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Paul Nizons «Beichte am Mittag»
Nizons Figur des «Marschierers» ist ein Denker geworden. Kein «Wegglück» mehr, kein Weglaufen, das dieser immer als Hineinlaufen empfand. Hineinlaufen ins Leben. In Nizons «Beichte am Mittag» ist es stiller als beim heiligen Augustin. Die Sätze sind schön geworden und der Text leicht. Es sind die Gedanken, die jetzt laufen und keine Beine mehr, die ihnen in die Quere kommen. Zur Ruhe gekommen aber ist nichts. Der Denker zwingt sich zum Denken. «Ich will an den Hund denken, das ist alles.» Immer hatte er Hunde in seinem Leben. Sie sind der rote Faden, an dem er geht, an dem er gezogen wird. Dem letzten ist er davongelaufen, hat ihn warten lassen auf seinen Herrn, der nicht mehr zurückgekehrt ist vor langen Jahren, am Beginn seiner Vagantenkarriere.
Nun ist dieser Hund sein Gedankenhund, sein Schuldenhund. Denkend will er ihm davonlaufen darauf läuft es jetzt hinaus, aber aus diesem Gefängnis kommt er nicht hinaus. Wer gegen seine eigene Geschichte schreibt, muss sie immer wieder erzählen. Deshalb ist alles wieder da in dieser Beichte, der ganze Nizon mit seiner Jugend, mit seinen Weibern, mit seinen Ängsten und verzweifelten Hoffnungen. Nizons Werk ist das, was am Werken ist, nicht das, was er bewältigt hat.
Nichts geschieht in diesem Buch. Einer steht an einer Ecke, Paris, Rue Saint-Hyacinthe, Rue de la Sourdière. Früher hat der Hund gewartet nun wartet er. Er ist der Hund seines Hundes. Auch er wartet vergeblich. Die paar Schritte zwischendurch sind Spiel, Ablenkung, Zitat einer lebenslangen Flucht vielleicht. Es könnte ebensogut eine andere Ecke sein, er hat hier nichts verloren. Was er verloren hat, hat er nicht hier verloren. Vielleicht steht er deshalb hier: um sich vor dem Finden zu schützen. Er ist einer, der verlieren will. Er sagt nicht: nur der Hund ist mir geblieben. Er fragt: Warum ist mir der Hund geblieben?
So sind ihm die Frage und das Denken geblieben, der grandiose Monolog der Einsamkeit, ein Cogito, ergo sum. Er steht herum, aber in sich drin geht er allem nach, was er verlieren will. Es sind die Erinnerungen an das, was er schon verloren hat, Geschichten also. Sie sind sein einziges. Und das will er nicht. Unglücklich ist er nicht, denn er will auch nicht, was er nicht hat. Er will arm sein. Nizons Denker ist kein Herumsteher aus sozialer Not, sondern aus Arroganz. Nicht Hans im Schnäggeloch, sondern Diogenes im Fass. Diogenes der Kyniker, der Hund.
Er spielt die Freiheit, in der er «bis zum Halse steckt». Noch ist er nicht, was er ist. Wer bin ich? lautet seine Frage immer noch, die beantwortet werden muss, damit sie nicht ein anderer beantworte. Der da drüben herumsteht zum Beispiel, ein Schriftsteller vielleicht? Schriftsteller sind gefährlich. Er muss ihn zur Rede stellen. Ist er hinter ihm her, will er ihm eine Geschichte verpassen, will er ihn «erkennen»? Wer eine Geschichte hat, ist seinem Ende nahe, das weiss niemand so genau wie einer, dem unentwegt das Leben wie ein Film vor dem inneren Auge abläuft. «Erkennen» heisst in der Sprache des Alten Testamentes «lieben», auch das weiss er. Und er erkennt: dass er vor der Liebe immer davongelaufen ist, weil er nicht erkannt werden wollte.
Hinreissend der Schluss von Nizons Text. Nein, der andere hat nicht im Sinn, über ihn zu schreiben. Er habe ihn bloss beneidet um seine Freiheit, die ihm als Schriftsteller nie gelinge. Gemeinsam sitzen die beiden in der Bar, endlich ein Dialog, ein Augenblick der Nähe. Dann blickt Nizon in den Spiegel hinter der Theke: der eine ist verwittert, der andere ein «Künstler» mit unter dem Hut hervorquellender Mähne. «Waren wir das, oder bildete ich mir alles nur ein?»
Der Spiegel birst, der Herumsteher erwacht, beginnt sich zu bewegen, beginnt wieder zu laufen. «Ich brach auf, einen Moment lang war mir, ich sollte nach Hause. Nach Hause, Fritz?» Wo ist sein Haus? Plötzlich riecht er Gerüche seiner Kindheit. Dann aber wieder Sirenengeheul, Paris, Ecke Rue Saint-Hyacinthe, Rue de la Sourdière. Für die Zeit eines Wimpernschlages nur liegt ihm beides gleich weit und gleich nah, sein Anfang und sein Ende, sein Morgen und sein Abend. Noch hat er nicht erreicht, was ihn erreichen wird. Es ist Mittag. Seine Beichte erhält keine Absolution, von niemandem. «Lauf, Hund!» ist das letzte Wort des Herumstehers. Hund du, Hund ich, wer weiss. Nizons Hund hat ja keinen Namen.
Samuel Moser
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