden, zusammenschlagen. Im Schnee eingerollt, ändert Amsel seine Gestalt, zieht nach Berlin und nennt sich fortan Haseloff. Auch Jenny, dem dicken Adoptivkind eines Studienrats, stösst dasselbe zu: Auch sie wird misshandelt und auch sie ändert ihre Gestalt. Später, im Krieg, wird Amsel/Haseloff Jenny nach Berlin holen.
Matern ergeht es hingegen ganz anders: Er wird wegen Führerbeleidigung an die Front geschickt. 1945 wird er aus englischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Nun zieht er durch ganz Deutschland und rächt sich an seinen ehemaligen Vorgesetzten, indem er deren Frauen und Töchtern Geschlechtskrankheiten anhängt. Der entlaufene Hund Hitlers begleitet ihn. Matern nennt ihn Pluto.
Die drei treffen sich später in Berlin und versöhnen sich. Amsel zeigt Matern seine Vogelscheuchenhölle und Matern lässt darauf perplex seinen Hund Pluto dort zurück.
Der Roman „Hundejahre“ (1963) ist sehr spannend zu lesen. Anfangs bereiteten mir die Danziger Mundart und die verschiedenen Erzählperspektiven etwas Mühe. Doch ich merkte sehr schnell, was Grass damit bewirken wollte. Die Geschichte wird von mehreren Seiten beleuchtet, dadurch erhält sie eine unglaubliche Dichte. Die Figuren lassen ein recht genaues Bild der damaligen Zeit zu, da erst die Vorkriegszeit, dann die Zeit des Zweiten Weltkriegs und zuletzt die Nachkriegszeit als Kulisse dienen. Man kann die Figuren aufwachsen sehen, was mich zum Beispiel fast zum Weiterlesen zwang.
Der Roman ist in drei Bücher eingeteilt. Jedes Buch schildert die damalige Zeit in einer anderen Perspektive: Die „Frühschichten“ werden von Amsel erzählt und handeln von der Vorkriegszeit. Die „Liebesbriefe“ erzählt ein gewisser Harry Liebenau, Sohn des Schreiners von Nickelswalde und Cousin der Göre Tulla, und sie handeln vorwiegend vom Zweiten Weltkrieg. Die „Materniaden“ schliesslich werden von Walter Matern geschildert; er scheint mir der heimliche Protagonist zu sein.
Der Nationalsozialismus kommt immer wieder vor: In den „Frühschichten“ wird er nur gestreift und doch ist die Bedrohung, die davon ausgeht, zu bemerken. Die „Liebesbriefe“ zeigen ihn in seiner vollen Bedrohung. Die „Materniaden“ rechnen schliesslich damit abGrass war selbst Mitglied der Hitlerjugend und er spiegelt sich wahrscheinlich in der Figur des Walter Matern.
„Hundejahre“ ist ein brillantes Stück deutscher Nachkriegsliteratur. Die verschiedenen Erzählperspektiven können einen anfangs ein wenig verwirren. Doch je länger ich mich dem Buch hingab, desto grösser wurde das Verständnis für Grass' Sprache und desto grösser wurde der Lesespass. Ich habe sogar Gestalten aus anderen Romanen der „Danziger Trilogie“ angetroffen: Oscar Matzerath, den Trommler aus der berühmten „Blechtrommel“, und Tulla, die Göre aus „Katz und Maus“. Was den Leser allerdings vom Genuss dieses Werks abhalten könnte, ist sein Umfang: Im Taschenbuchformat umfasst es 745 Seiten.
Men Duri Dolf,
Bündner Kantonsschule, Chur
„Als aber der Tischlermeister eines Tages sein Portemonnaie verlor, in dem sich außer Kleingeld ein Büschel abgestorbener Hundehaare [die von Harras] befunden hatte; als aber der Tischlermeister des Führers Lieblingshund, den Harras gezeugt hatte, in der Wochenschau sehen wollte, doch vor seinen Augen schon die neueste Wochenschau ohne des Führers Hund abrollte; als aber der Soldatentod des vierten ehemaligen Gesellen der Tischlerei Liebenau gemeldet wurde; als an des Tischlermeisters Hobelbänken nie mehr schwereichenes Buffets, keine Nussbaumkredenzen, keine ausziehbaren Esstische auf reichprofilierten Beinen angefertigt werden durften und nur noch nummerierte Kiefernbretter zusammengeklopft wurden: Einzelteile für Militärbaracken; als das Jahr vierundvierzig im vierten Monat stand; als es hieß: „Nun haben sie auch den alten Herrn Brunies [Ziehvater von Harrys Freundin Jenny] geschafft [getötet]"; als Odessa geräumt wurde und das eingeschlossene Tarnpopol nicht mehr gehalten werden konnte, als der Gong zur vorletzten Runde schlug; als die Lebensmittelkarten nicht mehr hielten, was sie versprachen; als der Tischlermeister Liebenau erfuhr, dass sein einziger Sohn sich freiwillig zur Marine gemeldet hatte; als dieses zusammen eine Summe ergab: das verlorene Portemonnaie und die flimmernde Wochenschau, der gefallene Tischlergeselle und die elenden Barackenteile, das geräumte Odessa und die lügenhaften Nährmittelmarken, der alte Herr Brunies und sein kriegswilliger Sohn - als dieses Summe rund war und abgebucht werden wollte, verließ der Tischlermeister Friedrich Liebenau sein Kontor, griff sich eine Axt, die neu war und noch eingefettet, überquerte am zwanzigsten April [übrigens: Hitlers Geburtstag!] neunzehnhundertvierundvierzig um zwei Uhr nachmittags den Tischlereihof, pflanzte sich breitbeinig vor die leere Hundehütte des vergifteten Schäferhundes Harras und zerschlug den Bau mit gleichmäßig geführten Rundschlägen wortlos und einsam zu Kleinholz.
Die Kriegsrealität dringt in den Mikrokosmos Danzig ein, ohne dass diese Realität besiegt werden könnte. Die Ersatzhandlung führt zu keiner (gesellschaftlichen oder wie auch immer gearteten) Veränderung. Sie bleibt folgenlos und dient lediglich als ein wutentbranntes Abreagieren.
Nun mag jemand vielleicht einwenden: „Wenn ich diesen Satz gelesen habe, dann brauche ich doch nicht das ganze Buch zu lesen!" Um aber die volle Tragweite jenes Satzes zu erfassen, bedarf es allerdings der kompletten Lektüre. Ein Grass-Buch lesen, heißt auch immer: euphorisches Lesen und verärgertes Lesen. Träumerisches Lesen und fragendes Lesen. Und schließlich verlierendes Lesen sowie entdeckendes Lesen. Wer, so frage ich entgegnend, möchte solch ein abwechlungsreiches und dazu einzigartiges Leseerlebnis missen?
Hier in dem dritten Band seiner Danziger Trilogie geht es nocheinmal rundumedum, wie der Süddeutsche sagen würde. Und so ist es auch.
Wie wenn er sich den Frust der Hitlerjahre nocheinmal von der Seele schreiben und reißen würde, so schreibt er.
Und die Liebe, die alte Liebe zur doch verloren geglaubten Heimat (und sie ist doch nahe genug schon wieder, wenn man nur willig ist!), alleinig die Liebe zur Erde, zur pommerschen Sprache (in der Eigenart der masurischen eben), zur Vergangenheit, die doch bitte wieder Gegenwart und schöne Zukunft werden soll (gefälligst), die ist es, die Kraft gibt und dem jetzigen Leben einen gewissen Sinn.
So ist der Nobelpreis, etwas spät zwar, aber nicht zu spät, verdient.
Und der Dank des arbeitenden, erzählenden und singenden Autors wird zuallererst mit der langsamen und bedachten Lektüre (auch solcher, wie dieser schwierigen mitunter) belohnt.
Daß zwischendurch bei der Fülle der grass'schen Erzählweise erotische Anklänge zu vernehmen sind, wen sollte es wundern bei einem sinnlichen Menschen wie dem Autor, und wir sollten nicht abwegig etwa davon reden oder konsterniert mitunter. Denn was ist der Mensch, etwa nur bestehend aus dem, was romantische Religion uns oftmals einredete, ein hauptsächlich der Moral verpflichtetes Wesen?
Das natürlich auch und so sind wir wohl gespannt auf die politischen Ereignisse der zukünftigen Gegenwart, die uns bestimmt weiteren Stoff liefern wird für erzählende und berichtetende Romane dieser Art.
Doch diese Jahre, die hier beschrieben werden, die HUNDEJAHRE, die gab es einmal und sie kommen hoffentlich nicht wieder zum Vorschein irgendeinmal oder gar früher.
So ist dieser Roman durchaus auch eine Warnung an uns alle.
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