Michail Bulgakow (1891-1940) schlich sich durch die Hundehütte in mein literarisches Bewusstsein. Obwohl ich in Buchs Buch "Wie Karl May Adolf Hitler traf" (hier von mir ebenfalls schon rezensiert) bereits über Bulgakow und der speziellen Feindschaft Stalins ihm gegenüber las, blieb mir dieser großartige Schriftsteller zunächst nicht in Seele und Erinnerung. Doch nie und niemals konnte das auf die Dauer so bleiben. Und so verlor ich zunächst mein Herz an "Hundeherz", das Sobacje Serdce des Bello unter den animalischen Frankenstein-Monstern.
"Huuuuuh! Oh, seht mich an, ich sterbe." Ein Buch, ein Roman, der mit "Huuuuuh!" beginnt. Das ist ja schon mal recht viel versprechend. Und dann noch aus der Erzählperspektive eines Hundes. "Der Schneesturm im Torweg heult mir das Sterbegebet, und ich heule mit. Ich bin verloren, verloren. Der Schuft mit der schmutzigen Mütze, Koch in der Kantine für Normalverpflegung der Angestellten des Zentralrats der Volkswirtschaft, hat mich mit kochendem Wasser begossen und mir die linke Seite verbrüht. Dieser Dreckskerl, und das will ein Proletarier sein. Herr du mein Gott, wie das weh tut! Das kochende Wasser hat sich bis auf die Knochen durchgefressen. Jetzt heule ich und heule, aber hilft das etwa?" - Der genannte Partei-Koch der KPdSU, zuständig für die Normalverpflegung, spielt in der Geschichte zwar nur eine kleine Nebenrolle; doch diese Geschichte, geschrieben im nachrevolutionären Russland des Jahres 1925 (erschienen allerdings dann erst im Jahre 1968), beginnend mit eben jenem Konflikt zwischen dem Partei-Koch und dem Hund: das alleine lässt den satirischen Gehalt schon erahnen. "Die Hausmeister sind von allen Proletariern das scheußlichste Gesindel. (...) Köche gibt's verschiedene. Zum Beispiel der verstorbene Wlas ... Wie vielen hat er das Leben gerettet! Wenn man krank ist, muss man vor allem einen Bissen schnappen. Alte Hunde erzählen, Wlas hätte manchmal sogar mit einem Knochen gewinkt, an dem noch ein Achtelchen Fleisch dran war. Gott schenkte ihm das Himmelreich, denn er war eine wirkliche Persönlichkeit, herrschaftlicher Koch bei den Grafen Tolstoi, nicht beim Zentralrat für Normalverpflegung."
Organtransplantation von Mensch (natürlich handelt es sich um einen Verbrecher: Mary Shelley lässt grüßen) zu Hund: durch den Chirurgen Filipp Filippowitsch Preobrashenski, ein russischer Frankenstein der Zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Aus Bello wird der Genosse Bellow, mit dem Nachteil der schlechten Manieren: aus Hundeherz wird Menschenherz, was ja bekanntlich nicht immer zum Besten von Rechtsmoral, Kultur und Sitte führen muss.
Klar dass "Hundeherz", wie vieles von Bulgakow, in der Sowjetunion nicht, beziehungsweise erst mit posthumer Verspätung erscheinen durfte - und erst in der Gorbatschow-Ära, im Jahre 1988, verfilmt werden konnte: mit dem unbeschreiblichen Vladimir Tolokonnikov in der verhunztesten Rolle seines Lebens.
Schön aufgemacht, das Paperback illustriert mit Wassily Kandinskys "Roter Fleck II", ist die vorliegende Taschenbuchausgabe des DTV München. Bulgakow, ein Name zum merken. "Hundeherz", ein Büchlein zum lesen.