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Salim Bachi hat eine weitere literarische Odyssee geschrieben
Der 29.Juni 1996 dürfte als der algerische Bloomsday in die Literaturgeschichte eingehen. An diesem Tag zieht der algerische Ulysses oder vielmehr seine höchst zynische Variante, «Der Hund des Odysseus», durch die Strassen Kirthas, einer abenteuerlichen Kreuzung der Städte Constantine und Annaba. Wir befinden uns mitten im algerischen Bürgerkrieg zwischen den Islamisten und der algerischen Polizei und Armee. Der 29.Juni 1996 ist ein Gedenktag, nämlich der vierte Jahrestag der Ermordung des Präsidenten Mohammed Boudiaf in Annaba. Boudiaf war erst kurz zuvor aus dem marokkanischen Exil zurückgekehrt und galt vielen Algeriern als letzte Hoffnung, als der Einzige, der das Land noch vor dem Bürgerkrieg bewahren könnte. Doch dann kam der 29.Juni 1992. «Am nächsten Tag begrüssten sich die islamistischen Studenten in der Universität mit Schlägen auf den Rücken und sahen uns spöttisch an. Seitdem bin ich wütend, unbändig wütend auf die ganze Welt. Sollen sie doch untergehen, dieses Land, diese Stadt, wie ein hohler Traum! Sollen sie doch zusammenbrechen und ihre Einwohner unter einer dicken Lavaschicht begraben.» Dass die Wut diesen Roman gezeugt hat, daran zweifelt man keine Sekunde. Salim Bachi hat Kirtha und seine Menschen unter einer Lavaschicht aus Worten begraben. Wer über das richtige literarische Rüstzeug verfügt, wird sie wie die Häuser und Menschen in Pompei unversehrt aus ihrer Versiegelung bergen und tief in das Lebensgefühl der neunziger Jahre in Algerien eindringen können. Wer nicht, der sei vor diesem Buch gewarnt. Er wird sich in seinem Labyrinth verlaufen und am Ende noch vom Hund gebissen werden. Sprachgestalt für Algeriens Chaos James Joyces «Ulysses», mehr noch als Homers «Odyssee», bildet die Folie, vor der auch das Geschehen des 29.Juni 1996 sich abspielt. Man könnte die überbordende Intertextualität leicht für prätentiös halten und ihr Resultat für ein trockenes Kunstprodukt, zumal da es sich um einen literarischen Erstling handelt. Aber seltsam genug, das Experiment gelingt! Allein die Irrfahrten des Odysseus und die von Joyce daran erprobte erzählerische Innovation sind in der Lage, dem algerischen Chaos das literarische Rückgrat zu verleihen, das es braucht, um überhaupt dargestellt werden zu können. Selbst mit einem solchen Rückgrat ist die Geschichte unübersichtlich genug. Murad und Hussein heissen die Helden dieser neuen Odyssee. Hussein ist der Ich-Erzähler, meistens jedenfalls, Murad, das empfindsame Einzelkind, ist sein Alter Ego und will wie könnte es anders sein? Schriftsteller werden. Sie sind Studenten an der Universität von Kirtha, beide geplagt von unerfüllbaren sexuellen Phantasien, beide ohne realistische Perspektiven in diesem Land. Gemeinsam besuchen sie an diesem Tag ihre eine Generation älteren Freunde Ali Chan und Hamid Kaim, die sich in ihrer Studentenzeit bei den Sozialisten engagiert hatten, dann vor der Geheimpolizei flohen und ihre eigene Odyssee durchlebt haben. Als wären sie dem berühmten Rat des Propheten Mohammed gefolgt, der da lautet «Suche das Wissen, und sei es in China», hatten sie sich bis nach Schanghai eingeschifft und das Wissen in Form von Opiumhöhlen und chinesischen Huren aufgesucht. In zynischer Umkehrung werden Literatur, Geschichte, Mythos und Religion in diesem eruptiven Werk permanent auf und ab dekliniert. Stets die Hälfte des Romanpersonals befindet sich im Haschischrausch, was die Phantasie nicht gerade dämpft, und wenn es am Ende heisst: «Ich hatte alles erfunden. Erlogen, vom ersten bis zum letzten Wort. Vom Anfang bis zum Ende der Zeiten», verwundert dies ebenso wenig, wie es stört, denn diese Phantasie hat ihre eigene Wahrheit. Gleichverteilung der Schuld Je brutaler diese Phantasie ist, desto näher kommt sie der algerischen Realität. Einige Bekannte von Murad und Hussein haben sich von der Polizei anheuern lassen, um wie Husseins Vater allnächtlich auf Kommandoaktionen gegen die Islamisten auszuziehen. Die Islamisten sind die schlechthin anderen, der Feind, den man nur von aussen kennen lernt. Die Innensicht zeigt uns nur diejenigen, die gegen sie kämpfen, die Polizisten und Milizionäre. Aber das genügt, um auch dem verstocktesten Leser klar zu machen, dass die Schuld gleich verteilt ist: Folter (ausführlich beschrieben), Willkür, Korruption und Hinrichtungen nach Gusto sind die Methoden der Islamistenjäger: «Wenn ich recht verstehe, möchten sie mit den Mördern Ihres Kollegen Machmud einen Spaziergang machen», sagt der Polizeioberst, der nicht umsonst «Maut» heisst (arabisch für «Tod», was, wie auch alle anderen sprechenden Namen, leider nicht vermerkt ist), zu seinem Kollegen. Der heisst «Saif» («Schwert»), verwendet bei der anschliessenden Exekution auf freiem Feld dann allerdings die Pistole. Am Ende wirkt der Staatsapparat ebenso gefährlich wie die Islamisten, die er bekämpft. Das Bild, das so entsteht, dürfte der Wahrheit recht nahe kommen. Die immer wieder aufblitzenden Splitter von Realität werden durch Sprache, Sprache, Sprache wie durch Kitt zusammengehalten. Die Metaphern oszillieren zwischen Poesie und Wahn. Bisweilen ist der Text dicht bis zur Unerträglichkeit: «Unter der vom Leinen und von der Wolle gedämpften Sonne brechen die Terrassen zusammen, deren trübrote Fliesen zerbrochen wurden von Generationen zänkischer Weiber (...), Hecks ohne Hoffnung, geentert zu werden, es sei denn durch die Nebel ihrer feuchten Träume, Galeeren-Männer, die sich, die Hände in den Taschen, ohne Jacke und ohne Ideal seitlich durch die gepflasterten Gassen von Kirtha stehlen», usw. Wäre das Buch auf Arabisch geschrieben, es hätte Jahrzehnte gebraucht, bis jemand es hätte übersetzen wollen; aber Salim Bachi schreibt Französisch, das nicht nur die stilistischen Eskapaden besser verträgt, sondern auch in exzellentes Deutsch gebracht werden kann, jedenfalls wenn man einen Meister wie Michael von Killisch-Horn mit der Übersetzung betraut. Mit seinem ersten Roman hat der 1971 geborene Salim Bachi viel gewagt und viel gewonnen. Wenn uns nicht alles täuscht, hat die an grossen Schriftstellern nicht gerade arme algerische Literatur wieder einmal einen neuen, viel versprechenden Namen vorzuweisen.
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