»Komisch, lebendig, ironisch, spöttisch und klug, ein absolut wunderbarer Roman.« San Francisco Examiner Wie vergänglich der Ruhm in einer sensationslüsternen und geldorientierten Welt ist, erfahren die Schriftsteller Von Humboldt Fleisher und Charlie Citrine auf tragikomische Weise. In seinem vielschichtigen Roman erzählt Saul Bellow von ihrem Leben und Schreiben, von Liebe und Leid. »›Humboldts Vermächtnis‹ ist die frechste von Bellows Komödien. Hinter der amüsanten Komödie des ›schwachsinnigen Infernos‹, wie Bellow es nennt, verbirgt sich im Buch der dramatische Kampf zwischen weltlicher Begierde und Angst vor dem Tod.« Philip Roth
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"Komisch, lebendig, ironisch, spöttisch und klug, ein absolut wunderbarer Roman." (San Francisco Examiner)
Über den Autor
Saul Bellow, geboren 1915 in Lachine/Quebec, gestorben im Alter von 89 Jahren am 5. April 2005 in Brookline, Massachusetts. Er wuchs in Chicago auf, wo er Soziologie und Anthropologie studierte. Er lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Saul Bellow erhielt für sein umfangreiches literarisches Werk zahlreiche Auszeichnungen, 1976 den Nobelpreis für Literatur.
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Saul Bellows Roman Humboldts Vermächtnis" (nun in einer neuen Übersetzung bei KiWi erschienen) ist ein großartiger Roman. Ein Roman, dessen Protagonist Charles Citrine den Leser an seiner Geschichte, seiner Freundschaft und darauf folgender Hassliebe mit dem Autor Von Humboldt Fleisher teilhaben lässt. Zuerst Freunde, dann bittere Feinde.
Charles Citrine erzählt auch von seinen Frauen, seinen Erfolgen und Misserfolgen. Einerseits geht es in diesem Buch um die Geschichte zwischen Humboldt und Citrine, die eine dann doch eher überraschende Wendung nimmt.
Andererseits geht es in diesem Buch um die Frage nach der Vergänglichkeit und der Wichtigkeit des Ruhms.
Humboldts Vermächtnis" ist eine Komödie, oder wie Saul Bellow einst in einem Interview zu diesem Buch meinte, ein schwachsinniges Inferno".
Neben Charles Citrine und Humboldt Fleisher gibt es noch eine kuriose Gruppe von Protagonisten; da gibt es den aufbrausenden und mafiosen Bösewicht, die schmierigen Rechtsanwälte, eine geldgierige Exfrau, die in einem Flugzeugabsturz gestorbene Exfreundin Demmie Vonghel, dämliche Polizisten, kuriose Gestalten in der Sauna, Inhaber von Bestattungsfirmen, die absolute Kontrahenten um die Gunst der schönen, erotischen, wenn auch etwas vulgären Renata sind und einen Freund aus Los Angeles, der zwar kein Geld hat, das Geld von Charles Citrine jedoch gut in ein literarisches Großprojekt steckt. Charles Citrine, möglicherweise mehr Alter Ego als man vermeint, ist ein Künstler, der von geschäftlichen Dingen keine Ahnung hat, der Berater um sich hat, die scheinbar keinen blassen Schimmer haben.... Ein Künstler, der immer noch von einem Erfolg in jungen Jahren zehrt.
Als Charles Citrine nach Humboldts Tod von einem Vermächtnis erfährt, beginnt für Citrine die größte Reise seines Lebens, eine Reise in sein Innerstes. Mehr möchte ich zum Plot eigentlich nicht verraten.
Humboldts Vermächtnis" ist ein wirklich großartiger Roman, in bester jüdischer Erzähltradition stehend, bissig, witzig, herrlich komisch (man beobachte die Namensgebung, speziell der italienischen Namen), voll von subtiler Erotik (man lese die Beschreibung von Renatas Busen, nur wenige Worte, aber welche), weise und in erster Linie, eine überzeugend erzählte Geschichte.
Saul Bellow war Vorbild und Vaterfigur einer ganzen Reihe von amerikanisch-jüdischen Schriftstellern, man merkt seinen Einfluss bei Philip Roth, Jonathan Safran Foer und vielen anderen. So deutlich, wie in Humboldts Vermächtnis", habe ich aber die literarische Herkunft Philip Roths noch nie erlebt.
Im Mittelpunkt des vorliegenden Buches stehen der barocke und überdrehte Schriftsteller Humboldt Fleischer und sein woodyallenhafter Kollege Charly Citrine. Der Erste ist ein zunächst erfolgreicher Lyriker, der zweite sein Jünger, der ihn später zu Humboldts Verdruss an Ruhm und Ausstrahlung weit übertrifft. Schnell wird klar: Citrine hat zwar all das geschafft, was Humboldt anstrebte, besitzt aber nicht dessen Genussnatur und irrt wie Falschgeld über die sozialen Bühnen Chicagos: er kommuniziert mit Gangstern, Dichtern, prominenten Politkern, Hochstaplern, Versagern und vielen anderen mehr, die nur ein Ziel verfolgen: ihm finanziell und sozial das Fell über die Ohren zu ziehen. Denn Charly Citrine, aus dessen Perspektive das Buch erzählt wird, befindet sich schon jenseits des Erfolges und leidet an der Aufdringlichkeit der Realität, vor der er sich mitten im größten Trubel in reflexive geistesgeschichtliche Meditationen flüchtet. Wie in allen Romanen Bellows sind es auch wieder die Frauen, die den Protagonisten in besonderer Weise beschäftigen. Die Geschichten von der alltagstauglichen Naomi Lutz, der engelhaften Demmie Voughel, der rasant bösen Denise und der sündhaft schönen Renate illustrieren in immer neuen Wendungen die Saga vom gutmütigen und unbedarften Geistwesen Mann in seiner Konfrontation mit der Frau, dem unbekannten Wesen. Wer sich dafür interessiert, ist bei dem vorliegenden Werk bestens aufgehoben - auch wenn Bellows Interesse am schönen Geschlecht heute fast politisch unkorrekt anmutet: "Ich konnte wirklich mit Renata nicht verlieren," heißt es an einer Stelle des Buches. "Die Leute sahen ihr nach, wenn sie vorüber ging.... Ich ging hinter ihr und bewunderte die Bewegung ihrer Hüften. Ich hätte vielleicht nur ungern gewusst, was sich hinter ihrer Stirn abspielte, und ihre Träume hätten mich vielleicht schockiert, aber ihr Geruch allein war ein großer Trost für die Nacht."
Wie schon in "Der Dezember des Dekans" und "Herzog" erweist sich Bellow auch in dem vorliegenden Werk als ein Meister der spiralenförmigen Erzählung. Sachverhalte, die am Anfang kurz erwähnt werden, erfahren später eine erzählerische Vertiefung, ehe sie noch später eine Zeit lang in den Romanmittelpunkt treten. Randfiguren, zunächst nur beiläufig skizziert, treten plötzlich hervor und werden zentrale Handlungsträger, ehe sie wieder verschwinden. So eröffnet sich, je weiter die Lektüre vordringt, das Leben von Humboldt Fleischer und Charly Citrine als eine immer genauer seziertes Modell des ästhetisch-musealen und des realen Amerikas, wobei zwischen diesen beiden Bereichen ein unversöhnlicher Gegensatz klafft. So wie Humboldt als gescheiterter Poet elend zugrunde geht, so sind in Amerika schon viele Dichter gescheitert, doch: "Das Land ist stolz auf seine großen Dichter. Es spürt eine ungeheuere Genugtuung, wenn die Dichter bezeugen, dass das Land zu hart, zu groß, zu viel, zu rau, dass Amerikas Wirklichkeit überwältigend ist. Und ein Dichter zu sein, ist eine Angelegenheit der Schulen, der Weiberröcke, der Kirchen. Die Schwäche der geistigen Kräfte wird durch die Kindlichkeit, Tollheit, Trunkenheit und Verzweiflung dieser Märtyrer bewiesen."
Soweit das anspruchsvolle formale Strickmuster des Buches, das mit seinen oft seitenlangen essayistischen Reflexionen von dem Leser beträchtliche Anstrengung erfordern würde,wenn - ja wenn nicht Saul Bellow ein begnadeter Erzähler wäre, der den Leser auf jeder Zeit- und Wirklichkeitsebene mit seiner Fabulierkunst glänzend unterhält. Bellow mobilisiert eine Imaginationskraft, die auf jeder Seite Belehrendes, Witziges, Moralisches und Komisches in solcher Dichte präsentiert, wie ich es bei keinem anderen Schriftsteller gefunden habe. Das Buch ist voller brillant skizzierter Charaktere und Miniaturen, die bei einer Rezension bei Weitem nicht hervor gehoben werden können. Mir hat in besonderer Weise die Paraphrase von Gangstertum und Kunst gefallen, die in der Gestalt des Gauners Rinaldo Cantabile das Buch durchzieht (Woddy Allens "Bulletts over Broadway" lassen grüßen).
Mein Tip zur Lektüre: Dieser Roman enthält so viel an literaririschen Köstlichkeiten, Reflexionen, Humor und Weisheit, dass er wie ein guter Wein langsam genossen werden will. Vierzig, fünfzig Seiten sind meiner Ansicht nach das Maximale, was ein Leser, der dem Buch gerecht werden will, pro Lesesitzung überhaupt erfassen kann. So habe ich es gehalten und dabei eine der anregendsten Leseerfahrungen geschenkt bekommen, an die ich mich überhaupt erinnern kann.Lesen Sie weiter... ›
Von Humboldt Fleisher (er geht auf Delmore Schwartz, einen Freund Saul Bellows zurück) verkörpert den Typ des bedeutenden Schriftstellers, der in der oberflächlichen, rauen und schnelllebigen Konsumgesellschaft der 60er Jahre (Chicago und New York) den Anspruch auf geistige Führung und eine zentrale Rolle im öffentlichen Leben vergeblich aufrecht zu erhalten versucht. Er kann nicht damit fertig werden, dass Charlie Citrine, sein einziger Freund und der Erzähler des Buches, ebenfalls Schriftsteller und Kulturkritiker, mit einem Stück einmal einen großen Erfolg auf dem Broadway hatte, was ihm Wohlstand und öffentliches Ansehen eingetragen hat. Die beiden entfremden sich, Humboldt lebt ein selbstzerstörerisches, exzessives Leben, stirbt vorzeitig, während Citrine, jetzt knapp 60, sein weiteres Leben in Chicago schildert: seine Gespräche mit Freunden, mit seinem Bruder, seine Beziehung zu seiner schönen, aber strapaziösen Freundin Renata, die ihn gerne heiraten möchte. Citrine gerät in die Klauen eines kleinen Gangsters, er verwickelt sich in einen Scheidungsprozess mit seiner letzten Frau, der ihn fast sein ganzes Vermögen kostet, und findet sich schließlich ab- und ausgebrannt in einer billigen Pension in Madrid alleine wieder. Hier rettet ihn "Humboldts Vermächtnis" vor Armut und Vergessenwerden…
Indem der Erzähler seine Lebensweise der seines Freundes gegenüberstellt, versucht er sich selbst über sein Leben und seine schriftstellerische und intellektuelle Existenz klar zu werden. Dies geschieht aber eher beiläufig und spontan.... Im Wesentlichen schildert Citrine sein ereignisreiches Leben in einem rasanten, urbanen, auch witzigen Stil, scheinbar planlos, wobei die realistische Ereignisfülle ständig durchsetzt ist von Abschweifungen und philosophisch-anthroposophisch-kulturkritischen Reflexionen. Er spiegelt sich unablässig in den vielen Menschen, mit denen er zu tun hat, sie kritisieren oder charakterisieren ihn ständig, so dass der Schreiber (und Leser) allmählich Klarheit über seine Person gewinnen. Gleichzeitig ist die Methode Programm: Ungleich von Humboldt Fleisher stürzt Citrine sich ins Leben, er will es nicht verurteilen, begreift sich vielmehr als "superior emptiness" (323), will die Welt durch sich hindurchschleusen mit dem Ziel "to cancel the world's distraction, activity, noise, and become fit to hear the essence of things." (312).
Dabei hat Citrine alles andere als Kontrolle über sein Leben. Er ist gewissermaßen wider Willen oder per Zufall erfolgreich. Wie ein reiner Tor stolpert er durchs Leben bzw. wird er durch das Leben gewalkt und geläutert. Am Ende findet er sich in Verhältnissen wieder, wo er ungehinderter und abgeklärter das betreiben kann, was er immer schon tat oder tun wollte, nämlich Zwiesprache mit den Toten halten, sich loyal und menschlich verhalten und sich seinen Reflexionen und Meditationen hinzugeben. Diese Meditationen, z.B. über die Langeweile oder auch in etwas esoterischer Weise über die Anthroposophie des Rudolf Steiner wollen mir als besonders zeittypisch erscheinen. Ich denke, sie tragen nicht unbedingt zur literarischen Qualität dieses zwar etwas chaotisch anmutenden, aber nichtsdestoweniger anspruchsvollen und unterhaltsamen Buches bei, obwohl sie indirekt auch etwas über Charlie Citrine aussagen. Aber gerade damit erweist sich Bellow als Zeitgenosse einer intellektuell aufgekratzten Epoche, in der es darum ging, alte humanistische Positionen von der geistig-moralischen Führerrolle der Schriftsteller und Intellektuellen aufzugeben und neue Formen der Weltdarstellung und -bewältigung zu finden. (Zitate nach der Penguin-Ausgabe "Humboldt's Gift")Lesen Sie weiter... ›