Bei dem Buch "Humanismus als reale Utopie" handelt es sich um eine Zusammenstellung unterschiedlichster Texte des Psychoanalytikers und Humanisten Erich Fromms. Diese Textstellen, aus denen das Buch besteht, wurden von Rainer Funk (Fromms Nachlassverwalter und Leiter der Erich Fromm Gesellschaft) ausgesucht und kommentiert. Die Auswahl wurde dabei so getroffen, dass dem Leser eine Vorstellung von Fromms Humanismus und eine Einführung in sein Denken geliefert wird; daher finden sich hierin auch bekannte Ausführungen zum "Haben und Sein" oder etwa seiner (humanistischen) Interpretation von Karl Marx. Besonders gut gefällt mir dabei, dass die Texte aus ganz unterschiedlichen Zeiten und litterarischen Gattungen stammen, ein Beispiel: So finden sich einerseits Stellen aus seinem Buch "Haben und Sein" (1974), andererseits auch Briefe (etwa an den Papst) oder Reden, wie etwa eine Wahlkampfrede für Eugen Mc. Carthy (der Demokrat, nicht der Antikommunist) aus den 60er Jahren. Der Vorteil dieser Verfahrensweise besteht für den Leser darin, dass auch eine Entwicklung im Denken Fromms erkennbar wird. Dabei wird man zugleich aber auch nicht mit der Textstelle alleingelassen, sondern man erhält vorher immer kleine, erläuternde Einleitungen(ca. 1/4 bis 1 1/4 Seiten), so dass nachvollziehbar wird, warum Fromm beispielsweise einen Brief an den Vatikan schreibt etc. Ein weiterer Vorteil dieser Methode besteht für den Leser auch darin, dass er das Buch nicht unbedingt von vorne bis hinten lesen muss, sondern er einfach an der für ihn interessantesten Stelle beginnt.
Eine wichtige Frage bei der Beschäftigung mit einem Denker alá Fromm stellt natürlich die der Aktualität dar. Hier fällt zuerst auf, wie stark die Zeit des kalten Krieges und das atomare Wettrüsten auf Fromm gewirkt haben. Der Gedanke der Auslöschung des Menschen durch sich selbst ist für ihn und sein Denken ein wichtiges Axiom (der erste Gliederungspunkt trägt den Namen "Humanismus als Überlebenschance"). Nun ist der kalte Krieg bekanntlich vorbei und damit eine mögliche Art der Vernichtung der Menschheit deutlich unwahrscheinlicher geworden, doch - ich spreche hier als jemand, der beim Zusammenbruch der UDSSR 8 Jahre alt war -, kennen auch wir heute neue Szenarien einer von Menschen verursachten Zerstörung der Welt, wie etwa dem Klimawandel (hier möchte ich nicht weiter abdrifften, wobei es viel zu sagen gäbe). Andere Punkte lassen sich fast eins zu eins auf die heutige Zeit übertragen und erscheinen aktueller denn je(wie etwa dem Verlust des Menschseins durch Technisierung und sog. "Götzen"). So ist m.E. ausreichend Aktualität der Themen geboten.
Zur Ausgabe selbst sei noch gesagt, dass es ein umfangreiches Personen- und Sachregister (10 Seiten), eine kleine Einleitung von Funke (4 Seiten) und eine nette Bibliographie (6 Seiten, allerdings neben Fachliteratur auch Weltliteratur wie Hesiod oder Goethe) gibt, die zur weiteren Beschäftigung anregt.
Insgesamt hat mir "Humanismus als reale Utopie" sowohl vom Inhaltlichen als auch vom Lesen selbst sehr gut gefallen, da ich die Thematik spannend finde und die Texte sich sehr gut lesen lassen. Daher von mir 5 Sterne und eine klare Empfehlung für alle, die Fromm kennen und ihn noch besser kennen lernen möchten, und auch die, die ihn noch nicht kennen: Zwar schrieb Fromm m.E. auch in anderen Werken stets verständlich, hier aber ist der Einstieg zum Teil noch angenehmer, da es sich hauptsächlich um Briefe und Reden hält.