Als studierte Verhaltensbiologin und privat mit sieben Huskies in Rudelhaltung mit Familienanschluss lebend hat mich das Buch sehr interessiert. Zunächst: Es schärft den Blick dafür, wo und wie Hunde uns nicht zähnefletschend, sondern charmant das Szepter aus der Hand nehmen. Das ist vielleicht sein wichtigster Inhalt. Für Haltung, Training, Erziehung bietet es dem einen oder anderen neue Anregungen. Nicht mit jeder Methode kommt man bei jedem Hund zum Ziel.
In manchen ablehnenden Rezensionen wird behauptet, Nijboer hätte keine Ahnung, könne nicht mal klassische und operante Konditionierung richtig wiedergeben. Seine Auffassung hiervon ist aber wissenschaftlich korrekt, und es wäre schade, wenn solches falsche Urteil jemand vom Kauf des Buches abhalten würde, der sich trotz mancher Mängel durchaus lohnt.
Die Schwäche des Buches liegt eher darin, dass er nicht sehr gut erklären kann, und vielleicht - wegen der erhofften Seminarteilnehmer - auch nicht will. So bleibt man in wesentlichen Punkten ohne Erklärung.
Ein wichtiger Mangel, den er aber mit aller Hundeerziehungsliteratur teilt, ist, dass seine Methode möglicherweise im theoretischen Unterbau fehlerhaft ist und nur "trotzdem" funktioniert. Alle Behauptung über Hundeverhalten leiten sich aus "Wissen" über Wolfsverhalten ab, das vor 10 Jahren für richtig gehalten wurde und heute nicht mehr in dieser Form gültig ist. Aus heutiger Sicht sind also all diese Weisheiten vorschnell. Wie die Rudelhierarchie der Wölfe wirklich funktioniert, können wir noch immer nicht sicher sagen. Vermutlich deshalb, weil sie sehr komplex und der Wolf so flexibel ist. Die letzten Jahre haben uns aber u.a. gezeigt, dass unser Bild vom dominanten Alpha falsch ist. Ich möchte hier die Frage nach dem Verhältnis von Dominanz und Autorität stellen. Rudelführerschaft ist Autorität. Dominanz muss damit nicht zusammenfallen. Ein alpha-Wolf führt nicht von der Spitze, sondern aus dem Zentrum. Er geht auch nicht voran, wie ich anhand von Fotos jederzeit beweisen kann. Wenn der Mensch vor dem Hund durch die Tür geht oder Nijboer den Hund in den Unterordnungsbereich drängt, schneidet er ihm provokant den Weg ab wie ein Hund mit dominantem Charakter. Dieses Verhalten könnte jedoch jedes Rudelmitglied gegenüber einem anderen zeigen, - sogar als Rangniedrigeres, wenn es auf Stunk und Auseinandersetzung aus ist und den Aufstieg versuchen möchte. Deshalb bekommt Nijboer auch gelegentlich Probleme im Training dominanter Hunde, die das nicht widerspruchslos hinnehmen. Mit Rudelführerschaft hat das nichts zu tun. Im Zweierrudel kann solch dominantes Verhalten dem Menschen die Rudelführerschaft verschaffen, wenn der Hund unterordnungsbereit ist. Ist er das nicht, wird ihm mehr abverlangt. Ein dominanter oder selbständiger Hund ordnet sich nur unter, wenn er Autorität anerkennt. Diese Anerkennung schenkt er nicht einem dominanten Diktator, sondern nur einem Wesen mit vielfältiger sozialer Kompetenz. Dazu kann auch Nachgeben, Pflegen, Versorgen, Ausgleichen usw. gehören. Als "Führungsqualitäten" würden wir solche Fähigkeit eines Menschen in einer Firma bezeichnen.
Ich weiß, wovon ich rede. Mit meinen Huskies habe ich sieben liebenswürdige Exemplare dieser eigenwilligen Sorte bei mir.