Wenn man das Buch zum ersten Mal aufschlägt, wundert man sich! Ein Hundebuch ganz ohne Fotos; nur ein paar Illustrationen - das war es. Das ist extrem untypisch für moderne Bücher über des Menschen besten Freund. Ist dort etwa jemand, der etwas zu sagen hat, der ein Anliegen hat, ohne sich in den Einheitsbrei der Hundeerziehungsbücher einzureihen?
Michael Grewe, der Hundetrainer und Leiter des Ausbildungszentrum CANIS, will zusammen mit seine Co-Autorin Inez Meyer die Beziehung von Mensch und Hund beleuchten. Dabei geht er zwar bis auf die Anfänge der Haustierwerdung des Hundes zurück. Aber bleibt zum Glück doch im Hier und Jetzt, da er äußerst kritisch auf die aktuellen Entwicklungen im Hundewesen, sowie in deren Ausbildung, schaut.
Dies macht er überwiegend mit einer leisen Art des Humors! Hier haben wir nicht die Schenkelklopfer eines Martin Rütter. Hier geht es doch ein wenig subtiler zu. Man erkennt sich und seinen Hund wieder...schmunzelt...und bekommt dann doch ganz nett gesagt, dass das nicht richtig ist, wie man mit seinem Hund umgeht!
Sehr schnell wird klar, dass Grewe ein Problem hat, mit der inflationären Nutzung der positiven Verstärkung und der Tendenz zur völligen antiautoritären Erziehung von Hunden. Ich kann ihn da, in vielen Fällen nur beipflichten und erkenne ähnlich Gedankengänge, die bei mir auch vorhanden sind. Seine Argumentation hat Hand und Fuß! Sie ist nachvollziehbar und so ist seine Kritik durchaus berechtigt.
Hier werden natürlich einige heilige Kühe in der modernen Hundeerziehung geschlachtet und es werden nicht wenige Trainer mit den Thesen in diesem Buch nicht einverstanden sein. So sehr einige Gedankengänge durchaus berechtigt sind, musste auch ich die eine oder andere härte Nuss knacken, wo auch ich einen Spiegel vorgehalten bekam und wo Herr Grewe mir zeigte, dass ich vollkommen falsch liege!
Natürlich hinterfrage ich mich und meine Trainingsmethoden durchaus und bin bereit meine Ansichten zu ändern. Aber es wird sicherlich eine ganze Menge Trainer und Verhaltensberater geben, die nicht zur Selbstreflexion bereit sind! Diese werden natürlich gegen Michael Grewe wettern oder das Buch gar nicht erst lesen. Dabei unterhält es doch ungemein.
Doch leider hat es doch einen Knackpunkt. Die Autoren kritisieren sehr viele Erkenntnisse aus der modernen Lerntheorie oder besser gesagt, nicht die Erkenntnisse, sondern ihre Anwendung auf Hunde und ihre Menschen. Und ich gebe ihnen auch völlig Recht, dass man ein klares "Nein" nicht über positive Verstärkung dem Hund klar machen kann. Doch wie genau sie selbst dieses "Nein" umsetzen wollen, wird viel zu oft nur am Rande erklärt. Klar sehe ich die Parallelen zwischen Hunde - und Kindererziehung und vernünftige Grenzen muss man in beiden Fällen setzen. Aber wie setze ich sie nun beim Hund um?
Genau diese Antwort wird meiner Meinung nach nicht umfassend beantwortet und die Trainingshilfen werden nur am Rande erklärt. Gut, es ist keine wirkliches Erziehungsbuch! Aber wenn man als Autor und Hundetrainer Kritik übt an der aktuellen Situation in der Hundeerziehung, sollte man eine klare Linie fahren und wenigstens eine vernünftig erklärte Alternative anbieten. Die kommt meiner Ansicht nach zu kurz.
Grundsätzlich gebe ich den Autoren aber in vielen Fällen in ihrer Kritik recht. Da ich aber auch als Hundeprofi das nötige Fachwissen besitze, kenne ich alle angesprochenen und kritisierten Trainingsmethoden. Da ich gerne meinen eigenen Horizont erweitere, kann ich Alternativen für mein Training erarbeiten und mit meinen Kunden umsetze.
Doch eigentlich bin nicht ich als Trainer die Zielgruppe des Buches, sondern der Hundehalter! Genau diesem normalen Hundehalter wird nun erklärt, dass das, was er so in der Hundeschule erklärt bekommen hat, nicht immer ganz optimal für seinen Hund ist bzw. dass die Beziehung zu seinem Hund vielleicht im Argen liegt. Einen Weg aus der Misere wird aber nur rudimentär geboten. Diese fehlenden Lösungsansätze werden ihn aber noch stärker verunsichern!
Grundsätzlich ist so ein Vorgehen in meinen Augen nicht vertretbar. Wenn ich einen Ausbildungsweg kritisiere, muss ich eine Alternative präsentieren können. Es sei denn, ich will den Leser so stark mit meinem Buch verunsichern, dass er direkt den Erziehungskurs zum Buch bucht, der mir dann richtig Kohle bringt! Ich will den Autoren hier nichts unterstellen, aber einen lösungsorientierten Ansatz bringen sie in ihrem Buch nicht!
Ich kann dieses Buch aber trotzdem empfehlen! Und zwar an Menschen, die einen kritischen Blick hinter die moderne Hundeerziehung werfen wollen. Die gleichzeitig über genug Sachverstand und Selbstreflexion verfügen, um dieses Buch mit seinem hintergründigem Humor zu genießen und sich auch nicht scheuen, mal den Spiegel vorgesetzt zu bekommen und dementsprechend Kritik einstecken können. Denen wird dieses Buch eine ganze Menge bringen!
Allen anderen rate ich eher davon ab. Sie werden nicht glücklich mit dem Buch und werden die Autoren am Ende nur verdammen! Denn die Autoren haben eigentlich einen ganz guten Job mit ihrer Kritik gemacht. Nur die Alternativen werden eben nicht genug und umfassend aufgezeigt. So bleibt am Ende doch eher ein recht gemischter Eindruck.