Zu glatt, zu kommerziell und überhaupt ohne E-Street-Band und dann auch gleich noch zwei Alben an einem Tag... Wie kann er nur? Das darf er nicht!
Etwas zusammen gestutzt, zugegeben, aber grob in diesem Tenor tönte damals der Chor der Kritiker. Man las kaum eine Rezension von irgendeinem Redakteur in der Musik-Presse der sich im März 1992 mit den beiden Werken "Human touch" und "Lucky town" neutral auseinandergesetzt zu haben schien. Da steht Springsteen auf dem Cover und wenn man dann nicht hört was man erwartet, dann wird Gift geschrieben.
Was war passiert? Nach den gigantischen Erfolgen von 1984 bis 1988 zog sich Springsteen ins Private zurück und beurlaubte die E-Street-Band (und löste sie nicht auf, wie bis heute immer wieder kolportiert wird!), heiratete Patti Scialfa, wurde zweimal Vater und arbeitete relaxt nebenher an einem (diesem) neuen Album. Er experimentierte beim Schreiben soviel wie schon seit Jahren nicht mehr und spielte das Album in Etappen über eineinhalb Jahre (von September 1989 bis März 1991) ein.
So großartig die Alben der letzten 15 Jahre vor diesem auch waren, "Human touch" ist abwechslungsreicher, vielschichtiger, facettenreicher. Das muß natürlich nicht jedem gefallen, aber Songs wie "57 channels", was monoton und cool beinahe nur von einem blubbernden Bass begleitet wird, oder das exotisch schwebende "Soul driver" waren wahrscheinlich nur in diesem Kontext denkbar.
Ja, solche Songs waren ungewöhnlich für Springsteen, nein, schlecht waren sie ganz bestimmt nicht! Sie haben das Springsteen-Universum weiter gemacht, auch wenn nicht jeder Fan in diese Bereiche mitfliegt, so what!? Und auch der Titelsong "Human touch" folgt keiner klaren Rocksong-Struktur, zählt aber zu den großartigsten Nummern die Springsteen bisher geschrieben hat - und die Meßlatte hängt bei ihm bekanntlich hoch!
Bei allen ungewöhnlichen Stilistiken und den vielen Zutaten an Instrumenten und Klangelementen die er in das Album integrierte, hat das Album durchaus einige Songs im Set, die als klassische Springsteen-Songs erkennbar sind und mit der E-Street-Stammbesetzung vermutlich, nein ganz sicher, mehr gerockt hätten. "All or nothing at all" z.B. klingt wie ein entspannter Verwandter von Klassikern wie "Glory days" oder "Hungry heart". "Gloria's eyes", "Man's job" oder "Real world" sind weitere Stücke, die man auch als Cover-Versionen sofort als Springsteen-Kompositionen identifizieren würde.
Nur mit weniger Druck als üblich. Doch wo ist das Gesetzt was vorschreibt, dass Springsteen immer voll auf die zwölf hauen muß?
Wenn ich anführe, dass der Titelsong zu den besten Songs gehört, die der Boss je schrieb, muß man der Fairness halber auch angeben, dass das Album mit "Pony boy", wohl auch das schlechteste Stück seiner Karriere enthält. Es ist das letzte Lied auf dem Album - und das in jedem Wortsinn! Das Vaterglück hatte ihm wohl vorübergehend etwas das Einschätzungsvermögen vernebelt. Privat für den Boss-Sproß mag die Nummer ja am Kinderbett ganz entzückend gewesen sein, für die Öffentlichkeit auf einem Album, ist sie nicht zu gebrauchen. Am besten, Sie schalten nach Track 13 einfach ab.
Das Album war, wie oben erwähnt, im März 1991 im Kasten und wurde erst ein Jahr später veröffentlicht. Weil Springsteen seine Zurückgezogenheit noch ein Jahre länger auskosten wollte. Er schrieb natürlich weiter und im Januar/Februar 1992 spielte er (im Gegensatz zum über 18 Monate produzierten "Human touch") binnen weniger Wochen das nächste Album "Lucky town" ein. Es ist absolut glaubhaft, dass dies bei der Entstehung von "Human touch" überhaupt nicht angedacht war. Beide wurden dann am 31.03.1992 veröffentlicht und Springsteen war fortan wieder eine öffentliche Person und tourte mit dem Doppelpack um den Globus, Privatheit passé.
Abgesehen davon, dass sich die beiden Alben charakterlich wirklich unterscheiden, machte es auch von der Entstehungsgeschichte her Sinn, sie einzeln und nicht als ein Doppel-Album zu veröffentlichen. Nur las man dies damals in keiner Kritik. Da hieß es nur, Springsteen der böse Kapitalist zockt seine Fans ab.
"Human touch" ist nicht das beste Album von Springsteen, aber ein verdammt gutes mit vielen interessanten Zutaten, was man nicht auslassen sollte!