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Helen Donath singt die Gretel. Sie gestaltet die Rolle des kleinen und mutigen Mädchens wunderbar. Ihre Stimme ist leicht in der Höhe und klingt jugendlich. Auch die Dramatik kommt nicht zu kurz. Besonders schön gelungen ist der Abendsegen und auch der Anfang der Oper, wo viele der bekanntesten Kinderlieder ihren Ursprung finden, ist sehr schön und kindgerecht gelungen. Donath klingt nicht nach großer Diva, sondern nach einem kleinen Mädchen, welches ihr eigenes Leben riskiert, um das ihres Bruders zu retten. Wirklich eine ganz tolle Besetzung für diese Rolle und ich persönlich finde, dass selbst Elisabeth Schwarzkopf hier nicht mithalten kann.
Anna Moffo, die große Koloratursopranistin, singt hier die Partie des Hänsel. Ich hätte ihr die Rolle anfangs gar nicht zugetraut, denn wenn man ihre Aufnahmen von "La Traviata" oder "Lucia di Lammermoor" kennt, kann man sich nicht vorstellen, dass die selbe Stimme in der Lage ist eine Mezzorolle glaubhaft und vor allem stimmlich überzeugend zu gestalten. Die Stimme klingt in der Tiefe sicher und kräftig und die Mittellage klingt zeitweise betörend schön. Auch als Darstellerin überzeugt sie mich völlig. Ihre Stimme hat, ähnlich wie bei Helen Donath, auch nach zahlreichen Karrierejahren etwas jugendliches behalten und besonders wenn Moffo singt "Ich bin der stolze Hans" dann glaubt man ihr das einfach.
Der Vater wird vom wunderbaren Dietrich Fischer Dieskau gesungen. Er ist sowohl als Sänger als auch als Darsteller völlig überzeugend. Besonders wenn er seiner Frau erzählt, dass im Wald die böse Knusperhexe wohnt. Er ist ein ganz großer Sänger und für mich gibt es keinen anderen Interpreten dieser Rolle! Charlotte Berthold ist eine sehr laute und vor allem keifende Mutter. Auch ihr nimmt man die Wut über die Ungehorsamkeit ihrer Sprösslinge vollkommen ab. Christa Ludwig ist als Hexe großartig und auch wirklich furchteinflößend. Wenn sie ihren Hexenritt singt, können einem schon mal die Haare zu Berge stehen. Sie ist eine wirklich brilliante Darstellerin dieser Rolle, denn sie ist wirklich eine furchteinflößende und abgrundtiefböse Knusperhexe. Sandmännchen und Taumännchen werden von Lucia Popp und Arleen Auger gesungen. Beide machen ihre Sache sehr gut.
Das Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Kurt Eichhorn ist sehr gut. Alles ist stimmig und besonders die Ouvertüre entführt den Hörer sofort ins Märchenland und macht Lust auf mehr! Auch der Tölzer-Knabenchor ist hervorragend. Machen sie sich, oder ihren Kindern eine Freude und bestellen sie diese wunderbare Einspielung der herrlichen Märchenoper. Einzig und Allein die Technik ist ein wenig übertreiben, denn das richtige Maß an Hall wurde nicht gefunden. Aber auch das ist wieder Geschmackssache.
Komischerweise aber gibt es gerade von dieser häufig etwas unterschätzten Oper so viele hervorragende Einspielungen wie von kaum einer anderen: Karajan (mit Schwarzkopf, Grümmer, Ilosvay, Metternich), Solti (Popp, Faßbaender, Schlemm, Berry), Tate (Bonney, von Otter, Lipovsek, Bär), Davis (Murray, Gruberova, Grundheber, Ludwig), um nur einige zu nennen.
Und so muss man feststellen, dass diese Aufnahme zwei Schönheitsfehler hat: Zum einen und vor allem die Tontechnik von 1971: Der Klang erinnert mehr an eine Pop-CD als an eine Opern-Aufnahme, so viel Hall stört hier ein sauberes Klangbild. Zudem hat die Regie gerade in den Szenen der Hexe auch noch Soundeffekte eingebaut, die in einer ernsthaften Opern-Produktion wirklich gar nichts zu suchen haben.
Dazu ist Anna Moffo als Hänsel eine Fehlbesetzung: Ihr fehlt zum einen das nötige Mezzo-Fundament, außerdem kämpft sie sehr mit der Sprache. Vor allem aber klingt sie nach Primadonna, nicht nach kleinem Jungen.
Und das ist schade, weil die übrigen Solisten hervorragend sind:
Allen voran Christa Ludwig ist eine überragende Hexe - keine platte Xantippe, sondern eine gefährliche, verführerisch böse Erscheinung.
Helen Donath ist eine entzückend jugendliche und ungekünstelte Gretel, Dietrich Fischer-Dieskau ein erfrischend natürlicher Besenbinder, Lucia Popp und Arleen Auger eine traumhafte Besetzung für Tau- und Sandmännchen. Charlotte Berthold kommt an die überragende Maria von Ilosvay nicht ganz heran, ist aber rollendeckend.
Das Münchner Rundfunkorchester unter Kurt Eichhorn spielt sauber und unauffällig, wenn es auch weder den Klangzauber der Wiener Philharmoniker unter Solti entwickelt noch das schroffe Temperament des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Tate.
Alles in allem also eine gute Aufnahme, mit einem anderen Hänsel, vor allem aber einer besseren Klangregie hätte sie sehr gut sein können.
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